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„Menschen haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben“

18.11.2008 | 18:28 |  MARTIN KUGLER (Die Presse)

In Tschechien und Ost-Deutschland war der Kommunismus mit dem Ausmerzen der Religion erfolgreich.

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Der Kommunismus ist explizit mit dem Programm angetreten, die Religionen auszurotten. Sofort nach der Oktoberrevolution in Russland starteten die neuen Machthaber um Lenin mit einer „monumentalen Propaganda“, um den „Religions-Drogendealern“ das Handwerk zu legen. Kirchengebäude wurden abgerissen oder in Lagerhallen umgewandelt, die religiösen Gemeinschaften wurden arg unter Druck gesetzt, Bischöfe landeten meist in Gefängnissen. Christliche Rituale sollten durch politische ersetzt werden. Ein fester Bestandteil einer sowjetischen Feier war beispielsweise ein Wagen mit einer Karnevalsfigur eines Priesters, der im Verlauf verbrannt werden sollte, berichtet der Philosoph Michail Ryklkin in seinem lesenswerten Buch „Kommunismus als Religion“ (Verlag der Weltreligionen).

In Mittel- und Osteuropa geschah nach dem Zweiten Weltkrieg Ähnliches: In manchen Ländern wurde die Religion radikal bekämpft – Albanien rief sich gar zum ersten atheistischen Staat der Welt aus. In anderen Ländern, etwa in Polen, trauten sich die Machthaber keine so drastischen Schritte. Überall glich die Kirche aber einem „sterbenden Baum“, soBeobachter. Abgeschnitten von den Wurzeln, verlor die Religion ihren Stellenwert in der Gesellschaft, Kinder wurden oft nicht mehr getauft, ohne Priester und Gottesdienste wurden ganze Staaten zu religiösen Wüsten.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 bekamen die Kirchen zwar wieder ihre Freiheit zurück. Viele Menschen waren aber durch zwei Generationen Kommunismus verändert. Das kommt auch klar in einer großen Studie zum Ausdruck, die der Wiener Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner nun in Buchform veröffentlicht hat. Im Jahr 2007 untersuchte das Pastorale Forum – ein Verein zur Förderung der Kirchen in Ost(Mittel)Europa – mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums (BMWF) in 14 Ländern die Einstellung der Menschen zu Religiosität, Glauben und Kirchlichkeit.

 

Zahl der „Vollatheisten“ steigt

Demnach bezeichnet sich im Durchschnitt jeder fünfte Osteuropäer als nichtreligiös, 16 Prozent sehen sich als weder religiös noch nichtreligiös und 61 Prozent als religiös oder ganz besonders religiös. Das ist nicht allzu weit vom europäischen Durchschnitt entfernt. Die Veränderungen werden aber deutlich, wenn man die einzelnen Länder betrachtet. Am krassesten war die Entwicklung im ehemaligen Ostdeutschland und in Tschechien, wo die Nichtreligiösen die dominierende Gruppe sind: Nicht einmal jeder Vierte bezeichnet sich als religiös. „Polarisierte“ Länder sind etwa Slowenien, Bulgarien oder Ungarn – dort sind sowohl die Religiösen wie die Atheisten stark vertreten. In Rumänien, Polen, Kroatien oder Serbien hingegen bekennt sich eine klare Mehrheit der Bewohner zur Religiosität.

Schon im Jahr 1997 hatte das Pastorale Forum eine ähnliche Studie durchgeführt (allerdings in nur zehn Ländern). Im Vergleich ist die religiöse Zuordnung im Länderschnitt leicht gestiegen. Was dabei aber auffällt: Stark zugelegt hat die Religiosität vor allem in orthodoxen Staaten, die Slowakei ist der einzige katholisch dominierte Staat, für den das auch gilt. In allen anderen katholischen Staaten stagniert hingegen der Anteil der Religiösen oder geht sogar zurück. „Während sich die atheisierenden Kulturen verfestigten, zeigten religiöse Kulturen Abbauerscheinungen“, fassen die Autoren zusammen. Die Abnahme der religiösen Zuordnung ist nicht zuletzt ein Generationsproblem: In allen Staaten außer der Slowakei halten sich derzeit weniger 18- bis 29-Jährige für religiös als vor zehn Jahren.

In Ostdeutschland und Tschechien hatte der Kommunismus mit seiner Absicht, Religionen auszumerzen, jedenfalls Erfolg – der bis heute nachwirkt. „Atheismus ist in ihnen zu einer Art bleibender kultureller Selbstverständlichkeit geworden“, heißt es in der Studie. Kinder würden auch heute mehrheitlich ohne Gottesglauben aufwachsen. „Für diese Länder gilt, dass die Menschen vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben.“

Wer sind nun diese Atheisten? Männer sind häufiger Atheisten als Frauen. In der Sozialstruktur gibt es eine auffällige Häufung in der unteren Mittelschicht. Unter Grundschulabsolventen und Maturanten ist der Anteil geringer. Es gibt auch einen „Intellektuellen-Atheismus“, doch dieser sei weniger stark. Nichtgläubige lehnen Kirchen und Religiosität nicht grundwegs ab. Viele zeigen laut der Studie eine auffällige Wertschätzung für Rituale wie Taufe oder Beerdigung. Auch bei den Erwartungen an Kirchen als soziale Organisationen fallen die Unterschiede zwischen Gläubigen und Atheisten eher gering aus.

