Patriarch Irinej für "Einheit in Vielfalt" der Christen

Der serbisch-orthodoxe Patriach Irinej I. betonte bei seinem Besuch in Wien, dass die christliche Theologie "dialogisch" sei, die Unterschiede der einzelnen Kirchen müsse aber respektiert werden.

Serbias newly elected Patriarchs newly elected Patriarch
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Serbias newly elected Patriarchs newly elected Patriarch
(c) EPA (Koca Sulejmanovic)

Der serbisch-orthodoxe Patriarch Irinej I. hat zum Auftakt seines mehrtägigen offiziellen Besuchs in Österreich ein Plädoyer für die Ökumene und im Besonderen für den intensiven Dialog zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche gehalten. Die orthodoxen Kirchen nehmen am ökumenischen Dialog teil, "weil sie ihrem Wesen nach dialogisch sind", und aus der Überzeugung heraus, dass die Einheit "eine Notwendigkeit für alle Christen" sei, unterstrich der Patriarch am Freitagabend bei einem Festakt in der Nationalbibliothek, in dessen Rahmen er zum "Protektor der Ökumenischen Stiftung Pro Oriente" ernannt wurde.

Die christliche Theologie habe einen dialogischen Charakter, und es entspreche dem orthodoxen Weg, nicht nur für sich selbst zu leben, sagte Irinej in seiner Festrede weiter. Er zitierte Bischof Ioannis von Pergamon mit den Worten, eine Kirche könne nicht als solche gelten, wenn sie aufhöre, den Dialog mit anderen Kirchen zu pflegen. Bischof Ioannis wird bei der 12. Vollversammlung der katholisch-orthodoxen Dialogkommission, die am 20. September in Wien zusammentritt, mit Kurienkardinal Walter Kasper den Co-Vorsitz führen.

Einheit in Vielfalt

Zur Zielsetzung der ökumenischen Bewegung, der Wiederversöhnung zwischen den christlichen Gemeinschaften, sagte der Patriarch sinngemäß, erstrebenswert sei eine Versöhnung unter Akzeptanz der Verschiedenheit, "eine Einheit in Vielfalt". Die Orthodoxie habe sich den Bemühungen um eine Wiederherstellung der Einheit angeschlossen, die sich auch auf die protestantischen Kirchen erstrecken. Irinej dankte der katholischen Kirche für ihre Anregungen und erinnerte an das ökumenische Wirken des verstorbenen Kardinals Franz König sowie daran, dass Pro Oriente 1974 den Anstoß zur Gründung der Dialogkommission gab.

Die Zeit, in der wir leben, bedeute einen "Imperativ" für die beiden Kirchen, die sich "durch geschichtliche Umstände" voneinander entfernt haben, sich wieder einander anzunähern, sagte der serbisch-orthodoxe Patriarch im weiteren Verlauf seiner Rede. An anderer Stelle wurde Irinej deutlicher: Kirchen, die sich mit dem Schisma (Kirchenspaltung, Bruch zwischen West- und Ostkirche 1054, Anm.) aussöhnen, "leugnen den Willen Gottes, dass alle letztlich eins sind", so der Kirchenführer. Jene, die sich mit Schisma und Teilung versöhnen, "begehen eine schwerere Sünde als diejenigen, die diese hervorgerufen haben".

1700 Jahre Mailänder Edikt

Als langjähriger Bischof von Nis - dieses Amt hatte Irinej, der im Jänner zum Patriarchen gewählt wurde, seit 1979 inne - hob der serbisch-orthodoxe Patriarch die Bedeutung der geplanten 1.700-Jahr-Feiern des Edikts von Mailand hervor. Das Edikt von Mailand (313 n.Chr.) geht auf Kaiser Konstantin zurück und beendete die Christenverfolgung im Römischen Reich. Das Jubiläum soll 2013 in Nis (Naissos), der Geburtsstadt Konstantins, gefeiert werden.

