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Schönborn: Radikalreform für die Kirche Wiens

19.09.2012 | 21:56 |  von DIETMAR NEUWIRTH (DiePresse.com)

Viele der 660 Pfarren werden die Reform Kardinal Schönborns nicht überleben. Sie werden großzügig zusammengelegt. Laien sollen Teilgemeinden leiten dürfen.

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[WIEN/d. n.] „Das ist wahrscheinlich der größte strukturelle Umbau in der Erzdiözese Wien seit Kaiser Joseph II., also seit 200 Jahren." Mit diesen Worten hat Kardinal Christoph Schönborn Mittwoch Abend eine völlig überraschend angesetzte Erklärung zu einer tief gehenden Strukturreform seiner Diözese eingeleitet.

Die wesentlichsten Punkte: Wegen des Rückgangs der Zahl der Priester, der Zahl der Katholiken und der Gottesdienstbesucher sollen - beginnend schon mit Jänner nächsten Jahres - bestehende Pfarren aufgelöst und mit anderen zu größeren Pfarren zusammengelegt werden. Laien werden die alten Pfarren, die nun Teilgemeinden sein sollen, leiten.

Bis 2022 sollen sich laut Schönborn 80 Prozent der heutigen Pfarren in der neuen Struktur finden. Wie viele der 660 Pfarren am Ende der Reform noch bestehen werden, ist derzeit laut Generalvikar Nikolaus Krasa unbekannt. Es werden sich aber wohl einige hundert in einer größeren Einheit wieder finden müssen.

Der Kardinal ahnt um die Schwierigkeiten bei der Umsetzung seines Umbaus, wenn er wörtlich sagt: „Es warten noch viele Probleme. Es gilt Abschied zu nehmen von vielem, was lieb geworden ist. Der Abschied soll aber auch ein Aufbruch sein." Die Vorgaben der Steuerungsgruppe der Diözesanreform unter Vorsitz Schönborns im Detail:

  • Mehrere Priester sind aktiv in einer Pfarre eingesetzt. „Sinnvollerweise mindestens drei bis fünf", wie es wörtlich in dem am Mittwoch präsentierten Papier heißt. Einer der Priester ist als Pfarrer dem Erzbischof letztverantwortlich.
  • Die Leitung der Pfarre wird prinzipiell gemeinschaftlich wahrgenommen - und zwar von Priestern wie Laien. Es gilt „partizipative Führung mit klarer Aufgabenzuteilung" - was aber im wesentlichen auch schon die Aufgabe der derzeit bestehenden Pfarrgemeinderäte ist.
  • „Die Filialgemeinden (katholische Gemeinden vor Ort, die einer größeren Pfarre angehören) werden in Gemeinschaft von Getauften und Gefirmten ehrenamtlich geleitet." Das heißt übersetzt: Laien sollen diese Gemeinden leiten.
  • Alle kirchlichen Aktivitäten sollen stärker missionarisch ausgerichtet werden - immerhin ist das der Grundauftrag der katholischen Kirche, wie Schönborn erinnerte, der hinzufügte: „Mission first."
  • Möglichst viele sollen am Sonntag den Pfarrgottesdienst (auch in einer örtlich entfernteren Kirche) besuchen. Daneben werden aber in Filialgemeinden auch Wortgottesdienste ohne Priester gefeiert.

Wie geht es weiter?

Kardinal Schönborn betonte ausdrücklich, dass mit der Reform die Gemeinden nicht abgeschafft werden. Im Gegenteil: „In den neuen Pfarren sollen sich mehr und lebendigere Gemeinden entfalten können." Durch den Wegfall administrativer Tätigkeiten soll die Kirche gleichfalls wieder missionarischer werden und den Menschen an ihren jeweiligen Lebensorten nahe sein, so Schönborn.

Wie geht es nun weiter? Die Grundstruktur soll der Erzdiözese, allen hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern nahe gebracht. In den einzelnen Dekanaten (Ebene über den Pfarren) sollen Modelle gesucht werden, die Vorgaben der Zentrale zu erfüllen.

