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Vatikan: Die wundersame Vermehrung der Diebe

13.08.2012 | 18:03 |  Von unserem Korrespondenten PAUL KREINER (ROM) (Die Presse)

Der Ex-Butler des Papstes wird wegen Diebstahls vatikanischer Geheimdokumente vor einem ordentlichen Gericht angeklagt. Aber die „VatiLeaks“-Affäre ist damit nicht zu Ende: Es tauchten neue Verdächtige auf.

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Vordergründig war es die Neuheit des Tages: Der Vatikan gab am Montag bekannt, dass Paolo Gabriele, der ehemalige Kammerdiener des Papstes, vor Gericht gestellt wird. Der vatikanische Untersuchungsrichter habe nach dreimonatigen Ermittlungen den Strafprozess wegen „schweren Diebstahls“ päpstlicher Geheimdokumente eingeleitet; dem 46-jährigen Familienvater drohen bis zu sechs Jahre Haft.

Tatsächlich aber hat sich das Szenario erweitert: Hatte der Vatikan bisher beteuert, nur Gabriele sei verantwortlich für „VatiLeaks“, die Weitergabe interner Dokumente an Medien, so sitzt nun ein Zweiter auf der Anklagebank: Claudio Sciarpelletti (48), EDV-Techniker im vatikanischen Staatssekretariat. Bei ihm habe man ein Kuvert mit päpstlichen Papieren gefunden, und zwar im Mai. Er muss sich wegen Begünstigung verantworten. Da er sich bei Verhören in Widersprüche über Ursprung und Zweck des Kuverts verwickelte und es den Stempel „Staatssekretariat – Informations- und Dokumentationsabteilung“ trug, darf über die Verwicklung weiterer Personen spekuliert werden. Zudem sagt die Staatsanwaltschaft, sie habe nur die Ermittlungen gegenüber Gabriele und Sciarpelletti beendet; im „großen, schwierigen Gesamtkomplex“ ermittle man weiter.

Mit weiteren Erkenntnissen ist auch zu rechnen, da der Papst drei Alt-Kardinäle mit Ermittlungen beauftragte. Ihr Bericht steht, der Vatikan verschweigt die Ergebnisse aber „aus Respekt vor der ordentlichen Justiz“.

Laut psychologischen Gutachtern sei Benedikts Butler von „einfacher Intelligenz“ und habe „tiefes Bedürfnis nach Anerkennung“. Mit „großer kommunikativer Kompetenz“ gesegnet, habe er „freundschaftliche Beziehungen zu hochrangigen Vatikan-Prälaten“ gesucht. Zeugen erklären, Gabriele sei sehr gläubig, bete oft und habe jeden Morgen Benedikts Messe besucht. Georg Gänswein, Privatsekretär des Papstes, fügt indes in einer Aussage hinzu, Gabriele habe nur für einfache Büroaufgaben getaugt, man habe ihn stets „anleiten und führen“ müssen.

„Verfall in der Kirche“ geortet

Aber warum stahl der Butler Dokumente? Finanzielle Motive werden in den Gerichtsakten nicht erwähnt. Zitiert wird Gabriele: Bewegt durch ein Enthüllungsbuch über Skandale in der Vatikanbank habe er „Verfall überall in der Kirche gesehen“, einen „Skandal für den Glauben“ befürchtet und gedacht, „dass ein Schock, auch über die Medien, heilsam sei und die Kirche aufs richtige Gleis zurückführen“ könne. Daher habe er Kontakt zum Autor jenes Buches gesucht, Gianluigi Nuzzi, der dann einen Teil der entwendeten Dokumente zu einem Bestseller vereinigt hat.

Für Gabriele erschwerend ist, dass die Polizei in seiner Wohnung auch ein Buch aus dem 16. Jahrhundert, einen Scheck über 100.000 Euro und einen Klumpen mutmaßlich aus Gold fand, Geschenke aus Südamerika für den Papst. Gabriele sagt, er habe den Auftrag gehabt, diese an die zuständigen Stellen weiterzuleiten – im „üblichen Chaos“ seiner Wohnung habe er das wohl vergessen.

Beichtvater bleibt ungeschoren

Ungeschoren bleibt indes Gabrieles Beichtvater, der einzige Kleriker, dessen Verwicklung in VatiLeaks zugegeben wird. Gabriele habe laut Staatsanwaltschaft dem Priester zwar einige entwendete bzw. kopierte Dokumente zukommen lassen; dieser aber will die Papiere „nur“ verbrannt haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2012)

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11 Kommentare
Gast: Einsamkeit der Macht
14.08.2012 22:19
1 0

Interessant, was der Papst alles geschenkt bekommt

Von wem? wofür? wozu?
Und niemanden ist aufgefallen, daß die sonderbar teuren Geschenke plötzlich - schon seit wie lange? - verschwunden waren ...

