Ende für Zölibat: Schlagabtausch und Stoßgebete

Die Forderung von mehr als 200 Theologen spaltet die Lehre im deutschen Sprachraum: Die einen werfen den Unterzeichnern Oberflächlichkeit vor, die anderen beten für eine Rückkehr zur Einheit mit der Kirche.

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Symbolbil – (c) AP (MATTHIAS RIETSCHEL)

Das von 208 Theologen aus dem deutschen Sprachraum unterzeichnete Memorandum "Kirche 2011 - ein notwendiger Aufbruch" spaltet die Theologenschaft: Für die einen ist es eine folgenlose Resolution, für die anderen das Zeichen einer Abkehr von der Lehre der Kirche, wieder andere unterstützen die Anliegen, kritisieren aber Form und Sprache des Papiers.

"Besorgte Theologiestudenten" aus Deutschland haben im Internet ein Gebet für die Theologieprofessoren veröffentlicht, die das "Memorandum" unterzeichnet hatten. Darin heißt es unter anderem: "Gott, unser Vater, wir bitten Dich, führe Deine Diener, die Lehrer der Theologie, zurück zu Dir und Deiner Kirche. (...) Schenke ihnen neues Vertrauen in Dich und Deine Lehre und lass jeden Zweifel vergehen. Lass sie zurückkehren zur Einheit mit Dir und dem Nachfolger Petri (dem Papst, Anm.)." Anschließend folgt eine Liste mit den Namen aller Unterzeichner des Memorandums, für die gebetet werden soll.

Offensiver geht die von deutschen Laien initiierte "Petition pro Ecclesia" vor, die die Forderungen der Theologen entschieden zurück. "Diese Forderungen an die Bischöfe fügen der Kirche großen Schaden zu. Gläubige werden verunsichert, getäuscht und in die Irre geführt", heißt es in dem Text, der gleichzeitig die Treue der Unterzeichner zu Papst Benedikt XVI. und den Bischöfen bekundet. Er verlangt unter anderem von den Bischöfen, sich den genannten Forderungen entgegenzustellen, den Priesteramtskandidaten Unterstützung für ihren zölibatären Weg zu geben und sicherzustellen, dass an den theologischen Fakultäten im Einklang mit der Lehre der Kirche unterrichtet wird.

Resolution "kontrapoduktiv"

Aus einer ganz anderen Richtung kommt die Kritik des Innsbrucker Dogmatikers Jozef Niewiadomski: Resolutionen seien "kontraproduktiv und fördern nicht den anvisierten Dialog". Außerdem stelle er eine mediale "Engführung der Rezeption auf die Forderung nach der Abschaffung des Zölibats" fest, die dem Text an sich nicht gerecht werde.

Schließlich äußerte Niewiadomski Kritik auch an der Form des Zustandekommens des Textes. So habe es keine Möglichkeit eines verändernden Mitarbeitens an dem Text gegeben, einzig die Möglichkeit der Unterzeichnung. "Damit wird die Forderung des Textes nach höherer Transparenz in der Kommunikation konterkariert", so Niewiadomski.

Der deutsche Theologe und Hauptinitiator der Erklärung, Georg Steins (Osnabrück), unterstrich hingegen im Gespräch mit "katholisch.de", dass das Papier Ergebnis eines langen Diskussionsprozesses sei, der bereits rund um den 2. Ökumenischen Kirchentag in München im Mai vergangenen Jahres begonnen habe. Das Papier wolle ein "Signal" sein, den "zaghaften Dialogprozess" zu befördern und "Tabus" auszuschließen. Es gehe gerade nicht um plumpe Forderungen etwa nach der Abschaffung des Zölibats, sondern darum, "den Dialog über dieses und anderen Themen zu verstärken", so Steins.

"Weich gespülte Reformforderungen"

Dem Tübinger Theologen Hans Küng, einem der prominentesten Kirchenkritiker des deutschsprachigen Raumes, gehen die Forderungen allerdings nicht weit genug: "Weich gespülte Reformforderungen haben wir schon lang gehört", so Küng gegenüber dem "Schwäbischen Tagblatt". Dennoch hätte er unterzeichnet - wenn man ihn gefragt hätte. Er wundere sich, dass man ihn als den "einzigen noch lebenden Konzilstheologen" neben Papst Benedikt XVI. nicht dazu eingeladen habe, so der Schweizer Theologe.

In Deutschland hatte der katholische Theologe, Psychiater und Bestsellerautor ("Gott. Eine kleine Geschichte des Größten") Manfred Lütz zuletzt mit einer Kritik in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" aufhorchen lassen. Darin legte er den Unterzeichnern einen Wechsel zur evangelischen Kirche nahe, da dort laut Lütz alle Forderungen im Sinne der Unterzeichner entschieden worden seien.

Formierung des "Wuttheologen"

Kritik kam auch vom Theologen und Direktor des diözesanen "Forschungsinstitut für Philosophie Hannover", Prof. Jürgen Manemann. Auch wenn die Anliegen des Papiers "richtig und wichtig" seien, so halte er doch das "Pathos" des Papiers für "unangemessen". Nach dem "Wutbürger" scheine sich nun ein "Wuttheologe" zu formieren - mit der Gefahr, dass sich die Gräben zwischen Amtskirche und Theologenschaft vertiefen könnten und "beide kaum noch Einfluss auf die Gesellschaft haben". Außerdem zweifle er daran, dass eine Bekämpfung der "Kirchenkrise" durch die im Memorandum angesprochenen Punkte ausreiche: "Die Krise geht viel tiefer", sie sei eine "Gotteskrise", so Manemann gegenüber Kathpress.

Der Schweizer Theologe Edmund Arens (Luzern) hat hingegen laut eigenen Worten "keine Sekunde gezögert", das Papier zu unterzeichnen. Es bietet seines Erachtens nach eine "pointierte Analyse der gegenwärtigen Situation" und schlage dabei einen "moderaten aber bestimmten Ton" an. Die Forderungen seien "ganz und gar nicht überzogen", so Arens etwa im Blick eine entsprechende Kritik des deutschen Journalisten Alexander Kissler, sondern sie zielten in erster Linie auf einen "offenen Dialog in dringenden Handlungsfeldern".

(Ag.)

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