Aslan: „Dieser Islam macht auch mir Angst“

Religionspädagoge Ednan Aslan rät dazu, die Religiosität von Muslimen ernst zu nehmen. Dafür sollten Österreicher aber einen europäischen Islam einfordern.

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Ednan Aslan sagt, dass der Islam in Österreich nicht mehr aus dem Ausland gesteuert werden dürfe. – Clemens Fabry/Die Presse

Vergangene Woche vergewaltigen drei Afghanen eine junge Frau, Anfang der Woche gab es eine Messerstecherei zwischen Algeriern. Am Stammtisch wird jetzt erzählt, dass „die Muslime“ eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen. Ist das so?

Ednan Aslan: Im Islam wird die Vergewaltigung nicht legitimiert. Sogar das Anfassen der Frau ist nicht erlaubt, wenn man nicht verheiratet ist. Trotzdem darf man die Verantwortung der Religion nicht ignorieren. Sie leistet einen wichtigen Beitrag, dass man gewisse Arten der Gewalt nicht als selbstverständlich beachtet. Aus diesem Grund sind Muslime gut beraten, wenn sie die Rolle des Mannes und der Frau neu überdenken. In der islamischen Theologie wird die Frau in den klassischen Werken stark diskriminiert, das ist eine Tatsache.

 

Wie weit sollte man die Themen Islam und Integration mischen?

Der Islam kann die Gesamtproblematik nicht lösen, aber einen wichtigen Beitrag zur Integration leisten. Derzeit werde ich im Islam gelobt, wenn ich mich isoliere und religiös verhalte. Daher müssen wir den Islam reformieren.

 

Wie soll das gehen?

Die wichtigste Voraussetzung ist, dass muslimische Organisationen nicht mehr vom Ausland gesteuert werden. Die Organisationen sind bis in den obersten Rat der Islamischen Glaubensgemeinschaft vertreten. Atib wird aus der Türkei gesteuert, Milli Görüs und die Muslimbruderschaft aus dem Ausland. So werden die Muslime hier nie heimisch, weil die Organisationen andere Interessen haben. Die türkische Regierung hat in den letzen Jahren 20 Millionen Euro in Österreich investiert – in Bildung und religiöse Strukturen.

 

Wieso lässt man das zu?

Westeuropa hat die religiösen Belange der Muslime lange kaum wahrgenommen. In ganz Europa hat man gesagt, Muslime und der Islam sind ein Übergangsphänomen. Man hat nie gedacht, dass sie bleiben werden. Jetzt haben wir mit der Realität zu tun, dass Muslime nicht weniger werden, sondern mehr. Wir ernten, was wir vor zehn, 20, 30 Jahren gesät haben.

 

Und was soll man jetzt tun?

Die Parolen, dass alle Muslime zurückgehen sollen, sind ein falscher Ansatz. Die gehen nicht mehr zurück. Daher ist es gut für Europa, wenn man die Religiosität ernst nimmt – und sie in einem vernünftigen Rahmen zulässt. Das sieht man bei den muslimischen Kindergärten. Wenn 15.000 Eltern eine religiöse Erziehung wollen, dann hilft es nichts, wenn man das im Kindergarten verbietet. Dann wird die religiöse Bildung am Wochenende in der Moschee passieren.

 

Was sollte der Staat tun, damit sich Muslime besser integrieren?

Der Staat muss die muslimischen Belange als heimische Aufgabe sehen. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Ich hoffe, dass das Islamgesetz auch in diese Richtung Akzente gesetzt hat. Dann kommen weitere Maßnahmen: Die Imamausbildung hier im Land und die Verbesserung der religiösen Bildung in öffentlichen Schulen und auch im Kindergartenbereich. Man muss sich schon auch fragen, warum die Islamische Glaubensgemeinschaft bis heute keine Qualitätsstandards für Moscheen entwickelt hat, auch in konfessionellen Schulen oder Kindergärten gibt es die nicht. Die Glaubensgemeinschaft könnte auch einen Rahmenplan für religiöse Bildung im Kindergarten entwickeln und der Staat genehmigt den. Die Religion zu verbieten, ist keine Lösung.

 

Die Stadt Wien überprüft gerade Kindergärten. Auch muslimische könnten vor der Schließung stehen. Zufrieden?

Ich habe nie das Ziel gehabt, dass man diese Kindergärten schließt, ich wollte auf Missstände hinweisen. Ich bin froh, dass das Forschungsprojekt weitergeht. Und ich würde mir wünschen, dass die Stadt auf die Ergebnisse wartet. Das vorschnelle Verbieten wird nichts helfen. Es ist besser, wenn man eine gewisse religiöse Bildung zulässt.

 

Die Durchführung ihrer Wiener Kindergarten-Vorstudie wurde stark kritisiert, warum haben Sie sich dabei so angreifbar gemacht? Gerade bei der Debatte geht es ja darum, sehr sauber zu arbeiten.

