Schönborn warnt vor „Kleinstaatlerei“

Kardinal Christoph Schönborn sorgt sich wegen „des schwächelnden Christentums“. Nicht aber wegen des Islam. Er beklagt einen „wachsenden Nationalismus und Populismus“.

Kardinal Christoph Schönborn wäre dankbar, wenn in drei Jahren sein Rücktrittsgesuch mit Erreichen des 75. Lebensjahrs vom Vatikan angenommen würde. Das sagte er am Palmsonntag.
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Kardinal Christoph Schönborn wäre dankbar, wenn in drei Jahren sein Rücktrittsgesuch mit Erreichen des 75. Lebensjahrs vom Vatikan angenommen würde. Das sagte er am Palmsonntag.
Kardinal Christoph Schönborn wäre dankbar, wenn in drei Jahren sein Rücktrittsgesuch mit Erreichen des 75. Lebensjahrs vom Vatikan angenommen würde. Das sagte er am Palmsonntag. – APA (HANS PUNZ)

Wien. Er kommentiere die (Flüchtlings-)Politik der Regierung nicht gern, sagte Kardinal Christoph Schönborn in der ORF-Pressestunde am gestrigen Palmsonntag – und tat es (indirekt) dann doch. Die Flüchtlingsproblematik könne nur gemeinsam innerhalb Europas gelöst werden. Eine solche Lösung stoße derzeit aber auf einen „wachsenden Nationalismus und Populismus, jedes Land versucht, noch schrecklicher zu sein“, klagt Schönborn. Er nehme auch bei der österreichischen Regierung ein „bedauerliches“ Muster wahr. Es würde „lieber auf Brüssel geschimpft, um von den eigenen Problemen abzulenken“. Indirekt dürfte er damit wohl auch die innerkoalitionären Streitereien über das Relocation-Programm, bei dem sich Österreich dazu verpflichtet hat, Asylwerber, die in Italien und Griechenland untergebracht sind, aufzunehmen, gemeint haben. Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) hat zuletzt mit einem Brief nach Brüssel versucht, sich der vertraglich festgelegten Verantwortung zu entziehen. Er ist damit aber gescheitert.

Der Kardinal warnte in diesem Zusammenhang vor einer „Kleinstaatlerei“. Nach anfänglichem Enthusiasmus spüre man innerhalb der EU nun die „Mühen der Ebene“. Deshalb dürfe man aber das Miteinander nicht infrage stellen. An die politisch Verantwortlichen richtete er eine rhetorische Frage: „Was stellen Sie sich als Alternative zur europäische Integration vor?“ Europa dürfe neben dem großen Amerika, dem großen China und dem großen Russland nicht an Bedeutung verlieren. Für einen „idealen Weg“ in der Flüchtlingspolitik hält Schönborn Resettlement-Programme. Bei diesen werden Flüchtlinge freiwillig direkt aus ihren Heimatländern oder aus Drittstaaten von Aufnahmeländern übernommen. Dadurch falle die oft traumatisierende Flucht weg. Das würde zu einer „Humanisierung“ beitragen, so der Kardinal. Für Afrika wünscht er sich eine Art Marshallplan, ein wirtschaftliches Wiederaufbauprogramm. Das sei freilich schwer realisierbar. Denn – und da war die Kritik an der Regierungspolitik wieder – wenn man „nur auf die nächste Wahl schaut, dann wird man nicht langfristige Strategien machen können“, so der Kardinal.

Kreuz ist Gerechtigkeitssymbol

Er fürchte sich nicht vor dem Islam, sagte Schönborn, auch wenn er bereits vor Stimmen im Islam, die Europa erobern wollen, gewarnt hat. Man könne es den Muslimen nicht vorwerfen, dass sie ihre Religion verbreiten wollen. Das sei ihr Recht. Das hätten auch die Christen versucht. Fundamental wichtig sei die Einhaltung der Religionsfreiheit. Vielmehr mache er sich Sorgen „wegen des schwächelnden Christentums“. Jeder Christ bzw. jede Christin müsse sich fragen, was er oder sie dazu beiträgt, „dass Österreich ein christliches Land bleibt“, forderte Schönborn. Der „religiöse und humane Grundwasserspiegel“ sei in Österreich jedenfalls noch nicht dramatisch gesunken. Auch in der Debatte um religiöse Symbole bezog Schönborn klar Stellung: Für gewisse Bekleidungsvorschriften, die religiöse Symbole im beruflichen Kontext verbieten, habe er Verständnis. Nicht aber für die Forderung der Richter, die Kreuze aus den Gerichtssälen zu entfernen. Diese seien ein Symbol der Gerechtigkeit. Religiöse Symbole überhaupt aus dem öffentlichen Raum zu entfernen, hieße „alle Kirchtürme abzuschneiden“. Das sei „absurd“. Man könne sich „nicht ein religionsfreies Land wünschen“, so Schönborn.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.4.2017)

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