Drewermann: "Wir sind nicht der Mittelpunkt der Evolution"

Tiere sind heuer Thema beim Philosophicum Lech (19. bis 23.9.). Eugen Drewermann spricht dort über eine "neue Ethik". Der "Presse" erklärte er schon davor, was er damit meint: auch ein neues Wirtschaftssystem.

Drewermann sind nicht Mittelpunkt
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Drewermann sind nicht Mittelpunkt
(c) EPA (Mauricio Duenas)

Herr Drewermann, Sie sind christlicher Theologe. Das Christentum versteht sich als Religion der Liebe. Warum war und ist das Tier in diese Liebe nicht eingeschlossen?

Das Christentum pflegt seit jeher eine Ethik, die den Menschen als Krone der Schöpfung sieht. Seine gesamte Ethik ist selbstreferenziell und nur auf den Menschen bezogen. Eine verklausulierte Form des Arten-Egoismus. Was Verantwortung heißt, definiert sich ausschließlich über das, was für die menschliche Spezies von Vorteil ist. Das Christentum beruft sich dabei auf das Alte Testament, auf Genesis 1,28 („Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen“) und entledigt den Menschen damit jeder Verpflichtung gegenüber seinen Mitgeschöpfen. Dabei vergisst es aber, dass die Bibel schon im zweiten Kapitel quasi als Selbstkorrektur Adam mit den Tieren reden lässt, ihnen Namen gibt. Das ist der Weg, Liebe zu lernen und ihr eine Form zu geben. Eine wunderbare Mythe, wie sie bei vielen anderen Völkern ähnlich erzählt wird.

Auch der abendländischen Philosophie kann man nicht nachsagen, sie hätte der Tierethik viel Aufmerksamkeit gewidmet.

Die christliche abendländische Metaphysik und die philosophische Ethik waren immer logozentrisch, rational geprägt: Durch richtiges Denken musste man die Dumpfheit der Kriege und Affekte unter Kontrolle bringen, sich beherrschen. Die Herrschaft über das Tierische im Menschen wurde objektiv damit begründet, der Mensch sei Herr über die Tiere. Die Erkenntnis, dass unsere Gefühle aus dem Tierreich kommen, hat auf sich warten lassen. Spätestens seit der Evolutionslehre Darwins müssten wir eine vollkommen neue Ethik entwickelt haben.

 

Wie sieht die aus?

Wir sind nicht Herren der Schöpfung, wir sind nicht der Mittelpunkt der Evolution, wir sind Teil im Strom des Lebens, eine Welle im Ozean. Wir haben kein Recht, unsere Spezies so auszudehnen, dass alle anderen Kreaturen nur mehr unseren Überlebensinteressen dienen. Genau das aber passiert. Im Jahr 2050 werden wir voraussichtlich neun Milliarden Menschen sein. Das kann die Natur nur aus den Fugen brechen, folgt aber dieser anthropozentrischen Haltung. Wenn man sagt, wir wollen weniger Menschen, damit Krokodile, Schimpansen, Katzen ein Überlebensrecht behalten, gilt das als inhuman und zynisch. Aber wir müssten lernen, im Gleichgewicht mit der Natur zu leben, aus der wir selber kommen. So dramatisch müssten wir unsere Auffassung von Ethik ändern!

 

Davon sind wir weit entfernt.

Das Paradoxe ist, wir haben von Darwin keine vertiefte Weisheit im Umgang mit der Natur und uns selbst gelernt; wir haben den Atheismus gelernt. Wir sind vom Thron gestoßen worden und setzen nun Technik und Naturwissenschaften ein, um uns diesen Platz zurückzuerobern. Wir haben nicht gelernt, die Tiere zu lieben, wir haben gelernt, die Tiere besser auszunutzen. Dahinter steht im Übrigen auch eine verselbstständigte dritte Realität: Das ist nicht die Natur und nicht die Kultur. Das ist die Wirtschaft mit ihren ganz eigenen Gesetzen. Sie lässt das gesamte Reden über Moral Makulatur sein.

Mit Wirtschaft meinen sie wohl ein kapitalistisch geprägtes Wirtschaftssystem?

Ja. Mit ethischen Argumenten kommen Sie einem kapitalistischen Wirtschaftssystem nicht bei. Es kennt kein Mitleid, weder mit den Tieren noch mit Millionen verhungernder Menschen. Seine Logik ist allein die Renditesteigerung. Wachstum ist die Lösung jedes Problems. Wie kann ich mit Geld noch mehr Geld machen? Erst wenn uns selbst die Art, wie wir mit der Umwelt umgehen, zu teuer wird, werden wir umdenken. Denn die Folgewirkungen wären dann in die Preisegestaltung einzurechnen, und dann – da bin ich ganz sicher – ändert sich das Wirtschaftssystem, ändern sich die Politik und die Ethik.

 

Glauben Sie, dass eine nach kommunistischen Prinzipien funktionierende Wirtschaft mit der Natur besser umgeht?

Nein! Der Kommunismus stammt genauso wie das heutige Denken aus dem deutschen Idealismus, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Auch für ihn steht der Mensch im Mittelpunkt von allem. Für ihn ist einzig die menschliche Arbeit wertschöpfend. Was Natur ist, hat nicht gearbeitet und ist daher Rohstoff. Allerdings hätte der Marxismus eine Menge verbessert haben können, denn an sich ist dieses Modell schonender. Bei einer gerechteren Verteilung der Vermögen, der Produktionsmittel und deren Renditen hätte vieles an Grausamkeit wegfallen können. Mit verhungernden Menschen kann man nicht über Tierschutz sprechen. Das ist klar.

Was schlagen Sie also vor?

Wir brauchen ein Gleichgewichtsdenken, ein Wirtschaftssystem, das der Natur nur das entnimmt, was wir ihr auch wieder restituieren. Aber wir haben ein Wachstumsmodell, was nichts anderes heißt als fortschreitende Zerstörung bei ständig steigendem Tempo. Das gilt heute als politisch korrekt.

 

Sie klingen deprimiert.

Ich bin überhaupt nicht deprimiert, weil ich religiös denke. Dächte ich als Politiker oder Umweltschützer, wäre ich wohl am Verzweifeln. Eine Veränderung ist auf lange Zeit nämlich nicht in Sicht.

 

Inwiefern hilft Ihnen Ihre Religiosität?

Sie ist für mich der wichtigste Trost. Man muss die Dinge sagen, weil sie richtig sind, sie tun, weil sie innerlich stimmen. Ob und wann man damit Erfolg hat, ist sekundär. Schön, wenn er sich einstellt, aber daraufhin kann man nicht leben. Eigentlich wünsche ich mir in diesem Zusammenhang nur eines.

 

Das wäre?

Dass wir auf Grundlage einer veränderten Ethik zulassen, was nach Schopenhauer jede Ethik trägt: allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht entgegenzubringen wie dem eigenen und Mitleid mit jeder leidempfindenden Kreatur zu haben. Damit ist ganz von alleine klar, was man tun darf und was nicht.

Zur Person

Eugen Drewermann, Theologe und Psychotherapeut, wurde 1940 in Bergkamen geboren. 1991 wurde ihm die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen, ein Jahr später erteilte ihm der Erzbischof von Paderborn Predigtverbot. Zu seinem 65. Geburtstag trat er aus der römisch-katholischen Kirche aus. Heute arbeitet Drewermann als Therapeut und Vortragender; er hat über 80 Bücher verfasst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2012)

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