Interessant, was alles locker abgezweigt werden kann.
Würde erklären, warum ein Griß um Vatikanposten insbesondere beim Papst besteht.

Das demonstrativ gottesfürchtige Paulchen outet sich damit als heuchlerischer gemeiner Dieb. Und Schleimer.

Und der bibliophile, klavierspielende Altphilologe als Papst hat in all den Jahren nichts bemerkt?

Benedikt und Gänswein müssen einen tollen Durcheinander, ein gräßliches Chaos in ihrer Papierlwirtschaft gestiftet haben, da ihnen derartig lange nichts Verschwundenes abgegangen ist. Dort regiert offensichtlich ein Chaotenclub, dem verwunderlich lange Zeit das Abhandenkommen vieler Schriftstücke und diverser Geschenke gar nicht auffiel!

100.000 Euro verschwinden - und niemandem der Kapazunder fällt das auf!

Wozu also noch spenden, wo doch so manches, wie viel?, verschludert, verlegt, abgezweigt wird?
Und niemanden fällt etwas auf.
Die Herren im Vatikan verfügen demnach über viel zu viel Geld.
Und ihr Finazchaos muß himmelschreiend sein?

Die Vatikanherren leben genüßlich in ihrer Traumwelt. Die Realität interessiert sie nicht.

Wäre das herzallerliebste, frömmelnde Paulchen nicht durch eine Unachtsamkeit aufgeflogen, alles wäre geblieben wie bisher.

Man blickt wirklich in Abgründe.
Und das ist erst der allererste Blick durch den Türspalt.

Frischer Wind wäre ein Segen!



Gast: Verstehens-williger
13.08.2012 20:32
8 0

eine Frage

wenn Gabriele erst durch das Enthüllungsbuch von Nuzzi („Sua Santita“) inspiriert wurde Machenschaften aufzudecken, wer hat dann die Dokumente für das Buch geliefert?

Antworten Gast: Su Nuraxi
13.08.2012 22:12
0 0

Re: eine Frage

Gemeint ist nicht "Sua Santità" sondern "Vatikan AG".

Gast: Karl Karl
13.08.2012 20:11
8 0

Hmmmm....

...sich an Kindern vergreifen bringt dich ins Exil, etwas Geld und bedrucktes Papier stehlen bringt dich vor Gericht.

Hmmm....die dunkle Seite der Macht ist sehr verwirrend, junger Skywalker....hmmmm.

Gast: hmmm
13.08.2012 19:53
4 0

der Buttler war´s also

und der Gärtner ist sauber? ;o)

17 0

@ „Bewegt durch ein Enthüllungsbuch über Skandale in der Vatikanbank habe er „Verfall überall in der Kirche gesehen“






da braucht´s nicht extra ein Enthüllungsbuch – den sieht man auch so überall…






Antworten Gast: Hansi Hüpfer
14.08.2012 10:37
0 2

Re: @ „Bewegt durch ein Enthüllungsbuch über Skandale in der Vatikanbank habe er „Verfall überall in der Kirche gesehen“

Ich kann niergends Skandale sehen, die vom Vatikan verursacht wurden. Eine Glaubensgemeinschaft, die weltweit mit 20 000 000+ Menschen jährlich wächst, sollte Probleme haben; hat sie aber nicht. Die total marginalisierten österr. Linken, nach jahrelanger atheistischer Gehirnwsche militant antiklerikal, die in den Medien vorkommen, sollten mit Bedauern und Verständnis zurückgeführt werden. Und wenn sie nicht wollen dann eben nicht.

Antworten Antworten Gast: kein Piusbruder
15.08.2012 10:08
1 0

?!

bist du es Bruder Pius?

15 0

@ „Ungeschoren bleibt indes Gabrieles Beichtvater, der einzige Kleriker, dessen Verwicklung in VatiLeaks zugegeben wird“






man hat eh schon ein Bauernopfer…






17 0

@ „Mit weiteren Erkenntnissen ist auch zu rechnen, da der Papst drei Alt-Kardinäle mit Ermittlungen beauftragte. Ihr Bericht steht, der Vatikan verschweigt die Ergebnisse aber „aus Respekt vor der ordentlichen Justiz“.“






Glasnost á la Vatikan…