Die Presse: Sie haben 1973 als europaweiter Pionier das Institut für Tibetologie und Buddhismuskunde in Wien gegründet. Half Ihnen dabei der Tibet-Hype, den Heinrich Harrer ausgelöst hat?
Ernst Steinkellner: Dazu gebe ich Ihnen eine Anekdote – ich musste damals bei der Universitätspapierhandlung einen Institutsstempel bestellen und wurde gefragt: „Institut für was?“ „Tibetologie.“ „Bitte wie?“ „Tibetologie!“ „Was?!“ „Heinrich Harrer!!“ „Aah, Tibet!“ Aber selbst Harrer ist es nicht gelungen, Österreich dazu zu bringen, nach der Revolution 1959 tibetische Flüchtlinge aufzunehmen. Und er konnte die Österreicher auch nicht davon überzeugen, dass sie seine Sammlung kaufen sollten. Der gute Harrer wollte nichts anderes als eine Hofratspension dafür, aber das war ihnen zu teuer.
Harrers Buch „Sieben Jahre in Tibet“ hat stark zu einer verklärenden Sicht der tibetischen Kultur im Westen beigetragen...
Steinkellner: Harrers Buch selbst ist realistisch. Die Mystifizierung geht zum Teil ins 19. Jahrhundert zurück, auf die Abgeschlossenheit, die letztlich die Kolonialmächte verantworteten – die Engländer waren daran interessiert, dass ein unberührter großer Raum zwischen ihnen und den Russen bleibt.
Auf der anderen Seite stehen im Westen „Enthüllungsbücher“ wie „Der Schatten des Dalai Lama“ von Victor und Victoria Trimondi, die zeigen wollen, dass der Dalai Lama Speerspitze einer bösen, dunklen Ideologie ist.
Steinkellner: Das Faszinierende an der tibetischen Kultur ist, dass wir bis ins 20.Jahrhundert eine mittelalterliche Geistestradition in ihrer Spätform tradiert haben, wir erleben sozusagen einen mittelalterlichen Menschen, der bis in die Fünfzigerjahre lebendig existiert hat, und dessen Erben noch vorhanden sind. Dann wurden die Ergebnisse der Aufklärung und Wissenschaft diesen Leuten aufs Auge gedrückt – und zum Teil auch akzeptiert. Der Dalai Lama ist ein hervorragender Intellektueller, er hat schnell kapiert, was am tibetischen Buddhismus Mittelalter ist und nicht unbedingt notwendig, und was an den neuen Ideen interessant und leicht einzubauen. Absurd ist nun, dass im Westen auf der einen Seite die tibetische Tradition in einer Weise mythifiziert wird, die mit der Realität nicht im Geringsten übereinstimmt – ein mittelalterlicher Semifeudalstaat ist kein paradiesisches, friedliches Unternehmen. Auf der anderen Seite verwendet man anachronistisch tibetische Mythen aus dem zehnten Jahrhundert, um zu zeigen, die wollen eine Welteroberung machen. Das ist absurd, selbst wenn man ein paar Verrückte anführen kann, die in Japan Giftbomben schmeißen...
Wenn Sie sich die chinesische Politik anschauen, glauben Sie, es wird den tibetischen Buddhismus in 50 Jahren noch geben?
Steinkellner: In Tibet selbst wohl nicht. Der tibetische Buddhismus hat wie jede Religion verschiedene Ebenen, von einfachsten Praktiken, die wir Aberglauben nennen, bis zur höchsten Theologie – das gehört alles zur Religion, Sie brauchen nur nach Mariazell ins Museum zu gehen. Dafür aber braucht es ein die Religion tragendes Gesellschaftssystem, eine Erziehung, die es gestattet, die Tradition zu leben und weiterzuentwickeln. Das alles gibt es in Tibet nicht mehr. Wenn die ältere Generation ausgestorben ist, wird man zwar immer noch Mönche produzieren – die brauchen die chinesischen Hoheitsverwaltungen auch, die Klöster müssen gepflegt werden und der Tourismus will Dinge zeigen, deren Erhaltung ihn nichts kostet –, und auch in den Klöstern rund um Peking, die nun wiedererrichtet werden, leben Leute, die gern buddhistische Mönche gewesen wären. Sie haben aber nicht mehr diese Ausbildungskarriere vor sich, sie dürfen halt die Papierschnitzel auskehren, die die Touristen fallen lassen. Ich glaube, außerhalb von Tibet wird es den tibetischen Buddhismus länger geben als innerhalb. In Nepal und Indien findet in wiedererrichteten traditionellen Klöstern immer noch eine umfassende Erziehung statt, auch in den USA gibt es etliche Zentren.
