Familiensynode: Ein Text mit getarnten Revolutionen

Äußerlich brachte die Bischofssynode im Vatikan zu Ehe und Familie nichts Neues. Doch im Schlussdokument ist eine Reihe kleiner Umwälzungen verborgen.

Oct 24 2015 Vatican City State Holy See Cardinals and Bishops during the last session of Syno
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Oct 24 2015 Vatican City State Holy See Cardinals and Bishops during the last session of Syno
Familiensynode/ Vatikan – (c) imago/ZUMA Press (imago stock&people)

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Drei Wochen lang haben sie im Vatikan getagt, 270 Bischöfe und Kardinäle, dazu 130 Fachleute und „Hörer“. In der Nacht auf Sonntag veranstalten die deutschen und österreichischen Bischöfe auch noch eine lange Pressekonferenz. Müde sind sie, fertig von drei Wochen „im Bau“ und einer stundenlangen Abstimmung über alle 94 Paragrafen des Schlussdokuments. Kardinal Christoph Schönborn aus Wien und Kardinal Reinhard Marx aus München nannten das Bischofstreffen, die Synode zu Ehe und Familie, „historisch“. Marx sagte, er sei „sehr glücklich, sehr zufrieden, sehr froh“: „Ich bin selbst überrascht, was dabei herausgekommen ist.“

Und was kam heraus? Nichts Augenfälliges, auf den ersten Blick. Teil eins und zwei des Schlussdokuments enthalten nichts, was die Kirche nicht schon über „Schönheit“ und Probleme des Lebens in einer katholischen Normalfamilie gesagt hat, wenn auch gewürzt mit Wirtschaftskritik à la Papst Franziskus: über die ungleiche Verteilung des Reichtums und die „versteckten Armen“. Und in Teil drei, in dem es um die praktischen Folgen für die Seelsorge geht, da bricht es bei den öffentlichkeitswirksamsten und strittigsten Themen ab: Homosexuelle Gemeinschaften kommen nur in Abgrenzung zu „richtigen“ Ehen vor, von Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu Beichte und Kommunion steht nichts. „Wir haben keine Tür geschlossen“, beteuert Marx: „Wir als Bischöfe haben den Weg des Papstes unterstützt.“ Aber wollte der nicht viel weiter?

 

Reformierter Sündenbegriff

Erstaunlich wirkt, dass der Papst nicht unzufrieden scheint. Da sei vieles aufgebrochen, sagte er am Ende: Die „verschlossenen Herzen“ etwa, „die sich häufig hinter den Lehren der Kirche verbergen und sich auf den Richterstuhl des Mose setzen, um zu urteilen, von oben herab und oberflächlich“. Oder der „Rost einer archaischen Sprache“. Ferner habe sich gezeigt, „dass die wahren Verteidiger der Lehre nicht jene sind, die den Buchstaben verteidigen, sondern den Geist, nicht die Idee, sondern den Menschen.“

Bei genauem Hinsehen zeigt sich, dass das Papier doch durchwirkt ist von dem, was Franziskus predigt: Gut versteckt ist manch Revolution. Es gibt etwa keine verurteilende Sprache mehr. Der Ausdruck „in sich böse“, wie ihn Johannes Paul II. (nicht nur) für homosexuelle Akte benutzte, fehlt. Es fehlt die Abwertung „irregulär“ für Familienformen, die dem Ideal widersprechen. Sogar der Sündenbegriff ward reformiert: Bisher galten als schwere Sünder alle, die ohne Trauschein zusammenleben; nun räumt die Kirche ein, dass der Verzicht auf formelle Ehe oft nicht absichtlich, sondern durch profane ökonomische oder kulturell-soziale Umstände motiviert sei. Wo aber der Vorsatz fehlt, gegen Gottes Ordnung zu handeln, gibt es keine Sünde. Die Bischöfe räumen gar ein, es könne „Samen des Wortes Gottes“ auch in unorthodoxen Beziehungen geben.

Die Seelsorger sollten genauer auf die konkrete menschliche Realität schauen. „Unterscheidung“ lautet das Motto, und „Begleiten, nicht urteilen“. Manchmal müssten Seelsorger auch bloß „schweigend zuhören“. Zuoberst steht der Respekt vor und das Dienen am Menschen.

Für die Begleitung wiederverheirateter Geschiedener, die zu den Sakramenten gehen wollen, bekommen die Pfarrer einen Kriterienkatalog. Etwa: „Wie haben diese Leute sich in der ersten Ehe benommen, haben sie ihren Kindern, ihrem Partner geschadet?“ Es wird die Möglichkeit erwogen, dass „mancher Ausschluss solcher Personen aus kirchlichen Diensten überwunden“ werden könnte.

Eine Zuwendung zu Homosexuellen indes misslang ob der Unmöglichkeit, einen kulturenübergreifenden Beschluss zu formulieren. Beteiligt waren ja auch Bischöfe aus Afrika, wo auf Homosexualität bisweilen die Todesstrafe steht. Diese Bischöfe, sagt Schönborn, „machten uns klar, dass es für sie politisch untragbar wäre, wenn sie mit so einem Papier nach Hause kämen“. Doch bleibe man am Thema dran, „nur nicht in dem Zusammenhang, wo es um Ehe und Familie ging“. So stehen im Text nur die dürren Sätze, dass man Homosexuellen mit Respekt sowie „unter Vermeidung ungerechtfertigter Diskriminierung“ begegnen müsse.

 

Das konservative Übergewicht

„Neu ist insgesamt, dass nicht Zustände festgeschrieben, sondern Wege eröffnet wurden.“ So begründen die deutschen und österreichischen Bischöfe ihre Zufriedenheit. Nun ist der Papst am Zug. Kardinal Marx sagt, die Synode habe ihm „alle Freiheit gelassen, seinen Weg weiterzugehen“. Das war in der Tat, angesichts des konservativen, sehr aktiven Übergewichts in der Versammlung, so nicht zu erwarten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2015)

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