Bei der Wahl des Nachfolgers von Papst Johannes Paul II., aus der Joseph Ratzinger erfolgreich hervorging, war er der Hoffnungsträger des "liberalen" Lagers im Kardinalskollegium: Kardinal Carlo Maria Martini galt als herausragende Persönlichkeit der Kirche in Italien. Am Freitag ist er im Alter von 85 Jahren gestorben.
Als Erzbischof von Mailand leitete er 22 Jahre lang bis 2002 die größte Diözese Europas. Wie kaum ein anderer forcierte der brillante und weltoffene Theologe den Dialog zwischen Kirche und säkularer Gesellschaft. Dabei bezog der Jesuit bei nahezu allen heißen Fragen Gegenposition zu den Konservativen, vom Thema der Dezentralisierung der Kirche über Sexualität bis zur Frage der Stärkung der Laien und der Frauen innerhalb der Hierarchie.
Martini wurde im Februar 1927 in Turin geboren. Mit 17 Jahren trat er den Jesuiten bei. Er studierte Philosophie an der Jesuitenuniversität in Gallarate bei Mailand und Theologie an der theologischen Fakultät in Chieri, wo er 1952 im Alter von 25 Jahren zum Priester geweiht wurde. Später promovierte er an der päpstlichen Gregoriana-Universität, deren Rektor er 1978 wurde. Ein Jahr später schickte ihn Papst Johannes Paul II. wegen seiner Vermittlerqualitäten als Erzbischof nach Mailand.
Johannes Paul II. persönlich weihte Martini am 6. Jänner 1980 im Petersdom zum Bischof. Drei Jahre später erhielt der Jesuit das Kardinalsbirett. In Mailand kümmerte er sich um die großen kirchenpolitischen Fragen ebenso wie um die Jugendarbeit oder die Ausländer-Pastorale. Bis 2002 leitete Martini Europas größte Diözese und eines der größten katholischen Amtsgebiete der Welt.
Der Professor für Fundamentaltheologie wurde in dem traditionsreichen Bistum rasch zu einem Bezugspunkt für Gläubige und Nichtglaubende. Tausende von jungen Menschen verfolgten seine regelmäßigen Gebete im Mailänder Dom, seine Bischofstexte erreichen Auflagen wie Bestseller. Bis 1993 war er Präsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen.
Der Bibelwissenschaftler verbrachte nach seiner Emeritierung längere Zeit in Jerusalem zum Studium der Heiligen Schrift. Auch von dort schaltet sich Martini immer wieder in die öffentliche Debatte ein. Dabei lösten seine differenzierten Stellungnahmen zu Euthanasie und Sterbehilfe, zu Apparatemedizin und Patientenverfügung immer wieder lebhafte Diskussionen in der italienischen Öffentlichkeit aus. Internationale Beachtung fanden seine Stellungnahmen zum Islam, in denen er als erster eine "gerechte Wechselseitigkeit" zwischen Christen und Muslimen einforderte.
Nachdem er an Parkinson erkrankt war, kehrte Martini von Jerusalem nach Italien zurück. Zuletzt lebte er in einem Jesuitenheim in Gallarate. In den letzten Wochen hatte sich sein Zustand wesentlich verschlechtert.
(APA)
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