 

(Die Presse am Donnerstag, 20.09.2012)

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48 Kommentare
 
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Gast: Ludmilla
22.09.2012 10:09
0 0

Guter Weg

Wenn eine Reform vom Kardinal kommt ist Sie automatisch falsch? Es ist doch ein guter Weg, die Kirchgänger werden immer weniger und in Wien ist doch alles gut auf kurzen Wegen auch mit Öffis erreichbar. Da können die Laien Pfarrer spielen und ihre Wortgottesdienste abhalten wie sie wollen. Die echten Gottesdienste mit echten Pfarrern und Eucharistie weren dann wenigstens wieder mehr besucht sein, weil sich eben nicht alle Gläubigen mit Ungehorsamen begnügen wollen.

Gast: Sorge um das Seelenheil?
21.09.2012 05:18
0 2

Da hat wohl ein McKinsey-Teufelchen oder einer jener laizistischen Steinmetze oder gar ein getarnter M-Bruder dem um jeden Preis modern sein wollenden, ahnungslosen Kirchenfürsten seine kirchezersetzende Saat um teures kirchensteuerzahlergeld angedreht?!

Mit dieser Radikalreform kann der Herr Kardinal gewiß sein, daß in allerlängstens 15 Jahren auf fast allen Kirchen Wiens der goldene Halbmond im Sonnenlicht leuchten wird. Ist der islamdialogversessene Schönborn etwa ein Doppelagent der Moslems? Oder hat der Vatikan bereits die deutschsprachigen Länder gänzlich abgeschrieben, was der ziemlich enttäuschende letzte Papstbesuch in DL vermuten läßt (Desavouierung der Protestanten und Huldigung gegenüber dem Islam)? Oder ist Schönborn nicht nur Grabesritter sondern auch, wie einst über den roten Kardinal König gemunkelt wurde, einer der eher seltenen katholischen Freimaurer?:

Verwunderlich ist jedenfalls, daß ein dem Freimaurer Joseph II. nacheifernder und deshalb als ruhmsüchtig einzuschätzender, bisher überhaupt nicht radikaler sondern eher erzkonservativer Kardinal (O-Ton: „Das ist wahrscheinlich der größte strukturelle Umbau in der Erzdiözese Wien seit Kaiser Joseph II., also seit 200 Jahren.") plötzlich beinhart radikal dem schnöden Mammon bzw. der Rendite/dem ROI und damit der Glaubensauslöschung und keinesfalls der ersehnten spirituellen Erneuerung durch besonders kundenfreundliches Service seinen Noch-Gläubigen dient.

Diese hinsichtlich der zu erwartenden Konsequenzen wenig durchdachte Radikalreform wird viel rascher die Kirchen nachhaltig leeren als eigentlich zu erwarten wäre.

Ist diese Säuberung von Gläubigen wirklich den kurzfristigen pekuniären Erfolg wert?

Das Seelenheil vieler ist demnach keinen Cent wert!?

Gast: the raptor
20.09.2012 18:40
0 2

Aha, ...

... "Abwracken" heißt bei der ED jetzt "struktureller Umbau". Interessant.

0 0

mein Mentor war der Waldviertler Kräuterpfarrer

Trotz seines Erfolges finde ich als Insider, hätte er mit einiger Hilfe, die Welt weit mehr bewegt. So denke ich an die Jugendgruppe, für die er kaum Zeit fand. Neben seiner Kirche las er sonntags ebenso die Messe in der Nachbarortschaft.
So dürfte die Reorganisation der Pfarren von Interesse sein und kann dem Kardinal beipflichten, dass die Moderne auch ein modernes Management bedingt, welches sich den verschiedensten Agenden zu stellen vermag.
So fände ich die Jugendbewegung und die Aktivitäten einer Gemeinde bereits als full-time Job, während sich der Seelsorger mehr um den Einzelnen kümmert.

Gast: tg
20.09.2012 14:22
4 2

Nachnutzung der Kirchen...

In den Niederlanden, konkret in Haarlem/Amsterdam gibt es schöne Beispiele für die Nachnutzung der dann freiwerdenden Kirchen. Eine Kirche wurde innen zu einem Wohnhaus umgebaut (außen sieht sie klassisch wie eine Kirche aus), eine andere zu einem Restaurant/Bar mit Brauerei (sehr schöne Innengestaltung...).

Ich bin gespannt ob das auch in Österreich denkbar ist...

Antworten Gast: sacerdos in afternitatem...
20.09.2012 20:11
0 3

Re: Nachnutzung der Kirchen...

