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Berlin: Drei Mal Gott unter einem Dach

25.09.2012 | 17:10 |  von Karl Gaulhofer (Die Presse)

In Berlin soll bald theologisch Kühnes in den Himmel wachsen: ein gemeinsames Gotteshaus für Christen, Juden und Muslime. Die Amtskirchen sind skeptisch und fürchten um die Identität ihrer Religion.

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In der Reformation gab es noch keine YouTube-Videos, aber dafür Schmähschriften. An einer Lateinschule in Berlin schrieb der Theologe Heinrich Knaust 1542 seine Polemik vom „schändlichen Leben“ des „türkischen Abgotts“ Mohammed und seiner „verdammlichen Lehre“. Bei aller Hetze weist die getürkte Religionsgeschichte ungewollt auf gemeinsame Wurzeln hin: Der falsche Prophet habe sich seine Lehre aus Versatzstücken des Christen- und des Judentums zusammengebastelt, um so Anhänger beider Religionen auf seine Seite zu ziehen. Berlin ist freilich auch die Stadt, in der Lessings „Nathan der Weise“ uraufgeführt wurde. Nathans Ringparabel, die ein friedliches Zusammenleben von Christentum, Islam und Judentum beschwört, blieb bis heute ein literarisches Monument der Toleranz. In ihrem Geist soll bald ein steinernes Monument in den Himmel über Berlin ragen: ein gemeinsames Gotteshaus der drei großen monotheistischen Religionen – just auf dem Petriplatz, auf dem früher die Lateinschule des Herrn Knaust stand.

Auf eine solch verrückt-visionäre Idee kann vielleicht nur ein Pastor kommen, dem die Felle seiner Schäfchen davonschwimmen. Gregor Hohberg hält tapfer Stellung in St. Marien auf dem Alexanderplatz, im Zentrum einer säkularen, gottverlassenen Großstadt. Eine andere, vitalere Religion drängt herein. Im evangelischen Kindergarten spielen immer mehr muslimische Kinder. Weil es im Bezirk Mitte keine Moschee gibt, fragten schon vor Jahren Muslime an, ob sie die Kirche als Andachtsraum nutzen dürfen.

Broder: Ein „Kartell“ der Interessen

Zur Gemeinde gehört auch St. Petri, eine im Krieg beschädigte und zu DDR-Zeiten abgerissene Kirche. Heute liegt dort eine Einöde zwischen der Plattenbau-Ruine des früheren Bauministeriums und einer vielspurigen Verkehrsschneise. Wo im Mittelalter der Dorfkern von Cölln stand, gruben 2007 die Archäologen und fanden weit mehr als erhofft. Das inspirierte die Stadtväter. Sie wollen die Keimzelle Berlins wiederbeleben, inklusive Petrikirche. Und so klopften auch sie bei Pastor Hohberg an. Noch eine Kirche? Kein Bedarf, da waren sich Hohberg und sein theologischer Referent Roland Stolte einig. Aber vielleicht etwas, das ein Zeichen setzt, weit über die Pfarrgemeinde hinaus? Die Idee war geboren: ein Bet- und Lehrhaus für drei Religionen. Auf Flughäfen und in Krankenhäusern gibt es bereits flexibel nutzbare Andachtsräume. Aber noch nie ging von Religionsgemeinschaften die Initiative für einen multikonfessionellen Bau aus.

Entsprechend schwer fiel es den beiden jungen Glaubensmännern, Partner für den Trägerverein zu finden. Am einfachsten ging es noch mit der jüdischen Gemeinde. Von muslimischer Seite trat nur eine liberalere Gruppierung bei, die zur umstrittenen türkischen Gülen-Bewegung gehört. Die Katholiken zeigten nicht mehr als höfliches Interesse. Und selbst von der Evangelischen Landeskirche wird das Projekt nur geduldet, nicht aber unterstützt. Die theologischen Ängste sind auf allen Seiten ähnlich: dass bei so viel demonstrativer Gemeinsamkeit die eigene religiöse Identität verloren geht. „Wenn wir zu progressiv sind, nehmen wir die Gläubigen nicht mit“, sagt auch Stolte. Man wolle daher „vom Kleinen ausgehen“.

Vom viel zu Kleinen, findet Publizist Henryk M. Broder in der „Welt“. Wenn, dann müsse man schon alle Glaubensrichtungen einladen, die Ungläubigen inklusive. Würden drei Autofirmen einen Interessenverband gründen, würde das Kartellamt einschreiten. Nur weil es um Religionsgemeinschaften geht, „halten alle vor Begeisterung die Luft an“. Im Übrigen gelte: Eine Religion, die „den Abfall vom Glauben mit dem Tode bestraft“, so Broder, habe wenig gemein mit dem Judentum, das „nicht missioniert und mit Gott im Dauerclinch liegt“. „One size fits all“ gäbe es eben nur bei Textilien.

