Ein kalter Winterabend in Johannesburg. Wenige Stunden nach Einbruch der Dunkelheit gibt es im Gebäude der „Central Methodist Church“ fast kein Durchkommen mehr. In dicke Decken gehüllt füllen Schlafende jeden Winkel aus. Eng aneinandergedrängt versuchen sie sich vor der Kälte zu schützen.
In einem kahlen Lagerraum lebt seit Monaten eine eingeschworene Gruppe Simbabwer auf engstem Raum. Tichaedza (30) und seine 22-jährige Frau Christine kamen erst vor einigen Monaten an. Ihr elf Monate alter Sohn wurde in Johannesburg geboren. An diesem Tag schneite es, deswegen erhielt er einen speziellen Namen: „Surprise“ (Überraschung). Er schläft auf einer Wolldecke auf dem Betonboden, an der Wand stapeln sich Plastiksäcke mit Hab und Gut der Bewohner.
„Die simbabwisch-südafrikanische Grenze war zu gefährlich“, erzählt Tichaedza. Sie ist berüchtigt für brutale Banditen, außerdem ist sie ziemlich streng gesichert. Christine war zu dieser Zeit hochschwanger. „Also kamen wir über den Umweg über Botswana.“
Beide hatten Jobs in Harare, der Hauptstadt Simbabwes, „doch hofften wir, in Südafrika eine bessere, stabilere Situation vorzufinden. Wir wurden enttäuscht.“
Im „Strahl der Hoffnung“
Tichaedza hat noch immer keinen Job gefunden, seine Frau verdient etwas Geld, sie ist Friseurin. Ihre Kunden sind ebenfalls Flüchtlinge, ihr Arbeitsplatz ist die Kirche, die von ihren Bewohnern „Strahl der Hoffnung“ genannt wird.
„Die ersten Flüchtlinge kamen vor vier oder fünf Jahren“, sagt Paul Verryn (58), früher ein weißer Unterstützer der Antiapartheid-Bewegung. Der ruhige methodistische Bischof sitzt in seinem mit Akten überfüllten Büro und erzählt von den Anfängen: „Die Menschen, die auf der Straße lebten, wurden mehr. Wir mussten eine sichere Möglichkeit finden, sie unterzubringen.“ Die meisten sind Simbabwer, erst seit Mai 2009 erhalten sie bei der Einreise nach Südafrika mit Pass eine 90-tägige Aufenthaltsgenehmigung. Auch Kongolesen und immer mehr Malawier finden im Kirchenkomplex Unterschlupf und kostenlose medizinische Behandlung. Die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) betreibt eine kleine Klinik, die an die Kirche angeschlossen ist. Im Vorjahr wurden im Schnitt 2350 Patienten pro Monat behandelt.
Viele Kinder flohen allein
Shelter, eine lokale Mitarbeiterin von MSF, registriert auch die unbegleiteten Kinder, die hier ankommen. „Sie sind froh, jemandem von ihrer Reise erzählen zu können“, sagt sie und blättert durch die Aktenmappe, in der jedes Kind mit Foto erfasst ist. Die meisten seien Waisen, aber auch Kinder, die Eltern haben, gingen oft allein nach Südafrika.
Wie Prince. Er kam vor drei Jahren, damals war er elf, nach Johannesburg. Die Eltern verdienten zu wenig, um ihm regelmäßige Mahlzeiten und Schulgebühren zahlen zu können. Also floh er, per Autostopp kam er heimlich über die Grenze. „Das Geld dazu habe ich gestohlen“, erzählt er, es scheint ihm unangenehm. Er ist einer der Schüler, die im Kirchenschiff unterrichtet werden. Für höhere Klassen wurde 2008 die nahe „Albert Street School“ wiedereröffnet.
Im Kirchengebäude herrscht lebendiger Alltag. Für ärmere und kranke Bewohner bietet eine NGO kostenlose Mahlzeiten, von Bewohnern wird „Sadza“ (Maisbrei) gekocht und verkauft. Tanz- und Theatergruppen sind entstanden, auch ein Computercenter und eine Schneiderei. Es gibt sogar ein Traineeprogramm für Hotelcatering.
Südafrika gibt vielen Migranten Hoffnung auf ein besseres Auskommen. Doch inoffiziell sind fast die Hälfte der unter 25-jährigen Südafrikaner arbeitslos. Im Mai 2008 kam es zu einem Ausbruch fremdenfeindlicher Gewalt, bei der 62 Menschen, meist Flüchtlinge und Gastarbeiter aus Simbabwe und Mozambique, starben. Die Methodistenkirche in Johannesburg galt indes auch damals als sicherer Ort.
Christine und Tichaedza sind wieder in ihr Häuschen bei Harare zurückgekehrt. Sie konnten sich die Rückreise finanzieren. Ihre alten Arbeitgeber stellten sie aber nicht mehr ein; die Arbeitslosigkeit in Simbabwe wird auf mehr als 90 Prozent geschätzt.
Bischof suspendiert
Prince konnte seine Eltern im Jahr 2008 für zwei Wochen besuchen, er sei aber bald wieder abgehauen, sagt er. Hier habe er gratis Unterkunft, regelmäßiges Essen und gute, kostenlose Schulbildung. Alles Dinge, die er zu Hause nicht hat. In fehlerlosem Englisch sagt er: „Ich möchte hierbleiben.“
Über diesen Wunsch sind zuletzt düstere Schatten gefallen: Vor Kurzem wurde Bischof Verryn suspendiert, und zwar von seiner methodistischen Glaubensgemeinschaft. Vor einiger Zeit waren Vorwürfe laut geworden, im Kirchengebäude habe es sexuelle Übergriffe gegeben. Zudem fand eine Gesundheitskommission nach einem Augenschein die Hygienesituation und die Lebensbedingungen in der mit Flüchtlingen voll gestopften Kirche haarsträubend und verlangte deren Schließung.
Raus mit den Armen!
Der Südafrikanische Kirchenrat kommentierte diesen Behördenbesuch als „verständlich, aber ziemlich spät“. Eine Schließung der Kirche würde nur den Interessen derer dienen, die die Armen aus Johannesburg weghaben wollen – vor allem jetzt, da die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika im Sommer ansteht.
An der Lage der Flüchtlinge sei der Bischof nicht schuld. „Die Menschen sind in die Kirche gezogen, weil sie auf eine humanitäre Krise reagiert hat, auf die wenige andere, inklusive Lokal-, Provinz- und Nationalregierung, reagiert haben.“
Die „Methodist Church of Southern Africa“ kommentiert die Suspendierung ihres Bischofs unterdessen vorerst nicht. Man wolle die Probleme zuerst intern regeln.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2010)
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