Imame-Deklaration gegen Extremismus unterzeichnet

Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich verurteilt Anschläge und ruft zur Integration auf. Das Dokument wurde von mehr als 300 Geistlichen verabschiedet.

300 IMAME IGGiÖ-Generalsekretär Ramazan Demir (rechts) und weitere 300 Imame bei der Unterzeichnung am Mittwoch.DEKLARATION GEGEN EXTREMISMUS
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300 IMAME IGGiÖ-Generalsekretär Ramazan Demir (rechts) und weitere 300 Imame bei der Unterzeichnung am Mittwoch.DEKLARATION GEGEN EXTREMISMUS
IGGiÖ-Generalsekretär Ramazan Demir (rechts) und weitere 300 Imame bei der Unterzeichnung am Mittwoch. – APA/HERBERT NEUBAUER

Die Imame der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) haben am Mittwoch eine Deklaration gegen Extremismus und Terror unterzeichnet. In dem Dokument, das von mehr als 300 Geistlichen verabschiedet wurde, werden nicht nur sämtliche Anschläge weltweit verurteilt, es wird auch zur Integration der Muslime aufgerufen. IGGiÖ-Präsident Ibrahim Olgun sprach von einem historischen Tag.

Die Initiative für die Deklaration sei von den Geistlichen selbst ausgegangen, betonte Olgun in einer kurzen Rede. "Deklaration der Imame in Österreich gegen Extremismus, Gewalt und Terror", lautet dessen genauer Titel. Appelliert wird darin an sämtliche Muslime, einen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben in Österreich zu leisten. Weiter heißt es: "Wir verurteilen terroristische Gewalttaten in der ganzen Welt." Zudem werden die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft dazu angehalten, in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen teilzunehmen.

Warnung vor Rassismus aller Art

Die Imame warnen in ihrer Deklaration auch vor Rassismus jeglicher Art, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. Eine dadurch angeheizte Stimmung wäre "ein perfekter Nährboden für extremistische Tendenzen in vielen Teilen der Gesellschaft", heißt es darin. Das Dokument war am Mittwoch bereits von 312 Geistlichen unterzeichnet und soll an Parlamentarier, Religionsgemeinschaften und NGOs gehen.

Mehrere Punkte haben die Imame in ihrer Deklaration, die vor dem Islamischen Zentrum in Wien-Floridsdorf, Österreichs größter Moschee, am Mittwoch unterzeichnet wurde. Neben der Verurteilung terroristischer Gewalttaten wird darin etwa auch festgehalten, "dass es zur Aufgabe eines jeden Muslims und jeder Muslimin gehört, sich für die Sicherheit und den Frieden des Landes sowie seiner Bürger und Bürgerinnen aktiv einzusetzen".

Betont wird in der Deklaration auch, "das Festhalten an verfassungsrechtlichen Prinzipien in der Republik Österreich, darin eingeschlossen und besonders hervorzuheben die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, Pluralismus, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit". Zudem unterstrichen die islamischen Geistlichen die Bedeutung der Präventions-und Deradikalisierungsarbeit, vor allem im Zusammenhang mit Jugendarbeit.

Gleichzeitig warnen die Imame vor einer "pauschalierten Stigmatisierung der muslimischen Bevölkerung und antimuslimischen Rassismus in Österreich". In der aktuellen Situation sei es wichtiger denn je, "klar zu differenzieren", um religiöse Minderheiten vor populistischem Missbrauch und Anfeindungen zu schützen. Auch der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ) appellierte an alle Konfessionen an einem Strang zu ziehen, um Hetzern keine Chance zu lassen.

Integration der Muslime in Österreich

Auch die Integration der Muslime in Österreich ist den Geistlichen in ihrer Deklaration ein Anliegen. "Wir, die Imame Österreichs, betrachten den Dienst an der Gesellschaft als eine der besten Handlungen, zu welcher der Islam immer wieder aufruft und fordern deshalb die Muslime zur aktiven Teilnahme in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen auf", wurde in dem Dokument festgehalten.

Olgun hofft nun, dass die Botschaft der Deklaration - besser als vergangene einzelne Distanzierungen von Terror-Attacken - in der Bevölkerung ankommt. "Eine Religion, die für Frieden steht, kann keine fundamentalistischen, terroristischen oder radikalen Züge haben", betonte er vor der Unterzeichnung. Vielmehr werde bei Anschlägen im Namen des Islam der Glaube "beschmutzt". Dennoch werde man in den österreichischen Moscheen weiterhin Toleranz und Liebe predigen.

