Piusbruderschaft: „Sind sowieso das schwarze Schaf“

Trotz versöhnlicher Gesten des Vatikans besteht die konservative Piusbruderschaft darauf, am Samstag unerlaubt Priester zu weihen. Ihr Bischof Bernard Fellay, der Nachfolger von Erzbischof Lefebvre, erklärt, warum.

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(c) AP (Peter Morrison)

Die Presse: Wie geht es weiter mit dem Dialog zwischen der Piusbruderschaft und Rom, der im Jänner so viel Staub aufgewirbelt hat?

Bischof Bernard Fellay: Wir haben unsere Vorstellungen Anfang Juni dargelegt. Für die kommenden Tage ist ein Entscheid des Papstes über die Gestaltung der Gespräche angekündigt. Gewiss ist, dass eine Kommission für die Diskussion eingerichtet wird – mit einigen römischen Theologen und einigen von unseren Priestern.

 

Was ist Ihr Ziel der Annäherung: ein Sonderweg für Sie in einer Nische – oder eine grundlegende Änderung der Kirche in Ihrem Sinn?

Fellay: Das ist eine gute Frage: Wer oder was soll geändert werden? Es stimmt natürlich nicht, wenn jemand behauptet, die ganze Kirche müsse sich ändern. Wir sind nicht der große Gegner, ich würde unsere Lage eher mit einem Thermometer vergleichen, das zeigt, dass es im Leib Fieber gibt. Dass es also ein Problem gibt, das gelöst werden muss. Und es ist nicht unser Problem, sondern eines der Kirchenleitung. Die Kirche leidet unter einer gravierenden Krise, und man will sie in Rom so gütig lösen, dass sich die Krankheit entwickelt und man kein Ende der Krise mehr sehen kann. Wir schlagen Maßnahmen vor, die helfen könnten.

 

Da gibt es zwei Konfliktpunkte: einerseits Ihre These, der Glaubenskern sei allgemein in Gefahr, und andererseits Ihre Ablehnung konkreter Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils. Muss Rom diese Dokumente zurücknehmen bzw. abändern, oder ist ein „we agree to disagree“ möglich?

Fellay: Die heutige Verwirrung kommt zum großen Teil von einer Kulturkrise unserer ganzen Welt und nicht nur der Kirche – eine Krise des Denkens, der Philosophie. Einige Punkte der Krise haben aber auch im Konzil konkrete Gestalt angenommen. Wir sehen sogar einige Auslöser der Krise im Konzil. Rom sollte bereit sein, Eindeutigkeit zu schaffen, weil es viele Interpretationen des Konzils gibt. Was genau sollen wir anerkennen? Jeder Theologe interpretiert die Dokumente ja anders. Der Heilige Vater musste eine Interpretation des Konzils bereits verurteilen, die der Diskontinuität, des Bruches. Aber 80% der Bischöfe und Theologen wollen diesen Bruch. Diesbezüglich sind nicht wir das Problem.

Sie lehnen aber nicht nur gewisse Interpretationen ab, sondern einige Konzilsdokumente selbst – wo es um Religionsfreiheit und die Achtung vor anderen Religionen geht.

Fellay: Ein Beispiel: Die Erklärung zur Kollegialität der Bischöfe (Konzilsdokument Lumen gentium, Anm.) wurde sogar während des Konzils durch Papst Paul VI. korrigiert. Der Konzilstext darf nur katholisch interpretiert werden mit einem Text, den der Papst vorangestellt hat, einer sogenannten Nota praevia. (Papst Paul VI. hat darin festgehalten, dass die Bischöfe nur „unter und mit dem Papst“ als Kollegialorgan die Kirche leiten können, Anm.) Leider lesen manche das Konzil ohne die Nota praevia.

 

Würde eine päpstliche Nota praevia vor diesen zwei strittigen Erklärungen Ihren Vorstellungen genügen?

Fellay: Wir können nicht behaupten, dass wir diktieren, wie und was man in der Kirche denkt. Das ist nie unsere Auffassung gewesen. Wir sagen einfach: Die Kirche hat bis jetzt so und so gelehrt, jetzt ergibt sich daraus etwas, das nicht klar ist. Wir bitten um diese Klarheit.

 

Der andere große Streitpunkt zwischen Ihnen und Rom ist der tridentinische Messritus. Der ist durch die päpstliche Wiederzulassung dieses Ritus zumindest weitgehend entschärft worden. Reicht Ihnen das schon, oder würden Sie sich da auch noch mehr erwarten?

Fellay: Ich bin sicher, da wird noch mehr kommen. Nicht von uns aus, sondern von Rom selbst. Die liturgische Lage muss verbessert werden. Das wird kommen.

 

Der Papst hat den alten Ritus leicht adaptiert, z.B. durch eine Neufassung der Karfreitagsbitte für die Juden. Beten Sie noch die alte Fassung?

Fellay: Wir beten die alte.

 

Wäre es denkbar, dass Sie dem Papst folgen und die neue Bitte einführen?

Fellay: Ja, das wäre denkbar. Was der Papst da sagt, widerspricht nicht dem Glauben. Es ist eher ein Problem vor dem Hintergrund der Geschichte, auch wegen der Haltung der Gläubigen – die Karfreitagsbitte ist ja eines der ältesten Gebete, die wir haben.

 

Eine Versöhnung mit Rom bräuchte wohl von Ihnen eine Art Loyalitätserklärung. Können Sie die abgeben, auch wenn die Kirche nicht in allen Punkten wieder in das Gewand vor dem 2. Vatikanum zurückkehrt?

