Studie: Radikalisierte wissen mehr über Islam als gedacht

Radikale Muslime wissen über ihre Religion Bescheid. Das sagt eine Studie des Religionspädagogen Ednan Aslan. Sie steht im Widerspruch zu einer anderen Studie, für die zum Teil die gleichen Personen befragt wurden.

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(c) APA/HANS KLAUS TECHT

Wien. Radikalisierte Personen verfügen über mehr religiöses Wissen, als derzeit angenommen wird. Das ist ein Ergebnis einer aktuellen Studie des islamischen Religionspädagogen Ednan Aslan.

Für die Arbeit „Islamistische Radikalisierung“, die vom europäischen Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF) in Auftrag gegeben wurde, wurden 29 qualitative Interviews mit radikalen Muslimen, allesamt Männern, geführt – 26 in Gefängnissen, drei in Jugendeinrichtungen der Stadt Wien. 15 der Befragten sind wegen terroristischer Straftaten in Haft. Zwei Drittel der Befragten stammten aus Tschetschenien, nur eine Person ist österreichischer Staatsbürger.

Drei der Interviewten werden in der Studie exemplarisch beschrieben – ihre Biografie, ihr Weg in die Radikalisierung und ihr Selbstbild. In der Zusammenfassung der Studie werden aus dem Interviewmaterial Schlüsse gezogen – einer davon ist eben jener, dass die Befragten durchaus über eine Kenntnis der Religion verfügen. Eine Aussage, die bisherigen Annahmen widerspricht. Unter anderem auch einer im Jänner 2017 veröffentlichten Studie des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie über Deradikalisierung in der Haft, die vom Justizministerium in Auftrag gegeben wurde. Zum Teil wurden dafür die selben Häftlinge befragt wie in der Aslan-Studie. Dort hatte sich allerdings der Eindruck ergeben, dass die Befragten nur einen geringen Bezug zur Religion hatten.

In der Aslan-Studie ist auch in der Zusammenfassung zu lesen, dass ein Großteil der Befragten aus einem gläubigen muslimischen Elternhaus stammt – eine Zahl dazu wird nicht genannt. Projekteiter Aslan und seine Projektkoordinatorin Evrim Ersan Akkilic waren am Dienstag für Nachfragen nicht erreichbar. Auch wird angegeben, dass die Radikalisierten ihre Ansichten und theologischen Begründungen aus allgemein anerkannten klassischen Werken der islamischen Lehre ziehen würden. Das theologische Wissen sei in weiterer Folge dafür entscheidend, welche Aufgaben die Personen im radikalisierten Milieu übernehmen. Demnach übernehmen die theologisch höher Gebildeten die Funktion von Autoritäten „und spielen bei der Verbreitung der Ideologie eine zentrale Rolle“.

 

Internet nicht so wichtig

Eine Erkenntnis der Aslan-Studie ist auch, dass im Zuge der Radikalisierung das Internet keine so große Rolle spielt wie gedacht – viel wichtiger bei der Informationsbeschaffung und Kommunikation seien Face-to-face-Beziehungen. Bei den drei exemplarisch genannten Befragten sind dies Personen im Umfeld bestimmter Moscheen. Genannt wird unter anderem die mittlerweile geschlossene Altun-Alem-Moschee in Wien-Leopoldstadt. Der dort tätige Prediger Mirsad Omerovic alias Ebu Tejma galt als ein Hauptideologe der salafistischen Szene in Österreich. Er wurde im Juli 2016 nicht rechtskräftig zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Ein wichtiger Faktor bei der Radikalisierung ist der Studie nach das Gefühl der Entfremdung. So spiele die Konstruktion des Westens als Feind der muslimischen Welt eine zentrale Rolle für das Selbstverständnis der Radikalisierten. Die Befragten stammten aus einer sozial schwächeren Schicht – das sei ein zusätzlicher Faktor bei Diskriminierungserfahrungen und Radikalisierungsprozessen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2017)

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