Vatikanforscher: Pius-Akten demnächst offen

Frauen können auch ohne Weihe Diözesen leiten, sagt der deutsche Kirchenhistoriker Hubert Wolf. Ein Gespräch über sein Buch „Krypta“ und die brisante Veröffentlichung der Akten zum Pontifikat Pius' XII.

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(c) EPA (FILES)

Die Presse: Seit Jahrzehnten forschen Sie in den Vatikanischen Archiven, u. a. auch zu Pius XII., dem viele vorwerfen, er habe zum Holocaust geschwiegen. Die Pontifikatsakten, die im Geheimarchiv liegen, sind immer noch unter Verschluss. Wann, glauben Sie, werden sie zugänglich?

Hubert Wolf: Meines Wissens steht die Öffnung unmittelbar bevor. Ich weiß, dass die Archivierung unter Benedikt XVI. intensiv vorangetrieben wurde und jetzt alles vorbereitet ist – es fehlt nur noch die Entscheidung des Papstes. Im Herbst sind es 50 Jahre, dass das Zweite Vatikanische Konzil mit der Erklärung „Nostra Aetate“ die Beziehung zu den Juden neu definiert hat. Ich könnte mir vorstellen, dass der Papst dieses Datum nützt. Es wäre ein richtig gutes Zeichen!



Glauben Sie, die Akten werden das Urteil der Nachwelt entscheidend verändern?

Ja, denn über die Meinungsbildung im Vatikan etwa weiß man sehr wenig. Was schreibt der Nuntius aus Wien oder Berlin, was wird in den Kongregationen diskutiert? Wenn Rom sich an einen Bischof oder die Reichsregierung wandte, kennt man zwar den Text aus hiesigen Archiven, aber weiß nicht, wie das Schreiben entstand, was davor intern besprochen wurde, ob etwa das Schreiben der fünfte Kompromiss war . . . Bis jetzt weiß man nur, was der Papst nach außen hin getan oder nicht getan hat, aber nicht, wie seine Entscheidungen zustande gekommen sind.



Die Haushälterin des Papstes schrieb später, dieser habe vor der Welt über die Verbrechen an den Juden sprechen wollen.

Ja, auch da erfährt man hoffentlich Neues. Hat der Papst überlegt, sich eindeutig zum Holocaust zu positionieren, wenn ja, warum tat er es nicht? Wer beriet ihn wie? Hat jemand ihm gesagt, die holländischen Bischöfe haben laut gegen die Judenverfolgung protestiert, daraufhin deportierten die Nazis als Rache noch mehr Juden? Hat jemand ihn auf den deutschen Bischof von Galen hingewiesen, dessen Protest gegen die Euthanasiemorde wirkte? Man wird hoffentlich Motive hinter den Handlungen genauer erkennen!


Unklar ist auch, wann der Papst was über den Holocaust wusste.

Und von wem er es erfuhr. Möglicherweise hatte er Informationen aus den USA, wo er als Kardinalstaatssekretär war und Kontakte knüpfte. Dann fragt sich wieder, was in der Kurie mit den Informationen genau passierte.



Apologeten und Ankläger beherrschen die Debatte über Pius XII. Sie scheinen noch kein definitives Urteil zu haben . . .

Natürlich nicht! Als Historiker stelle ich offene Fragen. Und Antworten in den Archiven zu finden, braucht Zeit. Man muss den Entscheidungsprozessen im Vatikan nachspüren – es ist wie ein kriminalistisches Puzzle.



Wenn die Akten zugänglich werden, was werden Sie sich als Erstes anschauen?

Die Nuntiaturberichte – was steht über Deutschland und Österreich drin? Dann: Gibt es Sachakten zu bestimmten Themen, etwa in der Kongregation für außerordentliche Angelegenheiten, gibt es da eine Akte über den Holocaust? Dann muss man versuchen, den internen Entscheidungsgang im Staatssekretariat nachzuzeichnen. Wer liest die Schreiben, wer leitet sie weiter, schreibt der Papst etwas dazu? Werden Theologen oder Fachleute um Gutachten gebeten?


Ihr soeben erschienenes Buch „Krypta“ schildert vergessene oder unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte. Da liest man etwa von Äbtissinnen mit quasi-bischöflichen Vollmachten – ein Vorbild für die Bischofsweihe von Frauen?

Ob die Äbtissinnen-Weihe einer Bischofsweihe gleichkam, ist umstritten. Aber es gab auch viele nie geweihte Fürstbischöfe. Wenn es früher Leitungsfunktionen ohne Weihe gab, für Männer und Frauen, warum nicht heute? Dafür muss man nicht einmal über die Frauenweihe diskutieren.


Traditionalisten wie die Piusbrüder lassen nur die Tridentinische Messe gelten und berufen sich dabei auf das Konzil von Trient – zu Unrecht, sagen Sie?

Das ist erfundene Tradition. Die römische Messe wurde dort nicht für alle vorgeschrieben, sondern nur für die, die keinen eigenen alten Ritus hatten. Man wollte nicht vereinheitlichen, nur die neuen, eventuell protestantisch „riechenden“ Riten verbieten. Also hat man gesagt, der Ritus muss älter als 200 Jahre sein. In vielen Diözesen und Orden gab es bis zum 19. Jahrhundert eigene Liturgien.



Warum verschwanden sie dann?

Sie wurden ab den 1830er-Jahren verboten, in einer Zeit der totalen Erschütterung Europas, in der man die Kirche auf Rom hin konzentrierte. Das Konzil von Trient hat auch den Bischof aufgewertet und ausdrücklich nicht den Primat des Papstes festgeschrieben. Ein Bischof, hieß es dort, hält jedes Jahr eine Synode ab. Im 19. Jahrhundert dagegen ist ein guter „tridentinischer“ Bischof einer, der keine Synode abhält!



Verstehen Sie Ihr Buch als historische Munition für Kirchenreformer, gar für den Papst?

Es richtet sich eher an die Katholiken in der Mitte der Kirche und soll eine Ermutigung sein. Unsere katholische Tradition ist so reich, wir haben solche Möglichkeiten, solche Schätze – lasst uns den ganzen Tisch der Tradition decken! Katholisch heißt ja umfassend, gemäß dem Ganzen, und dieses Ganze muss auf den Tisch. Damit meine ich nicht, dass der Kirchenhistoriker sagen soll, was gut und was schlecht ist. Aber man muss zuerst einmal die Breite der Tradition kennen, dann kann man diskutieren! Reform bedeutet ja wörtlich Rückbildung, nicht Bruch.

Zur Person

Prof. Hubert Wolf lehrt Kirchengeschichte in Münster. Bücher: „Index. Der Vatikan und die verbotenen Bücher“, „Papst und Teufel. Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich“, „Die Nonnen von Sant'Ambrogio“, „Krypta“. 2003 erhielt Wolf den Leibniz-Preis, den höchstdotierten Forschungspreis im deutschen Sprachraum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2015)

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