50 Jahre Konzil: Die (un)heilige Schlacht

Mehr „Einheit“ mit der Welt und anderen Konfessionen wollte das Konzil. Dafür stritten dessen „Väter“ erbittert miteinander. Über ein epochales Ereignis und seine unschönen Schatten.

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(c) AP (JIM PRINGLE)

Als der Papst an diesem 11. Oktober vor zweieinhalbtausend Männern im Petersdom und vor Millionen Fernsehzuschauern das Konzil eröffnet, glauben noch viele, es werde in ein paar Wochen beendet sein. Noch einmal verkündet der mitreißende Johannes XXIII. dessen Hauptaufgabe, das „Aggiornamento“: das Übersetzen der christlichen Botschaft in die heutige Zeit. Es geht darum, die bestehende Lehre „mit wirksameren Methoden zu bewahren und zu erklären“, die Botschaft „im Licht der modernen Forschungen und der Sprache des heutigen Denkens“ zu formulieren. Und die „Einheit“ soll gefördert werden, mit den übrigen christlichen Konfessionen und den Menschen, die (noch) außerhalb der Kirche sind.

 

Die Pressure-Group vom Rhein

Wie weit die Konzilsväter selbst von der Einheit entfernt sind, zeigt sich schon in den ersten Tagen. Aufzeichnungen, Briefe und Erzählungen der Beteiligten erlauben es, die Entstehungsgeschichte zu rekonstruieren. Sie erzählt vom Konzil als ideologischem Schlachtfeld, auf dem überraschend ein paar progressive Bischöfe und Theologen von Anfang an die Richtung vorgeben und bald die Mehrheit hinter sich bringen.

Aufgrund ihrer fast nur französischen, deutschsprachigen, belgischen und holländischen Herkunft wird diese Gruppe „Rheinische Allianz“ genannt. Sie ist leidenschaftlich entschlossen, die Kirche zu verändern, gut organisiert und hat die Massenmedien auf ihrer Seite. Sie arbeitet mit geschickter Taktik, aber auch, wie die Gegner in der Kurie, mit Winkelzügen und Intrigen.

Einige ihrer Protagonisten sind noch heute weit außerhalb der Kirche berühmt. Neben dem verstorbenen Wiener Erzbischof, Kardinal König, gehören dazu etwa der deutsche Theologe Hans Küng und einer seiner ehemaligen Studienkollegen, den ein Konzilsvater nach einem Treffen den „Oberlehrer“ nennt: Joseph Ratzinger.

 

„Blitzkrieg“ am dritten Tag

Schon am 13. Oktober kommt es zur Rebellion gegen die Kurie. Diese hat die Kandidatenlisten für die Kommissionen erstellt, über die nun abgestimmt werden soll. Doch der Bischof von Lille fordert – auf Latein, wie in der Vollversammlung vorgeschrieben – die Prüfung etwaiger anderer Kandidaten. Ein entscheidender „Blitzkrieg“, denn nach der vertagten Abstimmung mit neuen Kandidaten haben die progressiven Kräfte die Oberhand in den Kommissionen.

Wenige Tage später treffen sich deutsche und französische Bischöfe und Theologen. Nun gilt es, taktisch gegen die „Schemata“, die Entwürfe für die Konzilstexte, vorzugehen: 2000 Seiten, drei Jahre Vorbereitungsarbeit der Kurie. Das Urteil der „Alliierten“ ist vernichtend: Sie bieten nichts Neues, verurteilen zu viel, berücksichtigen nicht die drängenden Fragen der Menschen, Anregungen aus aller Welt. Am Ende überlebt das Liturgie-Schema, alle übrigen werden neu verfasst. Noch einmal ein paar Monate später, und aus der „Rheinischen“ ist eine Weltallianz geworden. Die konservativen Kräfte sind desorganisiert, ohne Führung.

 

Diese Bischöfe mit Damen an der Bar

Sie lamentieren über „diese Bischöfe und Kardinäle in langen Hosen“, die ständig rauchen und mit Damen an die Hotelbar gehen würden. Am 3. Juni 1963, acht Monate nach Konzilsbeginn, stirbt Johannes XXIII. Der kühl wirkende, zögerliche Intellektuelle PaulVI. ist zwar nicht volkstümlich und enthusiastisch wie sein Vorgänger, aber er führt das Konzil entschlossen fort. Die Spaltung vertieft, der Ton verschärft sich. Wenn Erzbischof Lefebvre spricht, ein Anführer der konservativen Minderheit und später Gründer der Piusbrüder, lachen manche oder gehen. Im Kampf um die Formulierung der Konzilsdekrete greifen Einzelne zu extremen Mitteln, wie dem Verschwindenlassen von Änderungsanträgen. Selbst der Papst wird Gegenstand eines Täuschungsmanövers, als es um das Recht der Bischöfe geht, mit dem Papst die Kirche zu leiten. Schwammige Formulierungen sollen nach dem Konzil benützt werden können, den Papstprimat zu beschneiden, heißt es. Paul VI. wird gewarnt und weint, wird erzählt.

 

Vorbei „das wilde Geschrei“

Im Morgenwind des 8. Dezembers 1965 verkündet er auf der Treppe des Petersdoms den Abschluss des Konzils. So hart das Ringen war, alle Dokumente werden von den zweieinhalbtausend Teilnehmern mit erdrückender Mehrheit verabschiedet. Vorbei die größte Kirchenversammlung der Geschichte. Vorbei „das wilde Geschrei von Leuten, die im Streite liegen, das unverständliche Lärmen, der Schall ununterbrochenen Getöses“, wie Ratzinger einen Zeitgenossen des Konzils von Nizäa zitierend über die Kirchenversammlung schreiben sollte. Jahrzehnte später.

Zahlen

1962 begann das 2. Vatikanische Konzil, es dauerte unerwartet lang: drei Jahre. 2 Päpste leiteten es: Johannes XXIII. (1881–1963) und nach ihm Paul VI. (1897–1978). 3044 nahmen teil, davon 2498 Konzilsväter. 16 Dokumente wurden verabschiedet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2012)

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