Ian Buruma: „Die Ideologie des Multikulturalismus stirbt“

Die Idee, dass Menschen möglichst bei ihrer Herkunftskultur bleiben sollen, sei diskreditiert, meint der holländische Schriftsteller Ian Buruma. Er warnt aber auch vor der Intoleranz eines aufklärerischen Dogmatismus.

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Die Presse: Bald zehn Jahre ist es nun her, dass Ihr Buch „Die Grenzen der Toleranz: Der Mord an Theo van Gogh“ herauskam, das so viele Diskussionen auslöste. Glauben Sie immer noch, dass Ihre These vom Tod des Multikulti-Traums stimmt?

Ian Buruma: Ja, Multikulturalismus ist heute ein Faktum, aber was stirbt, ist die Ideologie des Multikulturalismus, die Idee, dass man das Zusammenleben vieler verschiedener Kulturen fördern sollte, und dass die Menschen möglichst bei ihrer Herkunftskultur bleiben sollten. Diese Art von Identitätspolitik war eine Zeit lang in der Linken sehr stark; heute ist sie diskreditiert. Diese Ideologie hat sich gegen Integration gerichtet.

Anlass für die Ermordung des holländischen Filmemachers Theo van Gogh war ein islamkritisches Video, das er gemeinsam mit der gebürtigen Somalierin Ayaan Hirsi Ali gemacht hatte. Sie unterstellten ihr damals eine Art aufklärerischen Fundamentalismus...

Dogmatismus trifft es besser. Als sie jung war, war Hirsi Ali eine sehr gläubige Muslimin, und oft werden so stark religiöse Menschen, wenn sie zu etwas anderem konvertieren, in ihrem neuen Glauben genauso dogmatisch. Sie ist zum Atheismus konvertiert und glaubt daran so stark, wie sie vorher dem Islam anhing. Das führt zu einer gewissen Intoleranz. Sie soll ruhig die Gefahren des Islam kritisieren, ich bewundere sie sogar dafür. Mein Problem ist, dass sie „den Westen“ im Krieg mit „dem Islam“ sieht. Das ist gefährlich. Um uns vor Islamisten zu schützen, müssen wir mit gemäßigten Muslimen zusammenarbeiten, statt alle in eine Ecke zu schieben.

Wenn Sie, wie Sie es getan haben, zur Vorsicht in der Islamkritik aufrufen, weil der Islam in Europa die Religion einer Minderheit, der Schwachen sei, dann rechtfertigen Sie die Ungleichbehandlung verschiedener Religionen, wenn es um Meinungsfreiheit geht.

Natürlich darf man kritisieren, was man will. Aber in der Meinungsfreiheit gibt es verschiedene Ebenen, die rechtliche und dann noch verschiedene gesellschaftliche Ebenen. Wenn man jemanden beleidigt, spielt es eine Rolle, wer es tut und unter welchen Umständen. Wenn man etwas über eine verletzliche Minderheit sagt, ist es nicht dasselbe, als würde man es über eine starke Mehrheit sagen. Meinungsfreiheit ist nie absolut, es ist immer eine Sache der Nuancen, der gesellschaftlichen Vereinbarungen. Und auch die Position des Kritisierten spielt eine Rolle. Die Islamkritiker von heute können nicht mit Voltaire gleichgesetzt werden. Zu seinen Zeiten war die katholische Kirche eine sehr mächtige Institution in Frankreich.

Heißt das, „Charlie Hebdo“ darf ruhig den Papst verspotten, aber nicht Mohammed?

„Charlie Hebdo“ verteidige ich. Es ist ein satirisches Magazin, Ziel der Satire ist, die Grenzen gesellschaftlicher Konvention auszutesten. Eine Zeitung wie „Le Monde“ sollte dasselbe nicht machen.

Als der amerikanische PEN-Verband „Charlie Hebdo“ einen Preis für Mut zur Meinungsfreiheit verlieh, gab es Riesenproteste in und außerhalb des Verbands. Auf welcher Seite stehen Sie?

Auf der Seite von PEN. In diesem Fall war „Charlie Hebdo“ die verletzliche Minderheit, das Opfer einer gewalttätigen Bewegung. Ich wurde gebeten, die Gegenpetition zu unterschreiben, und habe es nicht getan.