Atheist ist freilich nicht gleich Atheist: Die Forscher unterscheiden je nach dem Grad der Ablehnung der Religion drei Gruppen: atheisierend, atheistisch und vollatheistisch. Im Schnitt aller Länder ist die Summe dieser drei Formen zwischen 1997 und 2007 praktisch nicht gewachsen. Doch überall ist der Atheismus markanter geworden: Der Anteil der Vollatheisten unter den Nicht-Gläubigen ist stark angestiegen, in Tschechien und Slowenien hat er sich innerhalb des letzten Jahrzehnts sogar verdoppelt.

Die Forscher führen den Glaubensverlust auf zwei Faktoren zurück, die parallel wirken, aber je nach Staat unterschiedlich stark ausgeprägt sind. In Tschechien und Slowenien könne die „Modernisierung“ der Gesellschaften als Ursache angenommen werden. Ein Indiz dafür: Vollatheismus ist vor allem bei jüngeren Menschen anzutreffen – was auf Langzeiteffekte eines weiter zunehmenden Atheismus schließen lässt.

In Ostdeutschland, Kroatien oder Ungarn hingegen ist der Vollatheismus besonders in der ältesten Bevölkerungsgruppe größer geworden – weshalb die Forscher Nachwehen des Kommunismus als Ursache vermuten. Das ließe darauf schließen, dass die Stärke des Phänomens mit dem Ableben dieser Generation schwächer wird. Es könnte aber auch sein, dass dieser Faktor ein statistisches Artefakt ist: Der bei der Umfrage 1997 geäußerte Gottesglaube könnte „nur eine provisorische Frucht inzwischen enttäuschter politischer Erwartungen und Hoffnungen sein“, heißt es. Demnach könnten die vor Jahrzehnten religiös sozialisierten Generationen nach der Wende einen sozialen Druck verspürt haben, sie als religiös zu „outen“ . Dieser Druck habe sich aber inzwischen mit der Ausbreitung des Liberalismus und mit der Verlangsamung des religiösen Wiederaufbaus verflüchtigt.

 

Paul M. Zulehner, Miklós Tomka, Inna Naletova:
Religionen und Kirchen in Ost(Mittel)Europa:
Entwicklungen seit der Wende. 208 S., brosch., 30,90 Euro (Schwabenverlag)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2008)

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8 Kommentare
Gast: Ludwig Ammer
23.11.2008 02:08
0 0

Das weiß ich auch,

daß die Superillu erfolgreicher als alle Pfarrblätter war. Schuld ist da vorrangig der sportliche Erfolg der DDR. Mir ist heute ein Anliegen, die Zivilisierte Welt von religionsfeindlichen Protzersportarten wie Jogging und Rennradfahren wegzubringen, damit wieder mehr Kinderwagen geschoben wird und im Nahverkehr auch einmal der Sackrodel das Zweit- und Drittauto ersetzt. Als Beteiligter im spontanen Aufbau Sachsens mit dem Mauerfall war mir eine besondere Genugtuung wichtig: ich habe am Kinderwagen trainiert in der ehemaligen Blechhochburg KorlMorxStodt den ersten Walkingettbewerb über 10km beim Internationalen Citymarathon mit orangen Sandalen aus dem Chiemgau (Meindl) und haushohem Vorsprung gewonnen. In Chemnitz ankommend bin ich an der riesigen Marxbüste vorbeigegangen und habe mir nur gedacht, daß ich auch hier einmal diesen Murx obsolet machen werde und besser als er erinnert werde. Kindstaufe ist kein Gradmesser und soll nicht wie bei unseren Nazen-/Sozenkindern heilig sprechen.

Gast: I
19.11.2008 15:04
0 0

CZ+HU

Die atheistische Tradition der Tschechen zu vergessen zeugt schon nicht gerade von Professionalität...
In Ungarn (dem ungarischen Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie) ist es schon seit 1895 möglich, auch offiziell "konfessionslos" ("felekezeten kívüli", dh. "ausserhalb der Konfessionen") zu sein.
Mir scheint auch, dass jene Staaten nicht zur Religiosität zurückkehren, die schon vor 45 etwas Demokratie+Aufklärung hatten.
Auch sollte nicht vergessen werden, dass sich die Kirchen nach 89 und bis heute stark in die Politik eingemischt haben (so soll ein kath. Pfarrer in Budapest einer Gläubigen die Beichte verweigert haben, weil er fand, sie habe "falsch" gewählt).