Der reichen monachischen Tradition unseres tief im katholischen Glauben verwurzelten Landes wäre vermutlich eher eine Nachnutzung als Laufhaus für Sängerknaben angemessen.

Da täten die Herrn Seelsorger vermutlich Schlange stehen, zum Einweihen...

Antworten Antworten Gast: ksjons
21.09.2012 01:11
0 0

Re: Re: Nachnutzung der Kirchen...

Warum sind Sie eigentlioh so bitter, der Schelm ist so wie er denkt...

Antworten Gast: Nachnutz ist ein Problem!
20.09.2012 14:58
3 0

Re: Nachnutzung der Kirchen...

Da hätte ich auch sehr schöne Ideen, nur leider fehlt es halt wie üblich am nötigen Taschengeld.

Und es stört mich das beide aufgezeigten Projekte reine kommerzielle Verwendung sind, da denke ich wir sollten zumindest so viel sein, das das für die Allgemeinheit zugänglich bleibt, schließlich haben unser Vorfahren das sicher nicht errichtet um daraus Wirtshäuser und Wohnungen zu bauen, soviel Respekt sollte sein!

Gast: aiuto
20.09.2012 13:52
3 1

Umstrukturierung ?

Wenn sch Umstrukturierung, dann müßte aber auch das Konkordat ausgesetzt oder neu verhandelt werden. Damals ist man nämlich noch von einer weit größeren Zahl von praktizierenden Katholiken ausgegangen...
hier gibt es dringenden Handlungsbedarf.

Jede Religionsgemeinschaft ..

sollte in erster Linie verpflichtet sein kostenneutral zu wirtschaften und ohne Subventionen aus öffentlichen Mitteln auskommen.

Wäre ein kleiner Schritt um das exzessive Government Spending zu verringern.

Re: Jede Religionsgemeinschaft ..

Da fällt mir ein Terry Pratchett Zitat ein: "Thou shalt not submit your god to market forces"

Vielleicht kann das in Wien noch funktionieren, aber Kardinal Schönborn gibt ein schlechtes Vorbild für den Rest Österreichs. Wenn der Pfarrer dann 1h entfernt wohnt, und der überforderte Pfarrgemeinderat die Kirche auch noch betreuen soll, dann kann das langfristig nur zur Schließung der Kirche führen.

Wenn überhaupt eine Gelddiskussion, dann bitte ein Vorbild bei den Raiffeisenbanken nehmen, die auch im kleinen Umfeld Präsenz zeigen können.

Antworten Antworten Gast: Paulchen Panther
20.09.2012 13:02
0 5

Re: Re: Jede Religionsgemeinschaft ..

"der überforderte Pfarrgemeinderat"

Das war hoffentlich als Witz gemeint.

Infrastruktur

deswegen bin ich vehement gegen den Neubau von Moscheen. Es gibt doch genügend ungenutzte Infrastruktur !

zu wenig Personal?

Fachkräftemangel?


Gast: Hammvieh
20.09.2012 12:05
3 1

Joseph II.

Da hat er sich ja ein schoenes Vorbild ausgesucht.

Re: Joseph II.

lesen...
Kein Vorbild sondern eine Epoche.

Antworten Gast: Alles für, nichts durch das Volk
20.09.2012 12:10
1 1

Re: Joseph II.

Das habe ich mir allerdings auch gedacht.

Gast: Nachdenkender Christ
20.09.2012 11:17
4 9

Das ist das Ende der Kirche von Wien - früher als erwartet

Strukturen zu zerschlagen und in schwammige Konstrukte überzuführen wird nur Verwirrung bringen. "Gemeinschaftliche Leitung der Pfarre" ist vollkommen illusorisch und widerspricht dem katholischen Selbstverständnis.

Kardinal Schönborn hat sich hier - wieder einmal - zum Handlanger kirchenfeindlicher Kräfte gemacht. Ein Wolf im Kardinalspelz.

Die Piusbruderschaft wird sich vermutlich bald über erhöhten Zulauf freuen können, während die "im Aufbruch von Mission First gemeinschaftlich die Pfarre Leitenden" dann sich gegenseitig leiten können.

So wird sich bald die Spreu vom Weizen trennen.

