Wenn es um die Frage geht, ob Jesus eine Frau und Sex hatte, dann braucht es keinen Dan Brown („Da Vinci Code“), die Geschichte selbst ist spannend genug, die jüngste beginnt 2010. Da erhielt Karen King – sie hält derzeit den ältesten theologischen Lehrstuhl der USA, den Hollis Chair of Divinity in Harvard – ein E-Mail von einem privaten Sammler, der sie bat, etwas aus dem Koptischen zu übersetzen, darauf ist King spezialisiert, sie hat viel über frühere koptische Literatur publiziert, vor allem über apokryphe Evangelien. So eines bekam sie auch bald nach dem Mail zu sehen bzw. ein Fragment davon – acht mal vier Zentimeter –, das beidseitig beschriftet ist bzw. war, auf einer Seite ist der Text fast völlig verblichen. Auf der anderen sind acht Zeilen zumindest partiell erhalten.
„Ein Beweis für eine mögliche Ehe“
Über den Besitzer weiß man nichts, er will anonym bleiben, immerhin lässt sich zurückverfolgen, dass der Papyrus 1982 im Besitz eines Ägyptologen der Freien Universität Berlin war, er hieß Fecht, und er erzählte einem Kollegen etwas, der notierte: „Professor Fecht glaubt, dass der kleine Papyrus das einzige Beispiel für einen Text ist, in dem Jesus die direkte Rede in Bezug auf eine Ehefrau benutzt. Fecht meint, dass dies ein Beweis für eine mögliche Ehe sein könnte.“ Denn die vierte Zeile lautet: „Jesus sprach zu ihnen: ,Mein Weib...‘“ So steht es da in sahidischem Koptisch, das einst in Südägypten gesprochen wurde, die Handschrift ist ungelenk, deutet aber von der Linienführung auf das vierte Jahrhundert. Und die Erzählweise deutet – im Vergleich mit anderen Apokryphen – auf das zweite Jahrhundert, offenbar wurde der Text damals aus dem Griechischen übersetzt und später kopiert.
Allem Anschein nach ist er echt, darauf deutet das Verbleichen, darauf deutet auch, dass der Text so lange nicht publik wurde. Wer ihn verfasst hat, ist unbekannt, King nennt ihn nach dem Inhalt: „Das Evangelium von Jesu Weib“. Und sie interpretiert mit Vorsicht: „Das ist der einzige erhaltene antike Text, in dem Jesus ausdrücklich im Zusammenhang mit einer Frau porträtiert wird. Er bietet keinen Beweis dafür, dass der historische Jesus verheiratet war“ – der Text stammt schließlich aus dem zweiten Jahrhundert –, „aber er zeigt, dass es innerhalb der Christen früh zu Auseinandersetzungen über Sexualität, Ehe und Jüngerschaft gekommen ist.“
Im Korpus der offiziellen Evangelien ist von all dem erstaunlich wenig die Rede. Allerdings taucht an zentralen Stellen immer wieder die Frau auf, um die sich später der Streit kristallisierte, Maria Magdalena, sie war bei der Kreuzigung und beim Begräbnis dabei, sie sah als Erste den Auferstandenen, sie war auch bis ins vierte Jahrhundert hoch geachtet, erst dann brachte Papst Gregor sie als Prostituierte in Verruf. Nur einer war von Beginn gegen sie, Petrus. „Maria soll uns verlassen, denn Frauen sind des Lebens nicht würdig“, fordert er im Thomas-Evangelium. Die direkte Antwort könnte in der dritten Zeile des jetzigen Fundes stehen: „Maria ist dessen würdig“, sprach der Herr, in der fünften Zeile wird er noch deutlicher: „Sie wird fähig sein, meine Jüngerin zu sein.“ (Die sechste Zeile ist vielleicht eine Zurechtweisung des Petrus: „Lasst böse Menschen sich aufblähen.“)
Maria Magdalena auf den Mund geküsst
Bei Petrus mag es schlicht um Konkurrenz und Eifersucht gehen, aber bei Maria Magdalena geht es natürlich auch um Sex, sie ist es, die Jesus „Mein Weib“ nennt. Das ist nicht ganz neu, auch zwei andere Apokryphen formulieren offen: Im „Evangelium der Maria“ heißt es, dass der Erlöser Maria Magdalena mehr liebte als „andere Frauen“ und auch mehr „als uns“ (die männlichen Jünger), und im „Evangelium des Philip“ küsste der Erlöser Maria Magdalena „viele Male auf den Mund“. Aber um Philip scharten sich Christen, die es mit der Ehe und der Sexualität hielten, offenbar taten das auch die Verfasser des nun publizierten Papyrus (Harvard Theological Review, 106, S.1).
Das taten nicht alle, die Gegenfraktion war stark, das begann im ersten Jahrhundert – bei Lukas (20, 35) und Markus (12, 25) werden sie zur Erlösung Auserwählten „weder freien noch sich freien lassen“ – und steigerte sich bis zu Clemens von Alexandria (etwa 150–215), der von Christen berichtete, die die Ehe für ein Werk des Teufels hielten und „stolz sagen, dass sie den Herrn nachahmen, der weder verheiratet war noch Besitz hatte“. So weit ging Clemens selbst nicht, aber er brachte früh die christliche Sexualmoral auf einen Stand, der lange hielt: Sexualität habe allein der Reproduktion zu dienen und gefühlsfrei praktiziert zu werden: „Wir sind Kinder des Willens, nicht des Verlangens.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2012)

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