In der Reformation gab es noch keine YouTube-Videos, aber dafür Schmähschriften. An einer Lateinschule in Berlin schrieb der Theologe Heinrich Knaust 1542 seine Polemik vom „schändlichen Leben“ des „türkischen Abgotts“ Mohammed und seiner „verdammlichen Lehre“. Bei aller Hetze weist die getürkte Religionsgeschichte ungewollt auf gemeinsame Wurzeln hin: Der falsche Prophet habe sich seine Lehre aus Versatzstücken des Christen- und des Judentums zusammengebastelt, um so Anhänger beider Religionen auf seine Seite zu ziehen. Berlin ist freilich auch die Stadt, in der Lessings „Nathan der Weise“ uraufgeführt wurde. Nathans Ringparabel, die ein friedliches Zusammenleben von Christentum, Islam und Judentum beschwört, blieb bis heute ein literarisches Monument der Toleranz. In ihrem Geist soll bald ein steinernes Monument in den Himmel über Berlin ragen: ein gemeinsames Gotteshaus der drei großen monotheistischen Religionen – just auf dem Petriplatz, auf dem früher die Lateinschule des Herrn Knaust stand.
Auf eine solch verrückt-visionäre Idee kann vielleicht nur ein Pastor kommen, dem die Felle seiner Schäfchen davonschwimmen. Gregor Hohberg hält tapfer Stellung in St. Marien auf dem Alexanderplatz, im Zentrum einer säkularen, gottverlassenen Großstadt. Eine andere, vitalere Religion drängt herein. Im evangelischen Kindergarten spielen immer mehr muslimische Kinder. Weil es im Bezirk Mitte keine Moschee gibt, fragten schon vor Jahren Muslime an, ob sie die Kirche als Andachtsraum nutzen dürfen.
Broder: Ein „Kartell“ der Interessen
Zur Gemeinde gehört auch St. Petri, eine im Krieg beschädigte und zu DDR-Zeiten abgerissene Kirche. Heute liegt dort eine Einöde zwischen der Plattenbau-Ruine des früheren Bauministeriums und einer vielspurigen Verkehrsschneise. Wo im Mittelalter der Dorfkern von Cölln stand, gruben 2007 die Archäologen und fanden weit mehr als erhofft. Das inspirierte die Stadtväter. Sie wollen die Keimzelle Berlins wiederbeleben, inklusive Petrikirche. Und so klopften auch sie bei Pastor Hohberg an. Noch eine Kirche? Kein Bedarf, da waren sich Hohberg und sein theologischer Referent Roland Stolte einig. Aber vielleicht etwas, das ein Zeichen setzt, weit über die Pfarrgemeinde hinaus? Die Idee war geboren: ein Bet- und Lehrhaus für drei Religionen. Auf Flughäfen und in Krankenhäusern gibt es bereits flexibel nutzbare Andachtsräume. Aber noch nie ging von Religionsgemeinschaften die Initiative für einen multikonfessionellen Bau aus.
Entsprechend schwer fiel es den beiden jungen Glaubensmännern, Partner für den Trägerverein zu finden. Am einfachsten ging es noch mit der jüdischen Gemeinde. Von muslimischer Seite trat nur eine liberalere Gruppierung bei, die zur umstrittenen türkischen Gülen-Bewegung gehört. Die Katholiken zeigten nicht mehr als höfliches Interesse. Und selbst von der Evangelischen Landeskirche wird das Projekt nur geduldet, nicht aber unterstützt. Die theologischen Ängste sind auf allen Seiten ähnlich: dass bei so viel demonstrativer Gemeinsamkeit die eigene religiöse Identität verloren geht. „Wenn wir zu progressiv sind, nehmen wir die Gläubigen nicht mit“, sagt auch Stolte. Man wolle daher „vom Kleinen ausgehen“.
Vom viel zu Kleinen, findet Publizist Henryk M. Broder in der „Welt“. Wenn, dann müsse man schon alle Glaubensrichtungen einladen, die Ungläubigen inklusive. Würden drei Autofirmen einen Interessenverband gründen, würde das Kartellamt einschreiten. Nur weil es um Religionsgemeinschaften geht, „halten alle vor Begeisterung die Luft an“. Im Übrigen gelte: Eine Religion, die „den Abfall vom Glauben mit dem Tode bestraft“, so Broder, habe wenig gemein mit dem Judentum, das „nicht missioniert und mit Gott im Dauerclinch liegt“. „One size fits all“ gäbe es eben nur bei Textilien.
Vielleicht gemeinsam beten
Und vielleicht in der Baukunst, hätte der Provokateur vom Dienst ergänzen müssen. Ein Architektenwettbewerb hat nun erste Fakten geschaffen. Das Rennen machte das Berliner Team von Kuehn Malvezzi. Sie wollen mit einem gewaltigen Vierkantbau ein transzendentes Zeichen setzen. An drei Seiten Räume für die Gottesdienste, mit Anklängen an die traditionellen Bauformen der jeweiligen Religion. Verbunden werden sie durch eine zentrale Kuppelhalle, einen sakral angehauchten Ort des „redlichen Kennenlernens“. In der Schwebe bleibt, ob hier gemeinsame Gottesdienste stattfinden sollen. Stolte glaubt nicht, dass solche Andachten zur gedankenlosen Nivellierung führen müssen. Schon heute organisiert die Gemeinde Feiern am Petriplatz, bei denen jede Religion nacheinander ihre Gebete spricht und die anderen derweil still zuhören.
Den zweiten Platz machte das Linzer Büro Riepl Riepl. An ihrem Entwurf gefiel der „Kirchhof“, als Oase der Besinnung neben dem Verkehrsgetöse. Auch der Wiener Architekt Tesar kam in den zweiten Durchgang. Sein Konzept, „das kühnste von allen“, sieht einen futuristischen Bau mit spitzem Mittelturm vor, der fast wie eine Rakete wirkt – das war der Jury dann doch zu „aggressiv“, wie Stolte erzählt. Bis Mitte Oktober sind alle 38 Entwürfe in der Parochialkirche zu sehen. Nach den Visionen beginnen die Mühen der Finanzierung. Kuehn Malvezzi kalkulieren gerade. Ein fünfsprachiger Katalog ist im Entstehen, zu Spenden wird aufgerufen. Was am Ende stehen soll: ein Stück „gebauter Himmel inmitten von Berlin, zur Zierde und zum Wohle der Stadt“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2012)
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