Wir haben sauber geliefert, was in dieser Zeit leistbar war. Im Nachhinein würde ich aber nicht mehr einen Teil der Studie (die ersten Seiten im Dezember 2015, Anm.) veröffentlichen, sondern nur mehr die gesamte Arbeit. Dann haben wir eine Kritik, die wir im vollen Umfang ernst nehmen können. Ich glaube auch, dass einige Beteiligte nicht damit gerechnet haben, dass die Medien so aufmerksam sein werden. Ich war auf jeden Fall auf diese Reaktion nicht vorbereitet. Ich glaube trotzdem, dass diese Debatte einen ehrlichen Diskurs zum Wohle der Kinder ermöglicht hat. Die Kindergärten haben sich selbst kritisch hinterfragt. Auch die Stadt hat reagiert.

 

Es gibt Menschen, die glauben, dass die Muslime das Land übernehmen wollen.

Der Islam, den manche Muslime hier präsentieren, der macht mir auch Angst. Wenn ich sehe, dass jemand in Paris oder Brüssel im Namen Gottes tötet, dann beunruhigt mich das zutiefst.

 

Haben Sie vor Einzelpersonen Angst oder vor der Masse?

Es gibt in Europa viele Moscheen, die sich durch die Abwertung der anderen definieren. Auch in klassischen Werken kommt das vor. Wenn dort steht, dass man nicht betende Menschen bestrafen muss, dann fühlen sich manche angesprochen. Wenn wir Muslime unsere eigenen religiösen Werke und Positionen nicht hinterfragen, werden wir eine neue Prägung in Europa nicht schaffen. Die Menschen werden den Islam weiter als Bedrohung sehen.

 

Können Österreicher den Islam mitprägen?

Das ist eine muslimische Aufgabe. Aber Österreicher können auf die neue Prägung bestehen. Es wäre keine gute Antwort zu sagen: Wir wollen den Islam nicht, sondern wir unterstützen die Muslime, die an dieser Prägung arbeiten. Und etwa Strukturen im Bildungssystem dafür zu schaffen.

 

NGOs kritisieren die fehlende Beschäftigung für nicht mehr schulpflichtige minderjährige Flüchtlinge. Sind sie anfälliger für Radikalisierung?

Die radikalen Organisationen bieten ihre Ideen natürlich in Flüchtlingsheimen an. Die Beschäftigungs- und Hoffnungslosigkeit sind dafür eine gute Voraussetzung. Man darf auch nicht vergessen, dass diese Menschen aus dem Krieg kommen. In einem kurzen Integrationsprozess kann man sie nicht davon befreien. Irgendwo wird sich diese Gewalt äußern.

 

Man erwartet viel von den Menschen in kurzer Zeit.

Das ist schon wahr, dass man diese Menschen nicht überstrapazieren kann. Stellen Sie sich vor, Sie waren 20 Jahre lang eine muslimische Frau und jetzt müssen Sie hier in Österreich ihre Rolle in ein paar Wochen neu definieren. Sie können das in dieser kurzen Zeit nicht leisten. Umgekehrt muss man sich fragen, wie viel Migration eine Gesellschaft verkraften kann. Wir haben schon jetzt Strukturen, die wir nicht mehr kontrollieren können.

 

Sie sind selbst Türke und mussten sich integrieren.

Ich komme aus einer religiösen Familie, mein Vater war Imam. Ich bin mit 18 nach Europa gekommen und kann die Flüchtlinge daher gut verstehen. Die kommen aus einer Gesellschaft, wo fast alles verboten ist und dann kommen sie her und alles ist frei. Das birgt ein Risiko.

 

Was haben Sie gemacht?

Ich habe studiert. Einmal hat mich eine Kommilitonin zum Lernen zu sich eingeladen. Ich hab das als Annäherungszeichen interpretiert. Und dann war ich bei ihr und dort waren noch vier weitere Männer! (lacht.) Als ich mit ihr darüber gesprochen habe, war klar, sie wollte nur lernen, aber ich habe das mit meinem kulturellen Backround völlig anders gedeutet. Ich musste erst lernen, dass man eine Frau in diesem Kontext zuerst als Studentin und Wissenschaftlerin sieht. Das sind andere Wirklichkeiten, und diese korrigieren sich jeden Tag ein Stückchen mehr.

 

Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe meinen Mitmenschen einiges zu verdanken, sie haben mich ein Stück mitgetragen. Ich war überfordert in vielen Situation. Ich musste meine Sicht ändern. Das sind unglaublich mühsame Prozesse. Die tun weh, mein Gott.

 

Flüchtlinge werde nicht überall gute Erfahrungen machen.

Ja, das fürchte ich. Sie werden Situationen erleben, wo jemand sagt, geh weg, du bist ein Muslim. Und es gibt Leute, die wie die Geier darauf warten, dass das passiert. Die sagen: Siehst du, das schreibt der Koran, die werden dich nicht mögen, weil du Moslem bist.

 

Kann die Gesellschaft diese Probleme bewältigen?

Ich sage mit innerer Überzeugung, dass wir den Islam europäisch prägen können. Aber man muss die Menschen warnen, dass es nicht einfach sein wird. Aber wir haben keine Alternative. In zehn bis 20 Jahren Jahren haben wir im deutschsprachigen Raum mehr als vier bis fünf Millionen Muslime. Die Hälfte der Einwohner von Österreich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2016)

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