Die Deklaration wurde vor dem Islamischen Zentrum in Wien-Floridsdorf unterzeichnet.
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Die Deklaration wurde vor dem Islamischen Zentrum in Wien-Floridsdorf unterzeichnet.
Die Deklaration wurde vor dem Islamischen Zentrum in Wien-Floridsdorf unterzeichnet. – REUTERS

180 Unterzeichner Anwesend

Von den mehr als 300 Unterzeichnern waren rund 180 persönlich zum Akt gekommen, weitere Geistliche haben sich laut IGGiÖ etwa via E-Mail deklariert. Noch ein paar Tage haben auch Imame, die nicht der IGGiÖ angehören Zeit, zu unterschreiben. Dann sollen Kopien an Politiker sowie Vertreter der Glaubensgemeinschaften und der Zivilgesellschaft ergehen. In naher Zeit ist noch ein weiterer symbolischer Akt, eine Menschenkette von der Moschee bis zur nächstgelegenen christlichen Kirche geplant.

Das Dokument im Wortlaut

"Deklaration der Imame in Österreich gegen Extremismus, Gewalt und Terror

14. Juni 2017

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!

"Wenn jemand einen Menschen tötet, so ist es als habe er die ganze Menschheit getötet! Und wer einem Menschen das Leben rettet, so ist es, als habe er die ganze Menschheit gerettet"! (Koran 5:32)

Hiermit wird festgehalten, dass wir, die Imame Österreichs, als Teil dieser Gesellschaft weiterhin mit aller Entschlossenheit alles tun werden, das friedliche Zusammenleben hier in Österreich aufrecht zu erhalten. Nichts wird uns davon abbringen, uns für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, Chancengleichheit von Mann und Frau und gesellschaftliche Sicherheit auf der Basis der Vernunft und einer solidarischen Grundhaltung einzusetzen und unseren aktiven Beitrag für den Erhalt der Gesellschaft zu leisten.

Wir, die Imame Österreichs

  • verurteilen die terroristischen und extremistischen Gewaltakte auf der ganzen Welt;
  • halten fest, dass die Gräueltaten und Attentate der IS-Terroristen dem Islam widersprechen und aufs Schärfste zu verurteilen sind. Diese IS-Terroristen missbrauchen unsere friedliche Religion Islam, um an ihre politischen Ziele zu gelangen;
  • stellen klar, dass es zur Aufgabe eines jeden Muslims und jeder Muslimin gehört, sich für die Sicherheit und den Frieden des Landes sowie seiner Bürger und Bürgerinnen aktiv einzusetzen;
  • halten fest, dass Freiheit ein unentbehrliches Gut für die Menschen darstellt und dass es zu den Aufgaben jeder Gesellschaft gehört, sich für Freiheit zu jeder Zeit und an jedem Ort einzusetzen;
  • unterstreichen, dass der Islam die Menschenwürde als einen unverzichtbaren menschlichen Wert betrachtet. Aus diesem Grund ist alles, was diesem Grundsatz widerspricht, abzulehnen;
  • betonen in diesem Zusammenhang, dass Terror nicht einer Religion, einer Ethnie oder einer Kultur zuzuordnen ist;
  • betrachten den Dienst an der Gesellschaft als eine der besten Handlungen, zu welcher der Islam immer wieder aufruft und fordern deshalb die Muslime zur aktiven Teilnahme in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen auf;
  • betonen das Festhalten an verfassungsrechtlichen Prinzipien in der Republik Österreich, darin eingeschlossen und besonders hervorzuheben die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, Pluralismus, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit;
  • unterstreichen die Bedeutung der Präventions-und Deradikalisierungsarbeit, vor allem im Zusammenhang mit Jugendarbeit.

Gleichzeitig ist es uns ein Anliegen, vor einer pauschalierten Stigmatisierung der muslimischen Bevölkerung und antimuslimischen Rassismus in Österreich eindringlich zu warnen. Eine dadurch entstehende angeheizte Stimmung in der Bevölkerung würde zur Polarisierung der Gesellschaft führen und wäre ein perfekter Nährboden für extremistische Tendenzen in vielen Teilen der Gesellschaft.

Es ist in der aktuellen Situation wichtiger denn je, klar zu differenzieren, um religiöse Minderheiten vor populistischem Missbrauch und Anfeindungen zu schützen.

Der Kampf gegen Extremismus, aber auch gegen jeglichen Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, zu der wir als Imame Österreichs als Teil dieser Gesellschaft voll und ganz stehen.

Wir stehen für unsere Verantwortung für ein besseres Miteinander in Österreich ein.

Der Prophet Muhammad sagt: "Der Muslim ist derjenige, vor ‎dessen Hand und Zunge die Menschen in ‎Sicherheit sind. Der Gläubige ist derjenige, vor ‎dem das Leben und der Besitz der Menschen in ‎Sicherheit sind." (Quelle: Tirmidhi)

In diesem Sinne möchten wir, die Imame in Österreich, ein klares Zeichen setzen und mit der Unterzeichnung dieser Deklaration jegliche Art von Terror, Extremismus und Gewalt deutlich verurteilen!"

 

(APA)

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