Vielleicht gemeinsam beten

Und vielleicht in der Baukunst, hätte der Provokateur vom Dienst ergänzen müssen. Ein Architektenwettbewerb hat nun erste Fakten geschaffen. Das Rennen machte das Berliner Team von Kuehn Malvezzi. Sie wollen mit einem gewaltigen Vierkantbau ein transzendentes Zeichen setzen. An drei Seiten Räume für die Gottesdienste, mit Anklängen an die traditionellen Bauformen der jeweiligen Religion. Verbunden werden sie durch eine zentrale Kuppelhalle, einen sakral angehauchten Ort des „redlichen Kennenlernens“. In der Schwebe bleibt, ob hier gemeinsame Gottesdienste stattfinden sollen. Stolte glaubt nicht, dass solche Andachten zur gedankenlosen Nivellierung führen müssen. Schon heute organisiert die Gemeinde Feiern am Petriplatz, bei denen jede Religion nacheinander ihre Gebete spricht und die anderen derweil still zuhören.

Den zweiten Platz machte das Linzer Büro Riepl Riepl. An ihrem Entwurf gefiel der „Kirchhof“, als Oase der Besinnung neben dem Verkehrsgetöse. Auch der Wiener Architekt Tesar kam in den zweiten Durchgang. Sein Konzept, „das kühnste von allen“, sieht einen futuristischen Bau mit spitzem Mittelturm vor, der fast wie eine Rakete wirkt – das war der Jury dann doch zu „aggressiv“, wie Stolte erzählt. Bis Mitte Oktober sind alle 38 Entwürfe in der Parochialkirche zu sehen. Nach den Visionen beginnen die Mühen der Finanzierung. Kuehn Malvezzi kalkulieren gerade. Ein fünfsprachiger Katalog ist im Entstehen, zu Spenden wird aufgerufen. Was am Ende stehen soll: ein Stück „gebauter Himmel inmitten von Berlin, zur Zierde und zum Wohle der Stadt“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2012)

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40 Kommentare
 
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Gast: Beliebig definierbarer Humanismus statt transzendenter religiöser Erleuchtung als Ziel
27.09.2012 21:14
0 1

Den Freimaurern und Kuehn Malvezzi würde die Vision recht gut gefallen, weniger den durch Medieng'schichterln instrumentalisierten Geldgebern=Spendern+Kirchenbeitragszahlern

Lessing war bekennender Freimaurer:
http://www.loge-lessing.de/web/index.php?option=com_content&task=view&id=12&Itemid=43
„Gotthold Ephraim Lessing, der 1771 in die Hamburger Loge ZU DEN 3 ROSEN aufgenommen worden war.“
http://www.freimaurerloge-lessing.de/
http://www.internetloge.de/arst/lessing.htm
http://freimaurer-wiki.de/index.php/Gotthold_Ephraim_Lessing
http://freimaurer-wiki.de/index.php/Die_Erziehung_des_Menschengeschlechts
http://www.wissen.de/thema/freimaurer?chunk=Die%20Freimaurer%20heute
Im 18. Jh. war die Idealisierung alles Orientalischen bei Hofe und im gehobenen, gebildeten, aufgeklärten, kosmopolitisch-weltoffenen Bürgertum modern. Man denke etwa an Freimaurerbruder Mozarts „Entführung aus dem Serail“ und seinen Freimaurerbruder, den Kammermohren Angelo Soliman http://de.wikipedia.org/wiki/Angelo_Soliman Mit neugierigem Hang zu Exotischem versuchte die Upper Class ihre Fadesse zu bekämpfen.

Unter dem harmlos klingenden Freimaurer-Motto „Toleranz“ http://de.wikipedia.org/wiki/Toleranz wird Europa gerade zur atheistisch motivierten Entchristlichung um jeden Preis von diesen in Brüssel (EU!), London, Paris, Berlin und Wien sowie Istanbul http://eng.mason.org.tr/index.php?option=com_content&task=view&id=17&Itemid=31 einflussreichen da mächtigen, transnationalen Netzwerken zu einer ihrer christlichen Werte entfremdeten und damit leicht lenk- und manipulierbaren und somit instrumentalisierbaren, individualistischen Multikultigesellschaft transformiert.

Der Titel könnte zu Missverständnissen führen ...

...eindeutiger wäre "Ein Gott und drei Religionen" unter demselben Dach.

Re: Der Titel könnte zu Missverständnissen führen ...

