Mit einer neuen Methode wollen Wissenschafter in Münster Verfälschungen biblischer Handschriften aufdecken. Die sogenannte Kohärenzmethode ermögliche es, "die vorliegenden 5000 Handschriften des Neuen Testaments zu sortieren und zu vergleichen", erläuterte der Direktor des Instituts für Neutestamentliche Textforschung der Uni Münster, Holger Strutwolf, zum Abschluss eines Kolloquiums am Mittwoch in Münster laut Kathpress. Das sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur "Editio Critica Maior" des Neuen Testaments. Das Institut will bis 2030 den Ausgangstext der neutestamentlichen Überlieferung möglichst ursprungsnah rekonstruieren.
Das Vorhaben wird seit Jänner bis zunächst 2020 von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften mit 4,5 Millionen Euro gefördert. Das von Institutsmitarbeiter Gerd Mink entwickelte Verfahren stand im Mittelpunkt der Tagung, die das Institut und die Deutsche Bibelgesellschaft in Münster durchführten. Beteiligt waren Bibelexperten aus mehreren europäischen Ländern, aber auch aus Australien, den USA, Kanada, Brasilien und China. Ziel der neuen Methode sei es, die jeweils älteste Textvariante herauszufinden, erläuterte Mink. Aus vielen Lesarten entstehe dann ein Stammbaum von Texten, der ein Gesamtbild ergebe.
Kirchenspaltung wegen eines Iota
Die unterschiedlichen Versionen des Neuen Testaments hatten in der Vergangenheit zu Streiteren und sogar zu einer Kirchenspaltung geführt: Beim Konzil von Nicäa im Jahr 325 stritten die Geistlichen, ob Jesus mit Gott "wesensgleich" oder "wesensähnlich" ist. Zwei Textarten unterschieden sich nur in einem Buchstaben - einem Iota. Die offizielle Kirche entschied sich für die Version mit "wesensgleich" ("homoousios"). Die Arianer spalteten sich ab, weil sie Jesus nur für "wesensähnlich" ("homoiousios") erachteten.
Über 1500 Jahre lang wurde die Bibel handschriftlich weitergegeben. Erst durch den Buchdruck von Johannes Gutenberg wurde die Schreibweise vereinheitlicht. Die Bibel war der erste Seriendruck der Welt.
Schwierige Quellenlage
"Das ist wie ein Puzzle, das immer mehr vervollständigt wird", veranschaulichte Mink die Vorgangsweise. Das Problem bestehe darin, dass manche Handschriften von zwei oder drei Vorlagen abgeschrieben hätten: "Auch kann eine Handschrift sehr jung, der abgeschriebene Text selbst aber sehr alt sein". Durch die große Anzahl von inzwischen gefundenen Handschriften sei die Rekonstruktion der Texte komplexer geworden. Es gebe aber auch mehr Möglichkeiten, zu ihnen zu finden, so Mink, der als Akademischer Direktor am Institut für neutestamentliche Textforschung arbeitet.
Der Generalsekretär der Deutschen Bibelgesellschaft, Jan Bühner, betonte, die Erkenntnisse würden nicht allein für die Wissenschaft erhoben. Die Bibelgesellschaft werde als eine Art Dienstleistung den Kirchen die Ergebnisse anbieten. Die wiederum müssten sie an die Gläubigen vermitteln. "'Bomben' sind von den Forschungen allerdings nicht zu erwarten", erklärte Bühner. Die Kirchen stünden aber ständig in der Gefahr, die historisch-kritische Forschung zu ignorieren. Bühner kündigte an, dass sich voraussichtlich in drei Jahren erneut ein internationaler Kongress in Münster mit Problemen der Textforschung befassen werde.
(APA/REd.)

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