Extremismus: Muslime wollen deradikalisieren

Die Islamische Glaubensgemeinschaft startet eine eigene Plattform, um von Radikalisierung Gefährdete sowie Schulen und Jugendeinrichtungen zu beraten.

Symbolbild: Prozess gegen 16-Jährige wegen mustmaßlicher Unterstützung der Terrororganisation "Islamischer Staat" im Mai 2015.
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Symbolbild: Prozess gegen 16-Jährige wegen mustmaßlicher Unterstützung der Terrororganisation "Islamischer Staat" im Mai 2015.
Symbolbild: Prozess gegen 16-Jährige wegen mustmaßlicher Unterstützung der Terrororganisation "Islamischer Staat" im Mai 2015. – (c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Wien. Es ist nicht so, dass es noch keine Beratungsstellen gegen Extremismus geben würde. Doch die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) möchte nun auch selbst in diesem Bereich tätig werden. „Das Wichtigste ist, dass sich die IGGiÖ einmal selbst der Thematik stellt“, sagt Nadim Mazarweh, der im Vorstand der neuen Deradikalisierungsstelle sitzt. „Es gab symbolische Handlungen, etwa die Menschenkette zwischen Moschee und Kirche im September, um für das Miteinander zu demonstrieren. Aber die Praxis ist wichtig, dass man die Dinge regelmäßig im Auge behält.“

Mazarweh hat im Deradikalisierungsprozess schon Erfahrung. Unter anderem hielt er Seminare und leitete Fortbildungen, aber er arbeitete auch mit potenziell gefährdeten jungen Menschen zusammen – meist wurden diese von Jugendeinrichtungen an ihn verwiesen. Das Portfolio der neuen Stelle soll dann auch all diese Bereiche umfassen. „Wir haben ein Team aus Sozialpädagogen, Religionspädagogen, Imamen, aber auch Leute aus dem Kampfsportbereich“, sagt Mazarweh. Sie haben verschiedenste Hintergründe, können neben Deutsch unter anderem auch auf Türkisch, Bosnisch, Arabisch oder Albanisch beraten.

 

„Theologisch dekonstruieren“

Nun gibt es bereits mehrere Vereine und Stellen, die ein ähnliches Angebot haben. So schlossen sich erst Anfang August sieben Ministerien und verschiedene Organisationen – etwa der Bewährungshilfeverein Neustart und der in Gefängnissen tätige Verein Derad – zum „Bundesweiten Netzwerk Extremismusprävention und Deradikalisierung“ zusammen. Mit all den anderen Stellen will man, sollte es die Bereitschaft zur Kooperation geben, auch zusammenarbeiten. Aber die neue Einrichtung will vor allem damit punkten, dass man Menschen aus der muslimischen Community nicht nur auf einer professionellen Ebene behandelt: „Wir können die Hintergründe der Menschen verstehen“, so Mazarweh. „Wenn etwa jemand theologische Fragen hat, ist es sinnvoll, auch der theologischen Suche Raum zu geben und zu dekonstruieren.“ Also aus muslimischer Sicht „einseitige Darstellungen“, wie sie von Extremisten gern verwendet würden, aufzulösen.

Wendet sich jemand an die Stelle, soll zunächst darauf geschaut werden, welcher der Experten hier am ehesten benötigt wird – insgesamt hat man ein Team von rund 25 Menschen rekrutiert. Und einen Vorstand, in dem neben Mazarweh unter anderem auch der Islamwissenschaftler Michael Reidegeld sitzt. „Es gibt einen unglaublichen Bedarf von Leuten, die verunsichert sind“, sagt Mazarweh. „Und die meisten Fälle sind nicht sicherheitsrelevant, lassen sich auf anderen Ebenen lösen.“ Aber man müsse die Ängste der Menschen ernst nehmen.

Die erste Finanzierung der Plattform übernimmt die IGGiÖ, danach will man aber auch um Projektförderungen ansuchen. Das Ziel ist, dass man österreichweit in Schulen, Moscheen und sonstigen Einrichtungen tätig werden kann. Dazu will man auch mit verschiedenen Ministerien in Kontakt treten. Immerhin habe man von dort immer wieder die Aufforderung vernommen, dass man als Glaubensgemeinschaft etwas gegen Radikalisierung tun müsse, heißt es aus der IGGiÖ. Nach den Wahlen, wenn die Ministerien neu vergeben sind, werde man sich jedenfalls melden.

Die Deradikalisierungsstelle soll am Dienstag präsentiert werden. Die Kontaktaufnahme soll vorerst über die Adresse der IGGiÖ (office@derislam.at bzw. 01 / 526 31 22) erfolgen – in den kommenden Tagen ist die Einrichtung einer eigenen Adresse und einer Kontaktnummer geplant.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2017)

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