Mombasa. Die Plünderer, es waren etwa 100, kamen um ein Uhr mittags. „Ein paar kletterten über die Mauer und öffneten den anderen das Tor“, erzählt Kirchenmeister Norman Muita. Der Wachmann konnte ihn in letzter Minute warnen, Muita stürzte aus der Kirche und versteckte sich in einem angrenzenden Bau. Die presbyterianische St.-Margret-Kirche in Mombasas Stadtteil Kisauni war eine von sechs Kirchen in der kenianischen Küstenstadt, die muslimische Jugendliche vergangene Woche überfallen, angezündet und leer geräumt haben.
Doch der eigentliche Protest richte sich nicht gegen die christliche Mitbevölkerung, glauben viele Beobachter, sondern gegen die Polizei. Es geht um den Mord an dem umstrittenen Sheikh Aboud Rogo am vergangenen Montag. USA und UNO galt er als Mitglied der radikal-islamischen al-Shabaab-Milizen, die weite Teile Somalias kontrollieren und mehrfach Anschläge im benachbarten Ausland, darunter auch in Kenia, verübten. Auf dem Weg zu einem Krankenhaus wurde er von Unbekannten in seinem Auto regelrecht hingerichtet. Seine Frau, die ins Bein getroffen wurde, soll in einem Spital im Koma liegen, direkt neben jener Moschee, die dann zum Ausgangspunkt für erbitterte Straßenschlachten wurde. Fünf Menschen starben bei den Unruhen.
„Hier“ sagt Kirchenmeister Muita, und zeigt auf ein etwas dunkleres Rechteck auf der hellgrünen Wand, „hing ein Spiegel. Und da lagen die großen Bibeln. Die haben sie alle verbrannt.“ Nur den Koran hätten die Plünderer im Bücherregal gelassen. Wieder im Hof draußen berichtet er weiter: „Das hier war alles voller Rauch.“ Ob die Plünderer wiederkommen werden? „Ich weiß nicht. Zu holen gibt es nichts mehr. Sie haben ja schon alles mitgenommen.“ Außer sie würden den Christen nun nach dem Leben trachten. Beim Abschied am Tor ruft der Muezzin der benachbarten Moschee zum Mittagsgebet. Muitas Begleiter zuckt die Schultern: „Das ist jetzt ihre Zeit.“
Anschläge schädigten Tourismus
Hotelbetreiber fürchten, dass die negativen Schlagzeilen das Urlaubsparadies in Verruf bringen. Mombasa lebt vom Tourismus. Anschläge haben die Besucherzahlen wiederholt steil abstürzen lassen. Großbritannien, Australien und Frankreich gaben bereits Reisewarnungen heraus, Air Berlin will Mombasa ab Sommer 2013 vom Streckenplan streichen. Noch spürt man indes kaum Auswirkungen der jüngsten Gewalt, meinen Hoteliers in den umliegenden Touristenorten. Immerhin tummeln sich die meisten Besucher außerhalb des Zentrums entlang der lang gezogenen, weißen Palmenstrände. Nur über die im Zuge der Proteste blockierten Zufahrtsstraßen beschwerten sie sich.
Wenige Kilometer nördlich von Mombasa liegt Nyali, ein Touristenmagnet. Auf einem Parkplatz schlendern rot geröstete Urlauber zwischen handgefertigten Souvenirs, von Massai in ihren traditionellen roten und orangefarbenen Decken feilgeboten. Hier fühlt man sich sicher vor den Unruhen.
Auf einer sonnigen Terrasse nebenan sitzt Suleiman Shahbal, ein aussichtsreicher Kandidat für den Gouverneursposten in Mombasa. „Ich habe Sheiks und Bischöfe zusammengetrommelt“, erzählt er: „Beide Seiten kamen, aber die Bischöfe waren fünf Minuten später wieder weg.“ Sie hätten einen „Waffenstillstand“ gefordert, auf den die Sheiks aber nicht eingehen konnten, weil es dazu erst einen Krieg brauche. Und den gebe es ja nicht. „Sie sagen, sie könnten die Jungen nicht zurückrufen, denn sie hätten sie ja nicht geschickt.“
Nach dem Freitagsgebet schließen die Geschäfte rund um die Zentren der jüngsten Unruhen. Geschäfte, die Wand an Wand von Muslimen und Christen betrieben werden. Die Anspannung ist groß. Zu viele Zusammenstöße hat es gegeben, zu viel Misstrauen wurde geweckt, auf beiden Seiten.
Als um punkt ein Uhr die Männer aus der Moschee strömen, stehen bewaffnete Polizisten bereit. In einem kurzen emotionalen Ausbruch fordern die Gläubigen „Frieden“ und „Gerechtigkeit für Rogo“. Der Großteil verliert sich in den umliegenden Straßen, ein kleiner Kern wird aggressiver. Aufgebracht erklärt ein junger Mann: „Wir fürchten Gott – nicht die Regierung.“ Er wolle Frieden. „Aber die können nicht einen meiner Brüder umbringen. Das ist nicht Frieden.“ Er sei von weit her zum Begräbnis Rogos angereist, um mit eigenen Augen zu sehen, dass er wirklich tot sei. Von der anderen Seite bewegt sich die Polizei auf die schrumpfende Gruppe zu. Dann stehen sich die Fronten gegenüber.
„Jugend ist unglaublich wütend“
Es sind die älteren und die Imame, die die angespannte Situation schließlich auflösen. Sie stellen sich in die Mitte, weisen die aufgebrachten jungen Männer an, nach Hause zu gehen, und ersuchen die näherrückenden Polizisten, zurückzuweichen. Jamal Abdallah, einer der Älteren, beobachtet vom Straßenrand, wie schließlich beide Seiten widerwillig auseinandergehen: „Ich glaube nicht, dass es vorbei ist“, meint er besorgt: „Die Jugend ist so unglaublich wütend.“ Was heute und hier nicht geschah, werde eben woanders zu einem anderen Zeitpunkt passieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2012)
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