Studie: Religion, Ersatzreligion oder gar keine Religion

In der Reihe der "religiösen Länder" rangiert Nigeria an der Spitze. Österreich liegt im unteren Drittel, vor Deutschland. Doch auch in der modernen Gesellschaft behauptet die Religion ihren Platz.

In der Reihe der religiösen Länder rangiert Nigeria an der Spitze.
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In der Reihe der religiösen Länder rangiert Nigeria an der Spitze.
AP (George Osodi)

Wien. 72 Prozent der Österreicher sind mehr oder minder religiös, von diesen bezeichnen sich 20 Prozent als hoch religiös. Letztere messen also der Religion eine zentrale Bedeutung in ihrem Leben zu. 57 Prozent der Österreicher geben an, dass ihnen religiöse Gebote wichtig für ihr Alltagsleben seien. Nur für 16 Prozent der über 18-Jährigen ist Religion gar nicht wichtig.

Dies hat eine große religionssoziologische Studie herausgefunden, die von der deutschen Bertelsmann-Stiftung unter dem Namen „Religionsmonitor“ in 21 Ländern durchgeführt wurde. Auf Deutschland und Österreich wurde ein besonderer Schwerpunkt mit einer repräsentativen Umfrage gelegt.

Was bedeutet es wenn nach Religiosität gefragt wird? Die Studie unterscheidet fünf Bereiche.
•Die intellektuelle Dimension: Interesse an religiösen Themen. Die Seite des Glaubens an Gott oder etwas Göttliches.
•Öffentliche Praxis: Gottesdienstbesuch, Teilnahme an Riten.
•Private Praxis: Gebet, Betrachtung.
•Erfahrungsebene: Gefühle gegenüber Gott.
•Die Dimension der Wirkung von Religion auf das eigene Leben.

Die Autoren registrieren mit Erstaunen die hohe Intensität, in der religiöse Fragen die Menschen beschäftigen. 65 Prozent geben an, dass das für sie eine hohe oder mittelwichtige Bedeutung hat. Unter den explizit Religiösen kommt eine intensive Beschäftigung mit ihrer eigenen Glaubenslehre dazu. Diese wird aber zunehmend kritisch betrachtet und nicht für gegeben genommen. 90 Prozent der sehr Religiösen billigen allen Religionen einen „wahren Kern“ zu, was ein deutliches Indiz für das weitere Vordringen eines gewissen Relativismus ist.

Alarmierend für die Kirche ist die sehr niedrige Rate von hoch Religiösen und die komplementär dazu höchste Zahl von Nichtreligiösen unter den 18- bis 29-Jährigen. Die Religiosität steigt kontinuierlich mit dem Alter. Ganz offensichtlich liegt hier „Handlungsbedarf“ für die Kirche vor und da rückt der Religionsunterricht ins Blickfeld. Er ist häufig zu einer unverbindlich multi-optionalen Veranstaltung geworden, die wenig prägende Kraft hat. Andererseits erfreut er sich großer Beliebtheit, weil er der einzige Ort in der Schule ist, in dem existenzielle Fragen gestellt und diskutiert werden können, die sonst im Schulalltag kaum Platz haben.

Sehr unterschiedlich ist der Einfluss religiöser Haltungen auf die verschiedenen Lebensbereiche. Nicht überraschend ist wohl, dass für die Hälfte der Menschen, die sich als religiös oder spirituell bezeichnen, die Religiosität prägend auf die Kindererziehung wirkt. Viel weniger Einfluss hat die Religiosität auf Beziehungen, sehr wenig auf sexuelles Verhalten, so gut wie keinen auf politische Einstellungen.

Als zumindest ambivalent muss man die Feststellung werten, dass 65 Prozent der religiösen Österreicher einen Ausdruck ihrer Religiosität im sorgsamen Umgang mit der Natur sehen. Ökologie hat also den Rang einer Ersatzreligion erklommen, was auch wieder nicht verwundert, wenn man etwa die Programme katholischer Bildungshäuser betrachtet. Da das Thema auch mit Ängsten und Verschwörungsideen besetzt ist, korreliert die Verbindung von Ökologie mit Religion stark mit dem Alter und kommt bei Jungen fast nicht vor.


„Produktive Polarität“

Paul Zulehner, Pastoraltheologe in Wien, zieht das Resümee: „Es sieht nicht danach aus, als würde in Europa das Christentum durch eine (gar kämpferische) Religionslosigkeit abgelöst. Vielmehr entwickelt sich eine eher produktive Polarität von Glaubenden und Nicht-Glaubenden“.

Im Ländervergleich liegt Österreich im hinteren Drittel. Angeführt wird die Liste von Nigeria und Guatemala. Auf den ersten Blick sind arme Länder religiöser als reiche. Diese Regel wird durchbrochen von den USA und Italien. Am Ende der Aufstellung liegen wohlhabende Länder wie Österreich, Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Russland an letzter Stelle widerspricht wiederum der Annahme, dass verbreitete Armut und Religiosität zusammengehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2007)

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