Der französische Autor Emmanuel Todd behauptet, ein großer Teil der „Ich bin Charlie“-Demonstranten in Frankreich seien „Zombie-Katholiken“, areligiös gewordene Eiferer. Das erinnert an Ihre These über das Nachwirken des Calvinismus in Hollands Multikulti-Debatte ...

Ja. Auch viele Aktivisten der radikalen Linken der 1960er-Jahre kamen aus sehr calvinistischen oder katholischen Familien. Ihr Geist war religiös geprägt, auch wenn sie dann ganz anderes glaubten. Solche Menschen können schwer mit Menschen umgehen, die anderes glauben als sie.

Was antworten Sie Kritikern, die Ihnen kulturellen Relativismus vorwerfen?

Ich glaube, dass es ein paar universelle Menschenrechte gibt, aber sehr wenige. Bei Folter oder sexuellem Missbrauch bin auch ich dogmatisch. Jeder kann sagen, dass es falsch ist, anderen die Fingernägel auszureißen. Ich bin nur vorsichtig mit universellen Werten, diese Idee hat eine sehr christliche Tradition. Für die Missionare gab es nur einen einzigen richtigen Weg, und in der säkularen Welt der Menschenrechte überlebt viel von dieser Mentalität.

Konkret ist für Sie also eine Kultur, in der Frauen den Männern untertan sind und dies religiös gerechtfertigt wird, gleichwertig mit einer, in der das nicht passiert?

Wenn Sie mich fragen, ob die saudiarabische Gesellschaft von heute so gut wie unsere hier ist, sage ich, natürlich nicht. Aber wenn Sie das Wort „Kultur“ verwenden, bringen Sie eine angebliche Essenz ins Spiel. War die Gesellschaft in Österreich 1941 der britischen zur selben Zeit ebenbürtig? Da würde ich sagen, natürlich nicht! Aber beide gehörten zu einer gewissen europäischen Kultur. Ich kann mir muslimische Gesellschaften vorstellen, die mit nicht muslimischen gleichwertig sind. Außerdem kann es sein, dass bestimmte Dinge in einer Gesellschaft sehr schlimm sind, ohne dass man deswegen das Ganze als minderwertig ansehen muss. Denken Sie daran, was letzte Woche in Charleston passiert ist. Würden Sie deswegen sagen, die österreichische Kultur ist höherstehend als die amerikanische?

Nein, aber man kann sehr wohl versuchen, Bilanz zu ziehen.

Nicht so leicht. Gut, zwischen Saudiarabien und Österreich sicher, aber wie sieht es bei Japan und Schweden aus? Die Stellung der Frau in Japan ist wohl schlechter als in Schweden, in anderer Hinsicht könnte die japanische Gesellschaft besser sein. Und was für Sie selbst besser scheint, könnte für Menschen dort schlechter erscheinen. Was sagen Sie zu einer Frau aus einem marokkanischen Dorf, die hierher kommt und sagt: Es ist schrecklich, was sie hier mit den Frauen machen, sie lassen sie arbeiten! Das ist demütigend! Frauen sollen bei der Familie bleiben können, Männer sollen arbeiten gehen!

Ich würde sagen, dass ich das gut finde.

Ich auch, aber seien wir nicht immer so sicher. Es ist sehr verlockend, zu sagen, wir haben die einzig richtige Art zu leben, auch im Blick auf die Geschichte. Haben wir die richtige Art zu leben, und die im 17.Jahrhundert war falsch? Nicht immer ist es eine Frage von richtig oder falsch.

ZUR PERSON

Ian Buruma, geboren 1951 in Den Haag, ist Schriftsteller, Journalist und Kommentator mit dem Spezialgebiet Asien. 2006 erschien „Die Grenzen der Toleranz“. In seinem sehr lebendigen neuen Buch „45. Die Welt am Wendepunkt“ (Hanser) schildert er das Kriegsende anhand der Erinnerungen verschiedenster Zeitzeugen aus aller Welt. Das Buch wurde Mittwochabend in Anwesenheit des Autors im Wien-Museum vorgestellt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2015)

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