Fuat Sanaç: „Muslime sind so unterdrückt . . .“

Der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich spricht über die Folgen der Anschläge in Paris für Muslime und über seinen Frust, sich ständig von Terroristen distanzieren zu müssen.

Fuat Sanac
Schließen
Fuat Sanac
Fuat Sanaç in seinem Büro. – Stanislav Jenis

Die Presse: Erinnern Sie sich noch an das Lichtermeer 1993, als in Wien rund 300.000 Menschen auf die Straße gingen, um gegen Ausländerfeindlichkeit zu demonstrieren?

Fuat Sanaç: Natürlich.

Wo bleibt das Lichtermeer der Muslime in Österreich und Europa, um sich von den Anschlägen der Terrormiliz Islamischer Staat zu distanzieren?

Die Muslime sind so unterdrückt, dass sie es nicht einmal wagen, auf die Straße zu gehen. Wir können 1000 Mal sagen, dass diese Verrückten nichts mit dem Islam zu tun haben, dennoch müssen wir uns andauernd verteidigen und rechtfertigen. Das macht uns fertig und gleichzeitig wütend. Jeden Tag müssen wir als Muslime Stellungnahmen abgeben, werden ständig nach dem Aufstand der Muslime gefragt. Was soll ich denn noch tun, soll ich von Haus zu Haus gehen und mich distanzieren?

Inwiefern werden Sie unterdrückt?

Sie sind das beste Beispiel. In einer Tour fragen Sie mich, warum wir uns nicht vom Islamischen Staat distanzieren. Unsere Aussendungen, in denen wir eindeutig Position beziehen, erscheinen aber in keinem Medium.

Das ist doch keine Unterdrückung. Wo bleibt denn nun der Aufstand der Muslime? Und damit sind nicht Aussendungen der Glaubensgemeinschaft gemeint, sondern die persönliche Empörung der Muslime, die auf die Straße gehen und den islamistischen Terror verurteilen.

Also gut, dann gehen wir morgen auf die Straße. Oder nächste Woche. Das ist kein Problem. Sind Sie dann zufrieden? Sind dann alle Probleme gelöst? Warum sollen wir uns für diese Verbrecher entschuldigen und uns von ihnen distanzieren? Die meisten muslimischen Jugendlichen sagen, dass sie mit diesen Menschen nichts zu tun haben, und dass sie nur Produkte von anderen Mächten sind.

Von welchen Mächten?

Wer hat Saddam Hussein getötet und ist dann wieder gegangen? Wer hat Gaddafi getötet und die Städte bombardiert? Den Menschen in diesen Ländern wurde Demokratie versprochen. Wo ist denn jetzt die Demokratie? Die Ursache für Terrorismus ist der Krieg in diesen Staaten. Solange diese Mächte den Krieg nicht beenden, wird es keine Lösungen geben.

Von welchen Mächten und Kriegen sprechen Sie gerade?

Ich spreche von den USA über Russland bis hin zu Frankreich usw. Diesen Ländern ging es nie um Demokratie, sondern darum, die Bodenschätze in Ländern wie Afghanistan, Syrien und dem Irak zu kontrollieren. Das Gerede von Demokratie war nur eine Betäubung für die dortige Bevölkerung. Die Terroristen wurden jahrelang unterstützt und mit Waffen versorgt. Jetzt ist Europa plötzlich selbst von Terror betroffen, und die Muslime sollen auf die Straße gehen, um sich zu distanzieren. Ich sage Ihnen nur, was die muslimischen Jugendlichen denken. Sie sind frustriert und hilflos zugleich. Sie sagen, sollen doch die Amerikaner und Europäer selbst auf die Straße und das Problem lösen.

Warum berufen sich so viele Terroristen auf den Islam? Warum berufen sie sich nicht auf eine andere Religion oder gründen eine ganz neue?