Gast: Reden wir in 1000 Jahren weiter...
20.09.2012 11:16
1 3

(Wenn es da noch eine Kirche gibt?)

1. Würde ich die heilige Messe als Show oder Theater aufziehen, und die jetzige Meßordnung über Bord werfen. Gott sagte nie, man soll nur in Trauer an ihn denken!

2. Würde ich darüber nachdenken doch das Zölibat zuzulassen, dann könnte auch die Frau und deren Kinder in die Gestaltung der Messe einbezogen werden, was gäbe es schöneres als wenn eine Kardinal samt seiner Frau und seinen Kindern die Osternacht feiert?

3. Sollten die Kirchen die ohnedies abgesperrt sind, während der freien Zeit für nichtkommerzielle künstlerische und kulturelle Angebote freigegeben werden.

Die Kirche könnte so schön sein, wenn man nur wollte, aber Jesus sagte ja, sie soll häßlich und für immer und ewig einem Friedhof für Zombies dienen...

Uns so wird der Weg dort hin gehen wo alles vergängliche landet, einmal früher, einmal später...

1 1

Re: (Wenn es da noch eine Kirche gibt?)

"...Gott sagte nie, man soll nur in Trauer an ihn denken!..."

Richtig, deswegen wird das auch nicht gemacht, zentraler Gegenstand der Messe ist der Glaube an die Auferstehung.

Antworten Antworten Gast: Reden wir in 1000 Jahren weiter...
20.09.2012 14:47
0 0

Re: Re: (Wenn es da noch eine Kirche gibt?)

Lol, zentraler Punkt die Auferstehung, die setzt aber den Tod erstmals unweigerlich voraus, damit ist bestätigt das die Heilige. Messe eine Trauerveranstaltung ist.

Und genau so sehen auch die Kirchen selbst aus, sowohl der lebendige als auch der nicht lebendige Teil, Trauer wohin man sieht!

0 0

Re: Re: Re: (Wenn es da noch eine Kirche gibt?)

Nein, da der Tod nicht die Hauptsache ist.
Es wird zwar des Todes gedacht, aber das Wichtigste ist die Auferstehung.
Es ist wie zu Ostern - Karfreitag ist der Trauertag, er ist nicht einmal ein "Feiertag", der Festtag ist der Ostersonntag, der Tag der Auferstehung. Jede Messe ist eine Wiederholung des Osterfestes.

Antworten Gast: Da reden wir nicht mehr...
20.09.2012 11:30
0 1

Re: (Wenn es da noch eine Kirche gibt?)

Angesichts der menschlichen Bemühungen in diese Richtung wird es die Menschheit in 1000 Jahren nicht mehr geben. Seis drum.

Gast: Gello 32
20.09.2012 10:55
8 1

Wäre es nicht si traurig, müßte man shallend lachen


Die Kirchenfürsten, Papst, Schönborn &Co, leben schon längst in einer Parallelwelt und begreifen nichts mehr von der Realität.
Echte Reformen, wie sie die Pfarrerinitiative vorschlägt, werden von den scheinheiligen Kirchenfürsten negiert und bekämpft.

Antworten Gast: Welcome to Eastbourne
20.09.2012 12:10
3 2

Re: Wäre es nicht si traurig, müßte man shallend lachen

Demnach müsste Schüllers Kirche - der übrigens nur eine Pfarre (2 Messen pro Woche, Sa. und So.) betreut - voll sein. Ist sie aber nicht.

Gottesdienst "besuchen"?

...."Möglichst viele sollen am Sonntag den Pfarrgottesdienst (auch in einer örtlich entfernteren Kirche) 'besuchen' "...wenn es in offiziellen kirchlichen Stellungnahmen 50 Jahre nach dem 2. Vatikanum immer noch von "Kirchenbesuchen" die Rede ist, wundert es einen einmal mehr nicht, wie um die Messfeier in den meisten Pfarren bestellt ist: Der Pfarrer ist quasi der Showmaker und Gottesdienst wird "gemacht" wie eine Veranstaltung, zu der man dann hingeht eben wie ein Besucher oder eine Besucherin. Das Verständnis das jeder und jede Getaufter/e u.Gefirmte lebendiger und verzichtbarer Aktuer der Feier ist hat sich immer noch nicht durchgesetzt.

 
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