Fellay: Ich würde es eher so sagen: Wenn die katholischen Grundsätze geklärt sind, auch wenn nicht alles schon gelöst ist, dann ist es möglich. Es gibt eine ganz praktische Frage, die sich jetzt deutlich zeigt, und die ist: Wie werden wir angenommen? Es gibt eine ganz scharfe Blockade. Die hindert uns derzeit daran, weiterzugehen. Wenn wir zu viel Opposition sehen, dann sagen wir einfach: Gut, wir warten noch ein bisschen.

 

Aktueller Zankapfel ist die von der Piusbruderschaft für den 27. Juni angekündigte Weihe von drei Priestern im deutschen Zaitzkofen. Viele sehen darin eine Provokation für Rom und den Papst, dessen ausgestreckte Hand nun zurückgeschlagen wird.

Fellay: Ich bedaure, dass das als Provokation gesehen wird. Diese Weihen geschehen jährlich, seit 30 Jahren in derselben Form. Als wir mit Rom über die Exkommunikation usw. gesprochen haben, war nie die Rede davon, dass diese Weihen nicht mehr stattfinden sollen. Für uns ist es eine Lebensfrage wie das Atmen, wir brauchen diese Priester.

 

Es kann doch nicht auf diese drei Weihen ankommen. Wäre es nicht klug gewesen, die Weihen auszusetzen, um das Klima zu verbessern?

Fellay: Das Problem liegt nur in Deutschland. In Rom gibt es Verständnis für diese Weihen, auch wenn man sagt, die sind unerlaubt, nicht nach dem kanonischen Recht. Wir haben damals gesagt, dass wir uns in einen Zwischenzustand begeben, in dem wir friedlicher sprechen können, in dem Rom uns auch beobachten kann. Wir hätten überhaupt nichts dagegen, wenn Rom einen Beobachter zu uns schicken würde. Wir haben das angeboten, aber vielleicht nicht deutlich genug.

 

Waren Sie erstaunt, dass Rom für die Aufhebung der Exkommunikation keine Bedingungen gestellt hat?

Fellay: Nein, eigentlich nicht. Es geht um eine Annäherung. Die kann nur durch kleine Schritte geschehen – bei allen Wunden und dem, was geschehen ist. In diesem Sinne ist diese Geste des Papstes, die wir dankend annehmen, auch gemeint: eine Geste, um das Klima zu bessern. Unsererseits gibt es die Öffnung, aber in keiner Weise ging es darum, unsere Arbeit einzustellen.

 

Bei der Aufhebung der Exkommunikation wurde ja oft der Papst mit dem Bild des Vaters verglichen, der auf den verlorenen Sohn zueilt, der reumütig umgekehrt ist. Gab es so einen Umkehrschritt, oder würden Sie sich gar nicht als reumütige verlorene Söhne betrachten?

Fellay: Ja, deshalb gibt es ja auch nicht mehr in diese Richtung. Aber es gibt doch eine Öffnung unsererseits. Wir haben um diese Gespräche gebeten, und diese Bitte wurde angenommen. Wir bedauern, dass gewisse Kreise versuchen, das zu torpedieren, durch diese Verhetzung jetzt.

 

Warum haben Sie nicht die Priesterweihen anderswo angesetzt? Die scharfe Reaktion der deutschen Bischöfe war ja vorauszusehen.

Fellay: An diesem Punkt sieht man, dass es bösen Willen gibt. Wir können tun, was wir wollen, wir sind sowieso das schwarze Schaf. Das ist mein Eindruck. An einem gewissen Punkt sagen wir, jetzt gehen wir nicht mehr weiter zurück. Das müssen Sie verstehen.

 

Sie erkennen also keinerlei Desavouierung des Papstes in Ihren Handlungen?

Fellay: Das wäre eine falsche Interpretation der Tat. Das ist kein feindlicher Akt. Ich habe dem Papst geschrieben und ihn gebeten, er soll diese Weihen so betrachten: nicht als Rebellion, sondern als ein Überlebenspfad in schwierigen und komplexen Umständen.

 

Wie immer Sie die Weihen interpretieren möchten, der Papst kommt dadurch doch jedenfalls in eine unangenehme Situation.

Fellay: Ich verstehe das wohl. Diese Lage ist sehr unangenehm für alle. Noch einmal: Dieses Problem kommt von den verschiedenen Strömungen in der Kirche, die einander kaum ertragen können. Dieses Problem kann letzten Endes nur vom Papst gelöst werden. Aber ich bin mir nicht einmal sicher, ob es überhaupt gelöst werden kann.

 

Was macht Bischof Williamson jetzt?

Fellay: Er ist in London. Er betet, er studiert, nichts anderes.

 

Gibt es ein absehbares Ende dieses inneren Exils?

Fellay: Ich sehe keines. Das Ganze hängt von ihm ab.

 

Da müsste es von ihm wohl eine stärkere Distanzierung von seiner Holocaust-Leugnung geben.

Fellay: Würden solche Äußerungen wiederkehren, dann wäre das unerträglich.

AUF EINEN BLICK

Die Piusbruderschaft („Lefebvristen“) hat sich nach dem Konzil von der katholischen Kirche entfernt. Der endgültige Bruch war 1988 die unerlaubte Weihe von vier Bischöfen durch Erzbischof Lefebvre. Alle Beteiligten wurden damals exkommuniziert.

Im Jänner 2009 hat der Vatikan die Exkommunikation aufgehoben, um eine Annäherung zu erleichtern. Dass die Piusbruderschaft dennoch am 27. Juni im deutschen Zaitzkofen drei Priester (unerlaubt) weihen will, wird von deutschen Bischöfen als Provokation verurteilt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2009)

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