Das wäre unlogisch, sie würden keine Rekruten finden. Die unwissenden, frustrierten Menschen, die der Islamische Staat mit verfälschten Passagen aus dem Koran rekrutiert, sind Muslime, und keine Christen oder Juden. Einfach, weil es in dieser Region fast nur Muslime gibt. Bei Boko Haram in Afrika ist das ähnlich. Wäre es anders, würden sich die Terroristen auch auf andere Religionen berufen. Das haben wir in der Geschichte auch schon erlebt. Wobei der Islamische Staat seine Rekruten oft gar nicht mit dem Islam konfrontiert, damit diese sich nicht intensiv damit beschäftigen und merken, dass der Islam nichts mit Terror zu tun hat. Um sie zu radikalisieren, werden ihnen vielmehr Videos und Fotos von den Machenschaften der USA gezeigt, die die Ungerechtigkeit gegenüber ihren eigenen Ländern zeigen sollen. Bei den Konvertiten aus Europa bin ich nicht ganz sicher. Sie machen das vielleicht aus Überzeugung und Naivität.

Was meinen Sie mit verfälschten Aussagen aus dem Islam?

Ein gutes Beispiel ist der Satz „Tötet die Ungläubigen“. Ich habe schon abertausend Mal gesagt, dass diese Aufforderung weitergeht: „Tötet die Ungläubigen, wenn Sie euch angreifen.“ Gemeint waren die Mekkaner, die Medina angegriffen haben. Der Vers wird fortgesetzt mit dem Satz: „Wenn sie zu Frieden neigen, müsst ihr auch Frieden zeigen.“ Und später: „Wenn ihr Frieden geschlossen habt, dürft ihr gegenüber diesem Volk kein Hassgefühl in euren Herzen haben.“

Haben Sie das Gefühl, dass Muslime in Österreich unter Generalverdacht stehen?

Nein, nicht im Geringsten. Weswegen ich sehr dankbar bin, dass ich in Österreich lebe. Alle zeigen sich solidarisch mit den Muslimen – auch die Regierung, Kirchen und Religionsgemeinschaften. Die Österreicher sind den Muslimen gegenüber hilfsbereiter denn je. Das ist der positive Aspekt dieser schrecklichen Zeit. Denn das könnte auch anders sein, was schrecklich für uns alle in Europa wäre. Terrorismus produziert radikale Gruppen wie beispielsweise Pegida etc. Am Ende könnte es heißen: Radikale gegen Radikale. So weit darf es aber auf keinen Fall kommen.

Teilen Sie die Beobachtung, dass es in Wien viel mehr verschleierte Frauen gibt als noch vor wenigen Jahren?

Nein. Das lässt sich mit Zahlen auch nicht belegen. Aber interessanterweise höre ich das oft, allein in dieser Woche drei oder vier Mal. Keine Ahnung, woher diese Wahrnehmung kommt. Vielleicht durch die vielen muslimischen Urlauber aus dem arabischen Raum im Sommer. Oder die Menschen sind nach den jüngsten Terroranschlägen aufmerksamer geworden und achten noch stärker auf verschleierte Frauen. Da werden aus einer Frau in der Wahrnehmung schnell 100.

Sind in der Islamischen Glaubensgemeinschaft auch Tschetschenen vertreten? Die meisten Jihadisten aus Österreich kommen nämlich aus dieser Community.

Nein, weil sie viel später nach Österreich gekommen sind und nicht in Moscheen gehen. Zudem halten sie sich eher versteckt, weil sie jede Menge Konflikte untereinander haben. Viele von ihnen halten mich auch nicht für einen richtigen Moslem, weil ich einen Anzug und keinen Bart trage.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie von einem Terroranschlag hören – abgesehen vom Mitgefühl für die Opfer?

Als Erstes denke ich: Hoffentlich waren die Attentäter keine Muslime. Wenn es keine waren, bin ich erleichtert. Das gebe ich ehrlich zu. Alles andere wäre gelogen. Wenn doch, kann ich erst einmal an nichts denken, bin komplett leer im Kopf. Dann fange ich mich wieder, denke nach und schreibe Aussendungen, Briefe an Botschaften, betreue unsere Facebookseite etc.

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen