Bischof Iby: "Pflichtzölibat aufheben"

"Presse"-Interview. Der burgenländische Bischof Paul Iby tritt gegen die Verpflichtung zur Ehelosigkeit für Priester ein und plädiert dafür, mittelfristig auch die Weihe von Frauen zu überlegen.

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(c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)

„Die Presse“: Sie feiern das 50-Jahr-Jubiläum der Diözese Eisenstadt. Ist Ihnen angesichts der Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche überhaupt zum Feiern zumute?

Bischof Paul Iby: Zum Feiern ist mir nicht zumute, wenn ich an diese Vorfälle denke, die mich sehr betroffen machen.


Sie haben vor zwölf Jahren von einem Priester erfahren, der früher in der Steiermark Kinder missbraucht hat. Der Pfarrer ist bis zum Auffliegen vor wenigen Wochen im Amt geblieben. Weshalb?

Iby: Wir haben damals nach Gesprächen, die er mit einem Therapeuten geführt hat, gesagt: Wir sehen uns nicht veranlasst, etwas zu tun.


Sie haben nicht an eine Anzeige gedacht?


Iby: Nein.


Warum nicht?


Iby: Aus Unerfahrenheit.


Würden Sie heute in so einem Fall Anzeige erstatten?

Iby: Ja. Derartiges muss von staatlichen Stellen aufgeklärt werden.


Können Sie ausschließen, dass weitere Priester in Ihrer Diözese aktiv sind, die früher eventuell anderswo Täter waren?

Iby: Das kann ich nicht ausschließen. Aber mir ist nichts zu Ohren gekommen. Vielleicht sind wir zu gutgläubig gewesen und waren der Meinung, dass eine Umkehr von solchen Tätern möglich ist, ohne Therapie, ohne Hilfe.

Stand nicht im Mittelpunkt, dass das Heil der Kirche Vorrang vor Opfern hatte?

Iby: Man wollte es nicht wahrhaben und hat gemeint, dass das Einzelfälle waren. Dass das solche Ausmaße angenommen hat, war auch für mich unvorstellbar.


Reicht für Sie aus, was Papst Benedikt XVI. bisher zu den Missbräuchen gesagt hat?

Iby: Im Volk wird mehr erwartet vom Papst. Vielleicht wäre es gut, noch einmal ein klares Wort der Verurteilung zu sprechen ähnlich wie beim Bußgottesdienst Kardinal Schönborns: zuzugeben, dass Schuld geschehen ist, und dass man um Vergebung bittet.


Der Papst soll sich ein Beispiel an Kardinal Schönborn nehmen?

Iby: So will ich es nicht formulieren. Aber das, was Kardinal Schönborn getan hat, war mutig.


Wie tief ist denn die Krise, in der die katholische Kirche jetzt steckt?

Iby: Die Krise geht sehr tief. Bei den zunehmenden Austritten verlassen auch Menschen die Kirche, die in deren Zentrum gestanden sind. Es wird lange dauern, bis das Vertrauen zurückerobert wird.


Wie kann das gelingen?

Iby: Indem die Kirche eine einladende Kirche wird, mit den Menschen transparent und nicht aufdringlich umgeht, eine Kirche, die freier und offener ist. Indem wir bescheidener werden, auch bei Feiern, und nicht auf Macht pochen.


Eine einladendere Kirche – was bedeutet das beispielsweise für Homosexuelle oder für Geschiedene, die wieder geheiratet haben?

Iby: Dass wir Diskriminierung Homosexueller vermeiden und nach Lösungen für Geschiedene suchen. Das tun wir ja schon lange und haben wir auch beim Dialog für Burgenland getan: Wir würden eine Lösung wie in der orthodoxen Kirche befürworten, dass nach einer Zeit der Buße die Segnung einer zweiten Partnerschaft möglich wäre. Nur: Es geht in Rom nichts weiter.


Sie haben den Dialog lange weitergeführt und sind nach Rom zitiert und zurückgepfiffen worden.

Iby: Ich bin nicht zitiert worden, man hat mir den Rat gegeben, nach Rom zu fahren. Ich war eine Stunde beim Präfekten der Glaubenskongregation (Joseph Ratzinger, der jetzige Papst; Anm.). Er hat gebeten, bei bestimmten Themen, wie bei der Möglichkeit der Diakonatsweihe für Frauen, Klarheit zu schaffen.


Das heißt, auf die römische Linie zu schwenken.

Iby: Ja.


Ist Rom in vielen dieser Dinge nicht viel zu ängstlich?

Iby: Rom ist zu ängstlich in diesen Dingen.


Ist der Pflichtzölibat für Priester heute noch vermittelbar?

Iby: Es wäre für die Weltpriester sicher eine Erleichterung, wenn der Pflichtzölibat aufgehoben würde.


Dass es eine Erleichterung wäre, ist klar, würden Sie es sich wünschen?

Iby: Ich würde es sehr begrüßen, wenn man die Viri probati (Priesterweihe verheirateter Männer; Anm.) zulassen würde. Wenn ich sehe, wie viele verheiratete Diakone ich habe! Das sind bewährte Männer. Wenn man die zu Priestern weihen könnte, würden wir uns angesichts des Priestermangels viel leichter in der Seelsorge tun. Es sollte jedem Priester anheimgestellt werden, ob er freis-3;0willig zölibatär lebt oder in einer Familie. Durchbrochen sind die Zulassungsbedingungen ohnedies: Wenn verheiratete Priester aus der mit Rom unierten griechisch-katholischen Kirche in der Seelsorge tätig sind (wie in Wien; Anm.).

Wo gibt es noch Reformbedarf? Bischöfe neigen dazu, vor oder in Pension besonders mutig zu werden.

Iby: Die Frauenordination (Priesterweihe von Frauen; Anm.) ist in unserer Kirche jetzt kein Thema. Mittelfristig müsste das aber überlegt werden.


Haben Sie es je bereut, Bischof geworden zu sein?

Iby: Bereut habe ich es nicht, aber wenn ich wieder gefragt würde, würde ich Nein sagen. Ein Bischof muss heute auch Manager, Wirtschaftler, Psychologe sein.


Wer erfüllt denn als Ihr Nachfolger das Anforderungsprofil am besten?

Iby: Mein Nachfolger sollte ein Bischof sein, der die Kontakte zu den Priestern und zum Volk pflegt und nicht Barrieren aufbaut.


Trifft Ihre Beschreibung auf Bischofskonferenz-Generalsekretär Ägidius Zsifkovics zu?

Iby: Zu konkreten Personen sage ich nichts.


Ihm wird vorgeworfen, in Eisenstadt bei Sitzungen oft zu fehlen.

Iby: Er hat meine Erlaubnis, dass er als entschuldigt gilt, wenn er als Generalsekretär verhindert ist.


Priester klagen, es habe keine breite Befragung zur Nachfolge gegeben.

Iby: Es wäre sinnvoll, mehr auf die Basis zu hören.

ZUR PERSON

Bischof Paul Iby.
Der Eisenstädter Bischof hat im Jänner mit Erreichen der Altersgrenze von 75 sein Rücktrittsgesuch abgegeben. Auf seine Bitte hin darf er im 50-Jahr-Jubiläum voraussichtlich bis Herbst durchdienen. 1959 Priesterweihe; Promotion in Rom 1967; danach Caritas-Chef, Schulamtsleiter, Generalvikar in Eisenstadt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12. 5. 2010)

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