Wie Kurien-Veteran Sodano die Fäden fürs Konklave zog

Dienstagnachmittag schlossen sich hinter 115 Kardinälen die Türen der Sixtina zur Papstwahl.

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(c) EPA (MICHAEL KAPPELER)

Rom. „Veni, creator spiritus...“ Zwölfhundert Jahre alt ist der lateinische Hymnus, mit dem die Kardinäle Dienstagnachmittag in der Sixtinischen Kapelle zur Papstwahl schritten: „Komm, Schöpfer Geist, komm in den Verstand der Deinen.“ Während der Prozession zuvor haben sie bereits alle Heiligen um Beistand angerufen. Jetzt, die Hand auf dem Evangeliar, schwören sie, dass sie zu allem schweigen werden, was „während und nach der Papstwahl geschieht“, dass sie keinerlei Hilfestellung für politische oder gesellschaftliche Einmischung von außen leisten werden, und dass jeder Einzelne, im Fall seiner Wahl, „das Hirtenamt des Petrus über die universale Kirche getreu ausüben wird“.

Vorsorglich, damit ja kein Kardinal ein Wort des lateinischen Textes falsch betont, haben die vatikanischen Zeremonienmeister die lateinische Textvorlage mit zahllosen Akzenten gespickt. Dann schlossen sich die Türen.

>> Erster Wahlgang: Schwarzer Rauch

Eingeführt in den ersten Tag des Konklaves hat Angelo Sodano. Als Dekan war es seine Aufgabe, das Kardinalskollegium durch die papstlose Zeit zu geleiten, und auch wenn er nur ein halbes Jahr jünger ist als Joseph Ratzinger: Eine „Bürde des Alters“, wie sie Benedikt XVI. als Grund für seinen Amtsverzicht nannte, ist dem 85-Jährigen nicht anzumerken.

Beim Gottesdienst „für den zu erwählenden Papst“, zu dem sich am Vormittag alle Kardinäle im Petersdom versammelten, beschrieb Sodano die Grundaufgaben eines Kirchenoberhaupts. Er zählte sie eher katalogartig auf, als dass er ihnen programmatischen Schwung verlieh – so wie Joseph Ratzinger das im entsprechenden Gottesdienst 2005 mit seiner Brandpredigt gegen die „Diktatur des Relativismus“ getan hatte.

Einen „Liebesdienst“, sagte Sodano, einen „Dienst der Barmherzigkeit“ müsse der Papst leisten, „für Einzelne, für die Völker, für die Weltgemeinschaft“. Für „Gerechtigkeit und Frieden“ müsse sich auch der neue Papst auf der Linie seiner Vorgänger „unermüdlich einsetzen“. Der höchste Liebesdienst aber bestehe im Verkünden des Evangeliums, erklärte Sodano.

Machtspiele: Wer die Fäden des Konklave zieht

Missbrauchsaffären gedeckt

An der Papstwahl selbst darf er seines Alters wegen nicht teilnehmen. Aber alle sind sich sicher, dass er längst – gewieft, wie immer – im Hintergrund seine Fäden gezogen hat. Sodano gehört zur alten, heute in Verruf geratenen Garde im Vatikan. In seinen 14 Jahren als Kardinalstaatssekretär unter Johannes Paul II. hat er systematisch dazu beigetragen, die Missbrauchsaffären katholischer Kleriker unter den Teppich zu kehren. Noch zu Ostern 2010, mitten in der letzten großen Skandalwelle, durchbrach Sodano den päpstlichen Festgottesdienst auf dem Petersplatz mit einer Solidaritätsadresse an Benedikt XVI: „Heiliger Vater, süßer Christus auf Erden, das Volk Gottes lässt sich nicht beeindrucken vom Geschwätz des Augenblicks.“

Sodano gehörte auch zu jenen Kurialen, die den Priester Marical Maciel Degollado über Jahrzehnte deckten. Der Mexikaner, der den Orden der „Legionäre Christi“ gegründet hatte, unterhielt nicht nur pädophile Kontakte zu Schützlingen, er war – unter falschen Namen – auch doppelt verheiratet und hatte mindestens drei Kinder. Maciel genoss uneingeschränkte Protektion in der Kurie – man sagt, er habe sie sich mit dicken „Spenden“-Kuverts erkauft. Erst als Ratzinger Papst und Sodano als Kardinalstaatssekretär abgelöst war, schritt der Vatikan ein.

 

Kaum Diskussionen möglich

Zuletzt leitete Sodano die Generalversammlungen der Kardinäle vor dem Konklave – als gelernter Diplomat hochprofessionell, wie es aus der Runde hieß, aber auch so, dass praktisch keine Diskussionen möglich waren. Die ohnehin knappe Unterrichtung der Kardinäle über die Vatikanbank IOR zum Beispiel legte Sodano auf den letzten Sitzungstag und unterband auf diese Weise – bei praktisch geschlossener Rednerliste – mögliche Nachfragen.

Sodano besitzt immer noch eine große Hausmacht und eine starke Seilschaft in der Kurie. Zu seinen Vertrauten aus alter Zeit gehört auch Giovanni Battista Re (79), der als ranghöchster unter den noch nicht achtzigjährigen Kardinälen die eigentlichen Wahlhandlungen in der Sixtina leitet. Dass der brasilianische Kardinal Odilo Pedro Scherer auf der Liste der Papabili zuletzt so hoch gehandelt worden ist, soll zurückgehen auf die Lobbyarbeit von Sodano und Re – und auch auf deren dahingehende Beeinflussung italienischer Journalisten.

Auf einen Blick

Das Wahlprozedere im Konklave sieht am ersten Tag nur einen – optionalen – Wahlgang vor. Ab dem zweiten Tag finden vormittags und nachmittags je zwei Wahlrunden statt, und zwar drei Tage lang. Ist bis dahin kein Papst gewählt, bekommen die 115 Kardinäle einen Tag Pause zur Erholung und zur gründlichen Reflexion.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2013)

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