Wien/Islamabad/HD/Sig/ag. Die Drohung der wütenden Menge war unmissverständlich: Wenn das elfjährige Mädchen nicht sofort festgenommen und im Sinne des islamischen Rechts bestraft werde, zünde man die Häuser der Christen in dem Vorort der pakistanischen Hauptstadt Islamabad an.
Zunächst zögerte die Polizei, schließlich gab sie aber den Forderungen der hunderten aufgebrachten Muslime nach. Das „Vergehen“ der elfjährigen, geistig behinderten Rifta: Sie soll vor ihrem Haus ein Buch mit Koranversen oder einzelne Seiten der heiligen Schrift der Muslime verbrannt haben – was ein Verstoß gegen Pakistans umstrittenes Blasphemie-Gesetz wäre. Wenige Tage nach der Verhaftung gab die Polizei bekannt, dass das Mädchen unter dem Downsyndrom leide. Rifta habe die Fragen der Beamten nicht beantworten können. Präsident Asif Ali Zardari veranlasste nun, die Verhaftung einer Prüfung zu unterziehen.
Ein Sprecher sagte, man untersuche, ob das Mädchen tatsächlich – und bewusst – Seiten des Korans verbrannt habe. Dabei gesehen hat es nämlich niemand. Augenzeugen berichten lediglich, es mit einem Plastiksack mit Asche und einzelnen Fetzen Papier mit arabischer Schrift gesehen zu haben. Medienberichten zufolge bestreitet die muslimische Gemeinschaft die Behinderung des Kindes – das Gesetz müsse also auch in seinem Fall angewendet werden.
Dieses Blasphemie-Gesetz von 1986 verbietet die Beleidigung jeder Religion, wird aber in der Praxis nur bei angeblicher Herabsetzung des Islam angewandt. In besonders schweren Fällen (bei Beleidigung des Propheten Mohammed) kann die Todesstrafe verhängt werden. Diese wurde zwar noch nie vollstreckt, es kommt aber vor, dass Angeklagte nach ihrer Freilassung gelyncht werden.
Medienberichten zufolge flohen nun hunderte Christen aus Angst vor Racheakten aus dem Slum Meherabadi, darunter Riftas Eltern. Laut „Guardian“ mussten etwa 900 Christen auf behördliche Anordnung ihre Häuser verlassen. Viele hätten sich in die überfüllten Slums der Vororte zurückgezogen. In Geschäften werde jenen, die zurückblieben, kein Trinkwasser mehr verkauft. Es ist der Höhepunkt in einem Konflikt, der sich seit Monaten hinzieht: Muslime hatten sich über den Lärm beschwert, der während der Gebete aus den drei Kirchen des Vorortes dringe. Gottesdienste wurden gewaltsam unterbrochen, zwei Kirchen mussten schließen.
Erzbischof: „Gesetz missbraucht“
Die Zeiten für Christen waren in Pakistan schon besser, erzählte Erzbischof Joseph Coutts aus Karachi kürzlich im Gespräch mit der „Presse“: „Staatsgründer Mohammed Ali Jinnah war aufgeklärt, er hat die Freiheit der Religion in der Verfassung verankert. Zia ul-Haq (Militärdiktator 1977 – 1988; Anm.) hat später einige Gesetze erlassen, die für uns sehr problematisch waren.“ Darunter das Blasphemie-Gesetz: „Es kann sehr leicht missbraucht werden“, meint Coutts. Etwa bei Nachbarschaftsstreitigkeiten oder Eifersuchtsdramen: „Da reicht es oft, wenn man sagt: ,Der Mann da hat etwas Schlechtes über den Propheten gesagt.‘“ Und der Mob gerät außer Kontrolle.
„Christen in Pakistan leben in permanenter Anspannung“, sagt Coutts, der auf Einladung von „Kirche in Not“ in Wien war: „Wir müssen sehr vorsichtig sein, bei allem, was wir sagen.“ Auch Kritik am Blasphemie-Gesetz könne einem Probleme einhandeln. Wobei „Probleme“ leicht untertrieben ist: Minderheitenminister Shahbaz Bhatti, ein Christ, wurde 2011 vom eigenen Leibwächter ermordet, nachdem er für eine Aufhebung des Gesetzes plädiert hatte.
Der Regierung will Coutts keine direkte Schuld daran geben, dass sich die Verhältnisse für Christen sukzessive verschlechtern: „Die Regierung ist einfach nicht stark genug, um den Extremismus zu kontrollieren. Was kann ich als Bischof schon tun, wenn sogar mächtige Leute wie ein Minister getötet werden?“
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