Deutschland: Eine liberale Moschee und ihre Feinde

Frauen beten neben Männern, Sunniten neben Schiiten und vorn steht eine Imamin – ohne Kopftuch. Die Frauenrechtlerin Ateş hat in Berlin eine liberale Moschee gegründet – ein Affront gegen konservative Muslime.

Das erste Freitagsgebet in Berlins neuer liberaler Moschee. Die Initiatorin Seyran Ateş trägt kein Kopftuch. Sie will, dass der liberale Islam Gesicht zeigt.
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Das erste Freitagsgebet in Berlins neuer liberaler Moschee. Die Initiatorin Seyran Ateş trägt kein Kopftuch. Sie will, dass der liberale Islam Gesicht zeigt.
Das erste Freitagsgebet in Berlins neuer liberaler Moschee. Die Initiatorin Seyran Ateş trägt kein Kopftuch. Sie will, dass der liberale Islam Gesicht zeigt. – (c) imago/Jens Jeske

Man muss schon genau hinsehen, um an der ersten liberalen Moschee Berlins nicht vorbeizulaufen. Der Weg führt auf das Areal der evangelischen Johanneskirche im Stadtteil Moabit. Hinter einem Mauervorsprung taucht eine Tür auf. Ein weißes Schild ist an der roten Klinkerfassade angebracht: „Ibn Rushd Goethe Moschee Gmbh“. Im dritten Stock ist der Gebetsraum. Ein Provisorium. Sofort drängt sich der Kontrast auf zwischen diesem unscheinbaren Ort und den Reaktionen, die er noch im 3000 Kilometer entfernten Ägypten zeitigt, dem vernichtenden Urteil der Fatwa-Behörde Dar al-Ifta etwa. Als Angriff auf den Islam haben die Theologen in Kairo die Moschee gegeißelt. Es ist ein schwerer Vorwurf. Er kann die Initiatorin des Projekts in Lebensgefahr bringen, also Seyran Ateş, die 54-jährige Frauenrechtlerin und Aktivistin, die längst unter Polizeischutz steht und in diesen Tagen erklärt: „Wir sind jetzt für die friedliche Seite unserer Religion in Aktion getreten, weil wir es nicht mehr den Konservativen, den Orthodoxen und Radikalen überlassen dürfen.“

 

Tabubrüche

Der aufklärerische Ansatz soll sich schon in den Namenspatronen abbilden: neben Goethe auch Ribn Rushd alias Averroës, der arabische Gelehrte, der im zwölften Jahrhundert im muslimischen Córdoba die Werke Aristoteles' ausgedeutet hat, der die Logik ins Zentrum seines Schaffens rückte. Aufklärung und Islam wollen sie hier also zusammendenken. Man kann schon die Debatten hören, ob das denn geht, ob sie es sich da nicht zu einfach machen mit der liberalen, zeitgemäßen, geschlechtergerechten Lesart des Koran.

Ganz absichtsvoll setzt Ateş Tabubrüche. Bei der Eröffnung knieten Frauen und Männer Seite an Seite auf ihren Gebetsteppichen – wohl ein Affront gegen konservative Muslime. Vorn stand Ateş im weißen Gewand, das graue Haar unverhüllt. Es gibt hier keinen Kopftuchzwang. „Ungültig“ seien solche Gebete, erklärte nun die Fatwa-Behörde. Übrigens via Facebook. Das Tragen des Kopftuchs diskriminiere Frauen ja auch nicht, belehrten die Ägypter. Genauer: „Das Bedecken bestimmter Körperteile beim Gebet ist für Musliminnen ebenso Pflicht wie für Muslime, auch wenn es bei Frauen andere Körperteile sind als bei Männern.“ Schiiten und Sunniten sollen in der Moschee gemeinsam beten, das große innerislamische Schisma mit seiner enormen politischen Sprengkraft – es soll hier jeden Freitag außer Kraft gesetzt sein. Homosexuelle sind willkommen.

 

Türkische Religionsbehörde empört

Nun ist dies keine Massenbewegung. Das Projekt nährt sich zuallererst von der medialen Aufmerksamkeit und dem Widerspruch, den es bei Ateş' Gegenspielern, den Islamverbänden, erzeugt. Die Imamin in Ausbildung kann Attacken parieren mit dem Hinweis, wo denn der Aufschrei wegen des islamistischen Terrors bleibe, wenn schon eine kleine Moschee für solche Empörung sorgt. Aber die Wucht der Kritik in diesen Tagen hat sie so wohl nicht erwartet. Die türkische Religionsbehörde Diyanet etwa sieht durch die neue Moscheegemeinde den islamischen Glauben „untergraben und unterwandert“. In einem perfiden Manöver rückte sie Ateş in die Nähe der Gülen-Bewegung, also jenes Predigers, den Ankara für den Putschversuch verantwortlich macht. „Wir sind denen doch viel zu progressiv, viel zu liberal“, kontert Ateş. Als die Deutsche Welle in ihrem arabischen Programm über die Moschee berichtete, gab es dazu Tausende Kommentare, viele von Hass getränkt.

Ateş hat viel auszuhalten, vor allem, wenn man die Drohungen mit ihrer Lebensgeschichte zusammendenkt: In den Achtzigern überlebte die Anwältin für türkische Opfer von häuslicher Gewalt einen Mordanschlag nur knapp. Ihre Klientin starb. 2009 zog sie sich wieder aus der Öffentlichkeit zurück. Wieder gab es Morddrohungen gegen sie, diesmal wegen ihrer Streitschrift: „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“. Und 2017 sagt sie nun, es sei an der Zeit, dass die „moderaten, liberalen Muslime endlich auch Gesicht zeigen“.

Hinter der Moschee ist ein Kindergarten. Ein Vater ist recht verärgert. Die kleine Tochter sitzt neben ihm auf dem Fahrrad. „Wir wurden nicht informiert“, klagt der Mann. Die Eltern lesen von den Drohungen in den Zeitungen. Das kann einem schon Angst machen. Zwei Damen, Kirchenmitglieder, unterhalten sich nebenan im Café. Sie wussten auch nichts von der Moschee. „Wahrscheinlich braucht die Kirche Geld“, unken sie. Aber ihnen ist das egal. Die jüdische Gemeinde habe schließlich auch Räume hier. Berliner Laisser-faire. Ateş plant indes die nächste Moschee, wie sie dem NDR sagte. Diesmal in Freiburg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2017)

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