Sind Sie eigentlich selbst Buddhist?
Steinkellner: Nein, ich bin gar nicht besonders religiös. Aber ich empfinde gerade die Religionen als das Interessanteste an den menschlichen Kulturen, weil hier auf allen Ebenen ein Schlüssel geboten wird zum Verstehen dessen, was die Menschen bewegt.
Wie Lisa Simpson aus der Fernsehserie bekennen sich heute viele im Westen zum Buddhismus – was hat er anderen Religionen voraus?
Steinkellner: Er bietet in gewisser Weise die größte Freiheit. Ich bin nicht verpflichtet, eine Kirchenabgabe zu leisten, mich Buddhist zu nennen, ich kann jederzeit beschließen, das ist ein Humbug. Das Geniale am Buddhismus ist auch, dass in ihm relativ einfache Grundgedanken vorliegen, die zu hohen, systematisch ausgebauten Systemen entwickelt werden können, aber andererseits im Grunde so einfach bleiben, dass sie durch jede Kultur auf jeder Ebene übernommen werden können. Andererseits kann der Buddhismus auch anderes einverleiben – zum Beispiel dieses ganze Dunkle, das Sie in Tibet sehen, die Welt der Dämonen und Geister.
„Denkt Asien anders?“ heißt ein Symposium zu Ihren Ehren. Tut Asien das, wenn ja, was hat das mit dem Buddhismus zu tun?
Steinkellner: Die Frage „Denkt Asien anders?“ habe ich deswegen vorgeschlagen, weil das die allgemeine Meinung ist. Genau das ist aber der allgemeine Blödsinn. Wenn jemand anders denkt, das heißt, nicht den grundlegenden logischen Regeln, also etwa dem Gesetz des ausgeschlossenen Dritten, folgt, kann man das nicht als Denken bezeichnen. Asien denkt eben nicht anders, sonst könnten wir mit ihnen nicht reden. Dieses Symposium dient der Vernichtung eines Vorurteils, des Vorurteils „Das sind so Mystiker, die haben verschwommene Begriffe“ oder „Die wollen im Ozean untergehen und überhaupt nicht mehr denken“ – das ist alles absurd. Und dieses Vorurteil hindert uns daran, mit den Leuten so zu reden, als würden wir sie ernst nehmen, das geht bis ins Geschäftsleben. Dann darf man sich nicht wundern, wenn diese Leute von europäischen Gesprächspartnern auch nichts halten.
„Denkt Asien anders?“ kann auch die Frage nach einer „anderen“ Mentalität sein – etwa im Verhältnis Individuum/Kollektiv. Was für eine Rolle spielt hier der Buddhismus?
Steinkellner: In allen aus Indien kommenden Geistestraditionen steht das Individuelle keineswegs im Gegensatz zu dem, was wir im Westen als Individuum bezeichnen. Wir haben nur verschiedene Modelle davon – im Buddhismus ist jedes Geistige ein Individuum für sich, das, Wiedergeburt hin oder her, ewig dauern kann, wie im Christentum die Seele. Die Idee des Menschen als Teil des Gemeinsamen ist eher ostasiatisch und gesellschaftlich, nicht religiös motiviert – man sieht das in Japan und vor allem China.
Halten Sie den Buddhismus in Asien angesichts der westlichen Einflüsse und der Globalisierung für überlebensfähig?
Steinkellner: Wir sind in den letzten zwanzig Jahren an einer Schwelle angekommen, wo die kulturelle Globalisierung so rasch hüpft, dass man schwer sagen, wie sich das auf eine Generation auswirken wird, die keine traditionelle Erziehung mehr genießt. Ich weiß auch nicht, ob der Verlust der traditionellen Praktiken überhaupt schwer wiegt – wahrscheinlich ist das Abwerfen von Ballast durchaus vernünftig. Unvernünftig wäre nur, wenn wir die Kunst des Verstehens von Meinungen und Ideen anderer Gruppen, Kulturen und Religionen verlernen würden. Das wäre eine Katastrophe, denn dann könnten wir nur noch mit dem Hammer aufeinander einschlagen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2008)

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