Gast: Sebastian
19.11.2008 07:45
0 0

Warum hier wohl die national-katholische Kaczyński Regierung in Polen vergessen wurde…


Gast: kurt windhuber
18.11.2008 23:34
0 0

unwissenschaftlich de luxe

Das ist seit langem der größte Blödsinn den ich gelesen habe. In Tschechien hat der Atheismus eine sehr lange Tradition. Nachdem die Habsburger die Hussitten blutigst niedergemetztelt und das Volk im Rahmen der "Gegenreformation" wieder in die Kirche eingegliedert haben, war dort die Religiösität nie besonders groß. Darüberhinaus was Böhmen als Industrieregien immer sehr prolatarisch geprägt und damit auch schon sehr früh sozialistisch und eben atheistisch. Zum eEntwicklungsstand der Region möchte ich nur anmerken, dass die Tschechoslowakei nach dem Ertsen Weltkrieg entschieden reicher war als Österreich. Polen beweist ja wie wenig erfolgreich der Kommunismus den Glauben bekämpft hat. Kommunismus bashing und religiöse Propaganda habe ich auch schon subtiler gesehen.....

Die Autoren hätten mehr Zeit auf der Uni und weniger in der Märchenstunde vom Pfarrer verbringen sollen.

LIFE DABEI
19.11.2008 08:26
0 0

Re: unwissenschaftlich de luxe

Nur weil man sich im Komparativ ausdrückt hat man noch nicht recht. So manche Postings verdienen ihre Qualifizierung viel mahr als obiger redaktioneller Bericht.

Da gefällt mir die sachliche Auflistung ihres Vorredners mit dem Titel 'was in diesem Artikel nicht erwähnt wurde…
..' schon viel besser.

Warum eigentlich immer so grob und ohne überhaupt den Versuch zu unternehmen sich möglichst sachlich zu verhalten. Wissenschaftler sind Sie ja sicher keiner, denn die führen eine andere Sprache.

dojon86
19.11.2008 08:20
0 0

@kurt windhuber

Sehr richtig was sie hier schreiben. Interessant ist, daß nur im Bereich der orthodoxen Kirchen nach dem Fall des Kommunismus die Religiosität zugenommen hat. Das ist, sieht man nur einmal die zahlreichen Kirchenneubauten in diesen Ländern, offensichtlich. Dort hingegen, wo die Aufklärung bereits lang vor 1945 gewirkt hat, dort hat der Kommunismus einer bereits vor der Machtergreifung des Kommunismus dahinsiechenden Religiosität den Garaus gemacht.

Gast: kurt windhuber
18.11.2008 23:06
0 0

wissenschaftlichkeit gleich 0

Das ist seit langem der größte Blödsinn den ich gelesen habe. In Tschechien hat der Atheismus eine sehr lange Tradition. Nachdem die Habsburger die Hussitten blutigst niedergemetztelt und das Volk im Rahmen der "Gegenreformation" wieder in die Kirche eingegliedert haben, war dort die Religiösität nie besonders groß. Darüberhinaus was Böhmen als Industrieregien immer sehr prolatarisch geprägt und damit auch schon sehr früh sozialistisch und eben atheistisch. Zum eEntwicklungsstand der Region möchte ich nur anmerken, dass die Tschechoslowakei nach dem Ertsen Weltkrieg entschieden reicher war als Österreich. Polen beweist ja wie wenig erfolgreich der Kommunismus den Glauben bekämpft hat. Kommunismus bashing und religiöse Propaganda habe ich auch schon subtiler gesehen.....

Die Autoren hätten mehr Zeit auf der Uni und weniger in der Märchenstunde vom Pfarrer verbringen sollen.

Gast: Gast
18.11.2008 22:45
0 0

was in diesem Artikel nicht erwähnt wurde…


Geheimdienst-Affäre: Warschauer Erzbischof tritt zurück 07.01.2007
http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/57436/index.do

Der Fall Wielgus: Zeit der Abrechnung
http://diepresse.com/home/meinung/meinungarchiv/107328/index.do

Affäre um Spitzel-Bischof: "Peinliche Lage für Papst" 08.01.2007
http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/57442/index.do

Polen: Kirchen-Spitzelaffäre weitet sich aus 09.01.2007
http://diepresse.com/home/panorama/welt/57726/index.do

Polen: Drei weitere Bischöfe als Ex-Agenten enttarnt 28.02.2007
www.diepresse.at/home/politik/aussenpolitik/113955/index.do

…

Slowakei: Erzbischof wegen Arbeit für KP-Geheimdienst unter Druck 28.02.2007
www.diepresse.at/home/politik/aussenpolitik/113962/index.do