Das Interesse daran sei in Serbien groß, betonte der Patriarch, das Oberhaupt der orthodoxen Christen in Serbien, Montenegro, Kroatien, Bosnien, Slowenien, Mazedonien und der serbischen Diaspora. Die Kirche wolle das Jubiläum nicht im Zeichen der Vergangenheit begehen, sondern "in Reue, Vergebung und Versöhnung" und erwarte sich davon einen Beitrag zur Förderung der Beziehungen zwischen den Kirchen. Der Patriarch hatte bereits im Jänner gesagt, dass die serbische Kirche einen Besuch von Papst Benedikt XVI. in der südserbischen Metropole aus Anlass der 1.700-Jahr-Feiern 2013 begrüßen würde.

Protektor durch Pro Oriente

Der Präsident von Pro Oriente, Johann Marte, überreichte beim Festakt im Prunksaal der Nationalbibiliothek dem serbisch-orthodoxen Patriarchen die Ehrenurkunde der Ernennung zum Protektor der ökumenischen Stiftung. Weihbischof Franz Scharl, der in Vertretung von Kardinal Christoph Schönborn das Wort ergriff, erklärte, der Besuch Irinejs schlage "ein neues Kapitel der Offenheit zwischen unseren Kirchen" auf. Serbien und Österreich verbinde "eine wechselvolle Geschichte".

Nicht nur theologische Ökumene

Der frühere Botschafter Österreichs in Belgrad, Michael Weninger, nannte den 45. serbischen Patriarchen, den er als Bischof von Nis kennengelernt hatte, einen "Wegweiser in eine bessere Zukunft". Patriarch Irinej (Gavrilovic) - sein Titel lautet: Erzbischof von Pec, Metropolit von Belgrad-Karlowitz und Serbischer Patriarch - habe "Maßstäbe gesetzt", so der Diplomat in seiner Laudatio. Das Interesse Irinejs an der Ökumene sei nicht nur theologisch geprägt. Dem Patriarchen unterstehen 23 Eparchien, darunter vier Metropolien und 300 Klöster.

Mehrere Festredner unterstrichen die Brückenfunktion Serbiens zwischen Ost und West. Marte sprach von der großen Chance, "die orthodoxe Spiritualität in das gemeinsame Europa einzubringen". Schon der Heilige Sava, nach dem die Serbische Kirchengemeinde in Wien benannt ist, die jetzt ihr 150-jähriges Bestehen feiert, habe Serbien als Brücke zwischen Ost und West bezeichnet. Bischof Irinej (Bulovic) von Backa, einer der Bischöfe, die der Delegation des Patriarchen angehören, hob wiederum die Brückenfunktion Wiens hervor. Wien sei "eine unumgängliche Brücke" zwischen christlichem Osten und Westen, für Länder, die alle "geschichtlich und existenziell mit Österreich verbunden sind".

Kostbarkeiten in der Nationalbibliothek

Die Generaldirektorin der Nationalbibliothek, Johanna Rachinger, betonte, der fruchtbare Dialog der Religionen sei entscheidend für das friedliche Zusammenleben. Sie zeigte dem serbisch-orthodoxen Patriarchen spezifische Kostbarkeiten aus den Beständen der Bibliothek, wie den Codex Slavicus aus dem Jahre 1352.

Anlass des Österreich-Besuchs des Patriarchen ist die Feier des 150. Jahrestages der offiziellen Gründung der Serbischen Orthodoxen Kirchengemeinde des Hl. Sava in Wien. Irinej wurde am Freitag in der Kirche des Hl. Sava im 3. Bezirk empfangen und von Bischof Konstantin, dem serbisch-orthodoxen Bischof von Mitteleuropa, zu dessen Diözese auch Österreich gehört, feierlich begrüßt. Am Wochenende zelebriert der Patriarch in Linz und Wien feierliche Gottesdienste. Am Montag führt er Gespräche mit Kardinal Schönborn, Bundespräsident Heinz Fischer und Wiens Bürgermeister Michael Häupl (S).

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