... als Ergänzung: ... wobei Gott selber als das gemeinsame Dach zu sehen ist.

Nichts als FR3IM4UR3R-Toleranz-Geschwafel.

Sie verändern die Kirche so lange bis nichts davon übrig bleibt. Broder wird Luftsprünge machen, Schönborn wird den "Dialog" begrüßen.

In Wirklichkeit wollen sie damit die Kirche nur so weit ausgrenzen und lächerlich machen, dass sie ihre Zivilreligion unbehelligt über uns alle legen können. Und es wirkt.

Gast: Luther würde rotieren...
26.09.2012 11:13
3 2

Wenn die

Glaubensinhalte so ausgehöhlt sind, wie in der evangelischen Beliebigkeitskirche, fehlt eben jegliche Substanz zum eigenen zu stehen.

3 1

Wie praktisch. Dann muss man nach dem Freitagsgebet nicht mehr so weit gehen um gegen die Ungläubigen zu demonstrieren.


Gute Idee

Hier die Храм всех религий (Kirche aller Religionen) in Kazan : http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c3/Kazan_church_edit1.jpg

Antworten Gast: keterum kenseo
26.09.2012 11:34
0 0

Re: Gute Idee

Ein Hundertwasser-Produkt ???

"Wenn dann müssen alle Glaubensrichtungen eingeladen werden, auch die Ungläubigen"

Der Satz in dem Artikel verwirrt etwas, da ein Atheister sich höchstwahrscheinlich keine Prädigten anhören möchte, und auch kein Gebetshaus braucht. .... Wenn sich die verschiedenen Religionen einig werden schau ma mal weiter.

Antworten Gast: Gast 0000
26.09.2012 08:48
3 1

Re: "Wenn dann müssen alle Glaubensrichtungen eingeladen werden, auch die Ungläubigen"

Wenn man sich nicht sicher ist, bitte bitte nachschlagen: PrEdigt und Atheist...
Danke.

Gast: alle haben sich lieb
26.09.2012 00:10
3 2

eine Idee des Geistes

Geist = Spiritus, ergo Schnapsidee

Wer ist der Pfarrer ???

...

Wozu braucht man überhaupt ein Gotteshaus?

Ist Gott nicht überall?

Re: Wozu braucht man überhaupt ein Gotteshaus?

Wozu braucht man Schulen, kann man sich nicht überall bilden?

Antworten Antworten Gast: merchant
26.09.2012 12:54
0 1

Re: Re: Wozu braucht man überhaupt ein Gotteshaus?

Sie haben mich überzeugt.
Gott ist eingekerkert in alte muffige Gebäude.

Werden da auch ...

... drei Puppen zwecks Angebetetwerden an die Wand genagelt oder reicht eine Figur für alle drei Fraktionen?

Re: Werden da auch ...

Auch wenn Du die Religion offenbar nicht schätzt, finde ich es unnötig abfällig darüber zu reden.

Re: Re: Werden da auch ...

Unnötig abfällig dürfen Sie gerne finden, was Sie wollen, aber das Duzen habe ich Ihnen sicher nicht angeboten.

Re: Re: Re: Werden da auch ...

Ein gewisses Maß an Wertschätzung sollte man sich auch einmal verdienen, aber wer nicht wertschätzt, der hat es auch nicht verdient wertgeschätzt zu werden.

Gast: gottallahelohimadirim
25.09.2012 22:46
7 0

Kampf

Großer Gott, ya Allah, Elohim adirim, wird das ein Kampf...

Re: Kampf

Mit Götterdämmerung.

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An Anmerker

Haben die Priester nicht immer die Waffen gesegnet? Haben die beiden Religionen sich gegen den ersten- und zweiten Weltkrieg zu Wort gemeldet?

Im Februar 1934 waren die Waffen, mit denen auf die Arbeiter geschossen wurde, von den Priestern gesegnet worden. Ich war 12 Jahre alt als man auch auf mich geschossen hat.
Wie heisst das Gebot: Du solst nicht toeten "Amen".

Antworten Gast: Gast 0000
26.09.2012 08:47
1 0

Re: An Anmerker

Bravo! Endlich spricht das jemand einmal offen aus!!!

Antworten Gast: ganau-aber
25.09.2012 22:48
2 0

Re: An Anmerker

@Gebot: deswegen verweigern die Orthodoxen den Wehrdienst in Israel.

@1934: Ja, das waren die. Sie hatten sogar eine eigene Streitkraft (die Heimwehr).

Gast: b745
25.09.2012 21:16
10 1

drei mal eine märchenfigur unter einem dach


Re: drei mal eine märchenfigur unter einem dach

Ich verlange Beweise für die Bezeichnung Märchenfigur.

 
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