Legende vom Priestermangel: Weniger Katholiken, Kirchgänger

Die Zahl der Kirchenaustritte ist im Vorjahr um drei Prozent zurückgegangen, bewegt sich mit fast 55.000 aber noch immer auf einem relativ hohen Niveau.

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(c) Clemens Fabry

Wien. Die Klage über den Priestermangel begleitet die Diskussionen über tatsächliche oder vermeintliche Reformnotwendigkeiten in der katholischen Kirche nicht erst seit gestern. Stichworte: Zölibat, also die Verpflichtung zur Ehelosigkeit als Voraussetzung für die Priesterweihe. Oder: Zusammenlegung von Pfarren. Natürlich, rund um den kirchlichen Gedenktag Peter und Paul am 29. Juni, an dem traditionell die Mehrzahl der Weihen stattfindet, wird die Schar der Männer kleiner, die sich vor dem Bischof auf dem Kirchenboden ausstrecken, bevor er ihnen die Hand auflegt.

Aber: Kleiner geworden ist gleichzeitig auch die Zahl jener, die der katholischen Kirche angehören – einerseits bedingt durch Austritte, im Vorjahr waren es in ganz Österreich 54.886, andererseits durch mehr Todesfälle als Taufen, da war der Saldo zuletzt mit ungefähr 6000 negativ. Kleiner geworden ist auch die Schar derer, die sich Sonntag für Sonntag um den Altar versammeln – an den beiden Zähltagen waren es 568.000 und 606.000 gegenüber 577.000 und 623.000 noch im Jahr davor. Kleiner geworden ist auch die Zahl derer, die die Erstkommunion empfangen oder sich firmen lassen (von der Beichte erst gar nicht zu sprechen).

Und: Wie die durch die Katholische Presseagentur am Dienstag verbreitete hochoffizielle Statistik ausweist, ist die Zahl der Priester im vergangenen Jahr nicht nur nicht im selben Ausmaß gesunken wie die Zahl der den vorgeschriebenen finanziellen Beitrag (maximal 1,1 Prozent vom Einkommen) zahlenden Katholiken oder der Messbesucher. Die Zahl der Priester ist demnach sogar gestiegen: von 3898 auf 3944. Davon sind 2013 Diözesanpriester, was einem kleinen Minus entspricht, waren es doch ein Jahr davor 2044. Demgegenüber ist die Zahl der ausländischen Kleriker deutlich gestiegen (391 gegenüber 347) und jener Priester, die einem Orden angehören (1540 gegenüber 1507).

Die Zahl der Kirchenaustritte bewegt sich mit fast 55.000 noch immer auf einem relativ hohen Niveau. Prozentuell ist sie freilich im Vorjahr um drei Prozent gegenüber 2015 zurückgegangen.

 

Wien vor Linz

Am deutlichsten fällt mit 5,9 Prozent der Rückgang bei den Kirchenaustritten in der Erzdiözese Wien aus, gefolgt von Linz mit 4,6 und – wegen des seit nunmehr einem Jahr vakanten Bischofsstuhls interessant – Innsbruck mit 3,2 Prozent. Lediglich drei Diözesen haben im Vorjahr mehr Austritte als noch 2015 zu verkraften gehabt, nämlich St. Pölten und die östlichste, Eisenstadt, sowie die westlichste Diözese des Landes, Feldkirch.

Insgesamt gab es per Stichtag 31. Dezember 2016 in Österreich 5,16 Millionen Katholiken, genau ein Jahr davor waren es noch 5,21 Millionen. Zwischen 2015 auf 2016 ist somit ein Rückgang der Zahl der Katholiken von rund einem Prozent zu verzeichnen. Im vergangenen Jahr gab es auch 5265 Kircheneintritte. Das ist etwas mehr als im Jahr 2015 mit 5064 neuen Katholiken.

Trotz des Rückgangs der Zahl der Katholiken insgesamt haben die Diözesen auch 2015 (hier liegen noch keine aktuelleren Daten vor) leichte Steigerungen beim Kirchenbeitragsaufkommen und insgesamt ausgeglichene Bilanzen zu verzeichnen. Das geht aus der österreichweiten kirchlichen Gebarungsübersicht hervor, die gleichfalls am Dienstag veröffentlicht wurde.

Drei Viertel aller kirchlichen Einnahmen stammen demzufolge aus dem Kirchenbeitrag. 2015 waren das über 445 Millionen Euro, was gegenüber dem Jahr davor einer Steigerung um immerhin zwei Prozent entspricht und sogar knapp über der Teuerungsrate liegt. Notverkäufe oder großflächige Auflösungen von Rücklagen sind so nicht erforderlich. Zwei Drittel der Budgets werden für die Pfarren und für seelsorgliche Aufgaben verwendet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2017)

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