Fall „VatiLeaks“: Munkeln und Menscheln im Kirchenstaat

Wie brisant die vom päpstlichen Kammerdiener gestohlenen Dokumente wirklich sind, kann man nun endlich auf Deutsch nachlesen. Was enthalten die veröffentlichten Schirftstücke eigentlich genau?

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(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

Warum entwendet einer der engsten Mitarbeiter jahrelang vertrauliche Dokumente aus dem Besitz des Papstes? Hat er Hintermänner? Wenn ja, welche, und welches Ziel verfolgen die „Verschwörer“? Noch im September soll im Vatikan der Prozess gegen Paolo Gabriele beginnen und Antworten auf diese seit Monaten unbeantworteten Fragen bringen.

Einstweilen ist das Buch, das den Fall „Vatileaks“ ins Rollen gebracht hat, auf Deutsch erschienen. Jahrelang hatte Gabriele mehr oder weniger zufällig gesammelt, was er in die Hände bekam, etwa Schreiben an den Privatsekretär des Papstes, Georg Gänswein. Schließlich übergab er dem italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi Dutzende Dokumente, die Nuzzi im Mai dieses Jahres in seinem Buch „Sua Santità“ veröffentlichte. Der Informant war gleich gefunden, und Gabriele steht derzeit unter Hausarrest.

Aber was enthalten die veröffentlichten Dokumente eigentlich genau? Zwar war im deutschsprachigen Raum massenhaft von „Skandalen“, „dunklen Geheimnissen“ und „Machenschaften“ die Rede, aber die Leser erfuhren so gut wie nichts Genaues über den Inhalt der Textstücke; in den Internetforen des Magazins „Spiegel“ etwa fragten scharenweise irritierte Leser, was nun eigentlich drinstehe in den angeblich so brisanten Dokumenten.

Opfer der Intrige?

Jetzt kann sie jeder selbst auf Deutsch lesen und versteht dann wohl auch die mediale Informationsknauserei: Die Schriftstücke – großteils Briefe – sind alles in allem nur mäßig interessant. Sie zeugen zwar von Macht- und Richtungskämpfen im Vatikan, diese können aber wohl nur von intimsten Vatikanisten beurteilt werden. Einer beschuldigt andere, aber was ist berechtigte Kritik, was Verleumdung?

Das betrifft die Affäre um den wegen angeblicher Homosexualität entlassenen Chefredakteur der italienischen Zeitung „Avvenire“ genauso wie die Absetzung des Prälaten Carlo Maria Viganò als Generalsekretär des Governatorats. Im Buch sind Beschwerdebriefe der beiden zu lesen, beide sehen sich als Opfer von Intrigen – der eine wegen seiner Haltung zur italienischen Politik, der andere wegen seiner Versuche, Korruption und Misswirtschaft zu bekämpfen; und beide klagen mehr oder weniger direkt die rechte Hand des Papstes an, auch gern die Nummer zwei des Vatikans genannt: den Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone.

Auch andere Briefschreiber beschweren sich über Bertone, zu Recht, zu Unrecht? Dass seine Eignung für das Amt von vielen bestritten wird, ist jedenfalls nichts Neues.

Ansonsten bezieht sich der Großteil der Dokumente auf ohnehin Bekanntes oder Gemunkeltes, ohne neues Licht darauf zu werfen. Man erfährt z. B., dass Mitarbeiter der Regierung Berlusconi und des Vatikans über eine gesetzliche Neuregelung berieten, nachdem die EU die Befreiung kirchlicher Gebäude von der Immobiliensteuer kritisiert hatte. Oder dass der Papst sich mit Staatspräsident Giorgio Napolitano zum Essen getroffen hat. Aber wer hat je bezweifelt, dass die italienische und die vatikanische Politik durch vielerlei diplomatische Kanäle miteinander verbunden sind?
Interessanter ist eine Gesprächsnotiz von Georg Gänswein zum Gründer der „Legionäre Christi“ Marcial Maciel. Daraus geht hervor, dass Gänswein 2011 ein Gespräch mit einem gewissen Rafaele Moreno hatte. „War 18 Jahre Privatsekretär von M. M.“, steht da, „von diesem missbraucht worden. Hat JP II schon 2003 benachrichtigen wollen, dieser hat nicht zugehört, nicht geglaubt“. Der jetzige Papst hatte als Präfekt der Glaubenskongregation schon 1999 eine Untersuchung der Missbrauchsvorwürfe gegen Maciel eingeleitet, 2002 aber wieder abgebrochen (möglicherweise auf Wunsch Johannes Pauls II.) und 2005 wieder aufgenommen. Ein Jahr später musste sich Maciel aus allen Ämtern zurückziehen, auf ein Verfahren wurde, wie es hieß, aus gesundheitlichen Gründen verzichtet. Dass die Mühlen des Vatikans beim Thema Missbrauch – wie in diesem Fall – allzu langsam mahlten, ist allerdings auch seit Langem wohlbekannt.

Auch was die Piusbrüder betrifft, veröffentlicht Nuzzi ein Dokument. Im Jänner 2009, wenige Tage nachdem durchgesickert war, dass der Papst die Exkommunikation der Lefebvre-Bischöfe aufheben wolle, veröffentlichte der „Spiegel“ bekanntlich die Aussage eines jener Bischöfe, Richard Williamson, er glaube nicht an die Existenz von Gaskammern unter Hitler. Der Vatikan reagierte tagelang nicht darauf. Das von Nuzzi veröffentlichte Protokoll eines Kardinaltreffens zeigt nun, dass die für das Exkommunikationsaufhebungsdekret Zuständigen tatsächlich zwei Tage nach Veröffentlichung des Interviews noch keine Ahnung von Williamsons Gaskammern-Satz hatten.

„Wir alle haben nun Zugang zu den heiligen Hallen – nicht mehr nur zu den Wunderwerken der Sixtinischen Kapelle und den Schätzen der Vatikanischen Museen“, schreibt Nuzzi im Vorwort. Einen sehr eingeschränkten Zugang freilich: Gianluigi Nuzzi präsentiert sich und seinen Informanten zwar als Helden der Transparenz, aber intransparenter könnten die Herzstücke dieser Textsammlung, die gegenseitigen Beschuldigungen hoher kirchlicher Würdenträger, kaum sein. Wikileaks hat Tatsachen geliefert, „Vatileaks“ liefert mit Vorsicht zu genießende Brocken innervatikanischer Grabenkämpfe. Und noch eins bleibt offen: Sind sie auch wirklich repräsentativ, angesichts einer Gesamtzahl von über 200 Kardinälen?

Vielleicht ist das Erstaunlichste an „Seine Heiligkeit“ sogar, dass es so wenige „Enthüllungen“ bietet. Wenn man den Vatikan für eine verdorbene Organisation hält, sollten dann nicht die Schreibtische der apostolischen Gemächer Beweise für wirklich skandalöse, schmutzige Vorgänge liefern können? Man könnte Nuzzis Buch daher sogar positiv lesen – als Hinweis darauf, dass es im Vatikan gar nicht so schlimm zugeht, wie oft vermutet.

Auf einen Blick

Der Journalist Gianluigi Nuzzi hat bereits mit „Die Vatikan-AG“ ein Vatikan-kritisches Buch geschrieben. Im Mai veröffentlichte er in seinem Buch „Sua Santità“ Dutzende Dokumente aus dem Innersten des Vatikans, die ihm eine Quelle mit dem Decknamen „Maria“ gegeben hatte. Die deutsche Übersetzung ist nun unter dem Titel „Seine Heiligkeit“ im Piper Verlag erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2012)

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