Umfrage: Pfarrer wollen Reformen von Rom

51 Prozent der österreichischen Pfarrer stimmen der Weihe von Frauen zu Priesterinnen zu. Theologe Zulehner mahnt eindringlich: "Die Kirche kann sich nicht in ein vormodernes Ghetto aufmachen."

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Umfrage Pfarrer wollen Reformen
Vatikan – (c) AP (PIER PAOLO CITO)

wien.51 Prozent stimmen für die Weihe von Frauen zu Priesterinnen; 81 Prozent für die Weihe verheirateter Männer zu Priestern; 48 Prozent halten die Kirchenleitung für hilflos: Dies ist nicht das Ergebnis einer Umfrage in der österreichischen Gesamtbevölkerung. Diese Zahlen hat eine Befragung einer ganz speziellen Berufsgruppe erbracht – jene der katholischen Pfarrer (Ergebnisse siehe rechts stehende Grafik).

Das Institut GfK Austria und die ORF/Medienforschung haben die Umfrage vom 22.April bis 15. Mai 2010 unter 500 Pfarrern per Telefon für das ORF-Religionsmagazin „kreuz und quer“ durchgeführt. Der Studienleiter, Pastoraltheologe Paul M. Zulehner, der dazu auch ein Buch verfasst hat, kommentiert die Ergebnisse am Montag im Gespräch mit der „Presse“ so: „Ich bin vom Ausmaß mancher Zahlen überrascht, ich finde sie aber nicht schockierend. Die Umfrage zeigt, wie sehr die Kirche um die Auseinandersetzung über die Moderne ringt.“

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(c) Die Presse / GK
Besonders brisant auch die Antworten auf die Feststellung Ich denke in vielen Fragen anders als die Kirchenleitung: 21 Prozent der Pfarrer stimmen dem „voll“ zu, weitere 31 Prozent meinen, dies treffe zu. Das heißt: Eine absolute Mehrheit der Seelsorger draußen an der Basis hat Probleme mit Vorgaben und Handlungen von oben.

Noch deutlicher ist der Dissens zu Rom bei der Frage nach der Zustimmung zu einem anderen Satz: Fast drei Viertel (74 Prozent) der Priester, die eine Pfarre leiten, stimmen der Behauptung zu, die Vorstellungen von Kirchenleitung und Kirchenvolk klafften in wichtigen Fragen immer mehr auseinander. Zulehner: „Das ist ein provokantes Ergebnis, das sehr viel Nachdenklichkeit erzeugt. Man muss sich die Frage stellen, welchen Einfluss die Kirchenleitung noch hat. Der Großteil der Pfarrer fühlt sich von der Kirchenleitung nicht unterstützt.“

Insgesamt fühlt sich laut Umfrage ein Großteil der Pfarrer zwar überlastet (75 Prozent), aber dennoch bewerten 30 Prozent ihre Situation als „sehr gut“, weitere 57 Prozent als „gut“. Mit der Verpflichtung zum Zölibat haben sich Österreichs Pfarrer offenbar mehrheitlich arrangiert. Die Zahl jener, die in der Umfrage angeben, sie hätten in ihrem Leben als Eheloser, einen eigenständigen Weg gefunden, den sie verantworten könnten, hat sich zwischen den Jahren 2000 und 2010 von 33 Prozent auf 67 Prozent verdoppelt.

Und fast drei von zehn Pfarrern (29 Prozent) antworten auf die Frage, wo sie sich daheim fühlen, klipp und klar: bei einer Freundin. Zulehner: „Ein Großteil macht nicht mehr lang große Worte, sondern handelt und lebt eigenverantwortlich. Die Pfarrer sind wie die Pfarrgemeinderäte der eigentliche Reformmotor der katholischen Kirche.“

 

Sexuelle Beziehung „hilfreich“

Nach seiner Interpretation gehe es den Pfarrern darum, dass das Priesteramt reicher werde, dass es Vielfalt gibt. Ein Indiz dafür könnte sein, dass 40 Prozent meinen, die Erfahrung, auch eigene Kinder ins Leben zu begleiten, sei für die Ausübung des Priesterberufes hilfreich. 30 Prozent sehen sogar Sexualität in einer veröffentlichten Beziehung zu leben als hilfreich für Kleriker an. Zulehner: „Die Pfarrer sind ja nicht unfromm, sondern möchten, dass Seelsorge wieder möglich ist. Sie wollen nicht auf die Nähe zu den Menschen verzichten, nur weil wir den Zölibat für höher erachten.“

Welche Konsequenzen aus der Umfrage gezogen werden müssten? Zulehners Antwort: „Der Dialog in der Kirche muss ernst genommen werden, auch um die Gestaltungsmöglichkeit der Kirchenleitung zu sichern. Wir müssen die Auseinandersetzung mit der modernen Welt, mit der modernen Kultur ernster nehmen. Wenn die Kirche eine missionarische Offenheit braucht, kann sie sich nicht in ein vormodernes Ghetto aufmachen.“

DAS BUCH ZUR STUDIE

„Wie geht's, Herr Pfarrer?“ ist Titel eines Films heute, Dienstag, um 22.30 Uhr, ORF 2, in „kreuz und quer“ und eines Buches, das am Donnerstag herauskommt und alle Ergebnisse der Umfrage detailliert enthält. Autor: Paul M. Zulehner, Styria Verlag, 176 Seiten. 19,95Euro, ISBN: 978-3-222-13314-5

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2010)

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