Paris. Benedikt XVI. hat seine erste Frankreich-Reise als Papst mit einem Plädoyer für eine stärkere öffentliche Rolle der Religion begonnen. Der Laizismus – die in Frankreich traditionell streng gehütete Trennung zwischen Religion und Staat – sei keineswegs mit dem Glauben unvereinbar, erklärte Benedikt nach seiner Ankunft am Pariser Flughafen Orly.
Der Höhepunkt der viertägigen Papst-Visite ist der Besuch des Marien-Wallfahrtsort Lourdes, wo vor 150 Jahren die Jungfrau Maria der Tochter eines Taglöhners erschien. „Viele kommen in der Hoffnung auf Heilung ihres Körpers an und kehren mit geläutertem Herzen und geheilter Seele heim“, sagte Staatspräsident Nicolas Sarkozy bei der Begrüßung Benedikts zum Jubiläum von Lourdes.
Allabendlich ziehen die Pilger in einer Fackelprozession zur Marien-Grotte, wo 1858 die 14-jährige Bernadette Soubirous ihre mysteriöse Begegnung mit der „weißen Dame“ hatte, die von der Kirche als Erscheinung der heiligen Jungfrau anerkannt wurde.
Vor 150 Jahren war Lourdes ein kleines Nest am Fuße der Pyrenäen. Als Bernadette schließlich bei der dritten Erscheinung der „Dame“ fragte, wer sie sei, antwortete diese in ihrer Mundart: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.“
Das Mädchen, das weder zur Schule noch in den Religionsunterricht gegangen war, wusste nicht, was das bedeuten sollte. Aber sie tat, was die „Dame“ verlangte, und grub mit bloßen Händen ein Loch, aus dem sogleich eine Quelle sprudelte. Und sie übermittelte ihrem Pfarrer die Bitte, dass an diesem Ort eine Kapelle gebaut werden solle. Dies brachte damals auch die zunächst skeptischen Geistlichen zur Überzeugung, dass es sich nicht um Aberglauben handelte, sondern um eine echte Erscheinung.
Wichtiger Tourismuszweig
Sehr schnell strömten Gläubige aus ganz Frankreich und sogar aus dem Ausland nach Lourdes, nachdem von einer wundersamen Heilung die Rede war. Nach einer vierjährigen Untersuchung gab dann auch der Bischof von Tarbes Bernadettes insgesamt 18 Marien-Erscheinungen und sieben unerklärlichen Heilungen seinen offiziellen Segen. Als Schwester Marie-Bernard verstarb Bernadette Soubirous 1879 in einem Kloster. Heute hat die 15.000 Einwohner zählende Kleinstadt Lourdes mit ihren 230 Hotels für die jährlich rund sechs Millionen Besucher nach Paris und Nizza die drittgrößte Aufnahmekapazität im französischen Tourismus.
Lourdes hat schon immer nicht nur fromme Pilger angelockt, sondern auch die Skeptiker. Die Umtriebe der „Tempelhändler“, die mit den Pilgern ihr Geschäft machen, liefert den Spöttern reichlich Argumente: Auf drei Nebenstraßen reihen sich Läden mit kitschigen Souvenirs, Kerzen und Fläschchen mit Lourdes-Wasser.
Gerade wegen des Misstrauens im weltlichen Frankreich war die Katholische Kirche immer vorsichtig bei der Anerkennung von Wundern. In den 150 Jahren hat die Kirche nur 67 Wunder anerkannt, die der Einwirkung der Notre-Dame von Lourdes zugeschrieben werden. Das ist weniger als ein Prozent der gemeldeten Heilungen, denn jährlich werden 40 bis 50 spontane Heilungen registriert.
■Benedikt XVI. fährt am Samstag nach einer Messe vor dem Invalidendom nach Lourdes. Dort nimmt er an der Fackelprozession zur Basilika Notre-Dame du Rosaire teil. Höhepunkt ist die Sonntagsmesse auf der Wiese der Heiligtümer. Am Montag lädt der Papst zur Salbung der Kranken.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2008)
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