Der „Ägypter Moses“ und seine Folgen

Sind monotheistische Religionen „von Natur aus“ gewalttätig? Der Ägyptologe Jan Assmann gilt seit Jahren als ein Kronzeuge für diese These: Nun wehrt er sich öffentlich.

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Den monotheistischen Religionen sei Gewalttätigkeit inhärent, den polytheistischen Religionen sei es die Friedfertigkeit: Diese Behauptung wird seit über einem Jahrzehnt dem deutschen Ägyptologen Jan Assmann zugeschrieben. So wird sein Buch „Moses der Ägypter“ gern gelesen, das vielleicht einflussreichste Werk Assmanns. Seit es im englischen Original vor 15 Jahren erschien, ist die Debatte darüber kaum je zur Ruhe gekommen, zumal Assmann einige seiner Thesen 2003 noch einmal im Buch „Die mosaische Unterscheidung“ aufarbeitete.

Religionskritiker aller Art berufen sich auf Assmann. „Moses der Ägypter“ handelt nämlich davon, wie die Unterscheidung zwischen „wahr“ und „unwahr“ in die Religion kam: Assmann zufolge begann diese Entwicklung mit dem ägyptischen Pharao Echnaton. Er habe als Erster die Verehrung eines einzigen Gottes, nämlich Aton, durchsetzen und die übrigen Götter beseitigen wollen. Damit sei an die Stelle des polytheistischen „Sowohl – als auch“ ein „Entweder – oder“, also die Idee der Unvereinbarkeit getreten. Obwohl historisch bei Echnaton zum ersten Mal bezeugt, nannte Assmann diese Idee aber „mosaische Unterscheidung“: weil sie in der Tradition mit Moses verbunden worden sei.

 

Die „heilige Rücksichtslosigkeit“

Muss das „Entweder – oder“ in der Religion zwangsläufig zu Gewalt führen? Die Bücher Moses scheinen das zu bestätigen, sie sind voll davon. Einer, der „Moses der Ägypter“ offenbar aufmerksam gelesen hat, ist der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk. Er zitiert in seinem Buch „Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen“ eine der schockierendsten Stellen der Thora (2. Mose 32,28), nämlich einen Befehl des Moses: „Ein jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das Lager hin und her von einem Tor zum andern und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten.“

Assmann und Sloterdijk – sie beide landeten daraufhin gemeinsam auf der Anklagebank, und zwar im scharfsinnigen Buch „Sind Religionen gefährlich?“ des deutschen Theologen Rolf Schieder. Er attackierte beide scharf, Assmann warf er einen verfehlten Zugang zur Exodusgeschichte vor, er genüge weder exegetischen, literaturwissenschaftlichen noch geschichtswissenschaftlichen Standards. „Die letzten Erfahrungen mit polytheistischer Symbolik haben wir in Deutschland mit den Symbolen der auf germanische Götterwelten zurückgreifenden Blut-und-Boden-Religion der Nationalsozialisten gemacht“, schreibt Schieder. „Ihr sind sechs Millionen Monotheisten zum Opfer gefallen. Glaubt man aber den Erfindern und Verkündern der Monotheismusthese, waren es ausgerechnet die Juden, die den Monotheismus erfunden und so religiöse Gewalt in die Welt gebracht haben.“

Vier Jahre alt ist das Buch nun schon, aber dem Ägyptologen Assmann hat es offenbar keine Ruhe gelassen. Er fühlt sich missverstanden von allen, die ihn zum Kronzeugen einer „gewalttätigen monotheistischen Religion“ machen. Mit einem großen Essay unter dem Titel „Monotheismus und Gewalt“, veröffentlicht auf der Internet-Plattform „Perlentaucher“, versucht er nun, seine Position zu klären und Missverständnisse aus dem Weg zu räumen: „Wenn es wirklich so ist, dass ich in ,Moses der Ägypter‘ und ,Die mosaische Unterscheidung‘ bei einigen meiner Leser den Eindruck erweckt habe, dass dieser Monotheismus die Gewalt in eine bis dahin friedfertige polytheistische Welt gebracht hat, dann möchte ich diesen Unsinn hier in aller Deutlichkeit widerrufen.“

 

Nur „inhärent“ gewalttätig

Was für Assmann freilich noch lange nicht heißt, dass Gewalt und Monotheismus nichts miteinander zu tun haben. Assmann wehrt sich nämlich nur gegen die Interpretation, dass Gewalt die logische Folge von Monotheismus sei. „Inhärent“ gewalttätig seien die monotheistischen Religionen aber sehr wohl insofern, als die Gewalt in ihnen als Möglichkeit angelegt sei.

Haben jene, die in Assmann einen Kronzeugen für die Gefährlichkeit von (monotheistischer) Religion sehen, ihn nun grundsätzlich missverstanden oder nur in Nuancen? „Was in einem auf Offenbarung gegründeten Sinne als wahr gelten soll, schließt alles aus, was damit unvereinbar ist“, schreibt er in seinem Essay. „Im Horizont eines solchen Wahrheitsbegriffs entfaltet sich eine Orthodoxie, die das Falsche festlegt und ausmerzt. Dass das Gefühl der Unvereinbarkeit unter bestimmten Umständen in Intoleranz, und Intoleranz in Gewalt umschlagen kann, ist kaum zu bestreiten. Das ist der Punkt, in dem ich das ,Risiko‘ bestimmter Religionen sehe.“

 

Moses als Echnaton-Schüler?

Es gibt noch einen weiteren Punkt, in dem das Buch „Moses der Ägypter“ häufig missverstanden wird: Assmann beschrieb dort, wie Moses im kollektiven Gedächtnis zum „Ägypter“ wurde (Aufklärer etwa leiteten den biblischen Monotheismus von Ägypten her). Er selbst glaubte jedoch nicht, dass Moses wirklich Ägypter war – im Gegensatz zu Freud, der diese These in „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ (1939) popularisiert hat. Freud berief sich etwa darauf, dass Moses als das ägyptische Wort für „Sohn“ (wie in Ramses, Sohn des Ra) gelesen werden kann. Er hielt Moses für einen Schüler Echnatons, der sich, als in Ägypten dessen Reformen rückgängig gemacht wurden, die Israeliten als „sein“ Volk nahm.

Der „Perlentaucher“, der Assmanns Text veröffentlicht hat, plant demnächst weitere Beiträge zu „Monotheismus und Gewalt“ – so will auch Peter Sloterdijk auf Rolf Schieders Vorwurf antworten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2013)

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