Schönborn: 'Es müsste ein Ruck durch das Land gehen'

Kardinal Christoph Schönborn ortet im "Presse"-Interview Stagnation, kritisiert mangelnden Mut der Politiker – und der Bürger, sich zu Wort zu melden. „Seiner“ Kirche empfiehlt er zu lernen, ein Player unter anderen zu sein.

Schoenborn muesste Ruck durch
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Schoenborn muesste Ruck durch
(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

"Die Presse": Wir erleben in Österreichs Politik eine Phase der Stagnation. Sind manchmal die Bürger nicht weiter als Politiker? Fehlt es den Politikern an Mut?

Kardinal Christoph Schönborn: Ich habe verschiedentlich an ein Wort Ingeborg Bachmanns erinnert: Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar. Ich habe das in Gesprächen mit Vertretern des öffentlichen Lebens immer wieder gesagt. Es fehlt mitunter an Mut im Bereich der Politik, die Dinge beim Namen zu nennen. Das kostet nicht Stimmen, wie immer befürchtet wird.

Momentan sind die Politiker also zu feige?

Schönborn: Klopfen wir an die eigene Brust, nicht nur an die der Politiker. Wer verzichtet freiwillig auf Sozialleistungen, die er nicht braucht? Ich erinnere an ein Wort von Roman Herzog (1994-1999 deutscher Bundespräsident; Anm.), der in einer Rede an Deutschland vor einigen Jahren gesagt hat, es müsse ein Ruck durch das Land gehen. So etwas braucht auch Österreich, es müsste ein Ruck durch das Land gehen. Das Gefühl der Stagnation ist weit verbreitet, bei Jüngeren, bei Älteren.

Es wird das gerne als Vorwurf an die große Koalition gerichtet. Ich bin da etwas barmherziger, weil ich ähnliche Vorwürfe in Richtung der Kirche kenne. Dabei bewegt sich vieles, negativ wie positiv. Ich denke an die demographische Entwicklung, an die Entwicklung der Verschuldung. Hier geht ein Ruck des Erschreckens durch das Land, durch Europa wegen der Aufwendungen, um die Systeme erhalten zu können. Aber es gibt auch positive Entwicklungen. Wir erleben zur Zeit einen Aufbruch einer jungen Generation in den südlichen Mittelmeerstaaten. Die Ressource Mensch ist die große Ressource für Überraschungen. Und als Mann der Kirche darf ich sagen: Der Heilige Geist ist gut für Überraschungen. Warum sollte es die nicht auch in good old Europe geben?

Was erwarten Sie für good old Europe?

Schönborn: Es wird in den kommenden Jahren eindeutig enger werden. Die wirtschaftliche Situation wird schwieriger werden. Die nächste Generation wird es sicher nicht leichter haben.

Sehen Sie einen Epochenwandel von einer Phase des Überflusses in eine Phase der Knappheit?

Schönborn: Ja. Das beschwört die Gefahr von Verteilungskämpfen, auch von sozialen Spannungen herauf. Dass die Einkommensschere seit 15 Jahren kontinuierlich auseinander geht, ist Anlass zur Sorge. Aber das kann auch eine Chance sein für mehr Solidarität, für mehr Zusammenrücken. Die große Ressource in dieser Beziehung ist die Familie. Ich kann nur allen politischen Kräften sagen: Wenn Sie an die Zukunft denken, denken Sie an die Familie. Die Familie ist die Solidarressource für die Zukunft, alles, was Familienzusammenhalt stärkt, ist gute Investition für eine schwieriger werdende Zukunft.

Gerade die Familie ist bei der Steuerreform unter die Räder gekommen.

Schönborn: Ich würde nicht sagen unter die Räder gekommen, aber es wurde schwieriger. Die Milliarden, die man für Misswirtschaft im Finanzbereich aufbringen muss, die fehlen. Aber es liegt nicht primär an den finanziellen Möglichkeiten für die Familie. Österreich hat eine Spitzenposition in Europa, was Transferleistungen betrifft. Und trotzdem fehlt es an Kinderfreundlichkeit, gibt es so etwas wie Kinderfeindlichkeit in unserem Land.
 
Fehlt die Vermittlung von Werten heute, leben wir in einer dekadenten Zeit?

Schönborn: Die Zeiten sind immer dekadent. Wenn man Zeitungen aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert liest, ist wahrscheinlich genauso viel über Dekadenz gejammert worden wie jetzt.

Ist nicht einer der Gründe für die geringere Geburtenrate in Österreich, dass Beruf und Familie nicht gut genug vereinbar sind? Das reibt sich ja auch mit dem traditionellen Frauenbild der Kirche, das eher ein Mutterbild ist.

Schönborn:
Die Kirche plädiert sehr dafür, dass es die Wahlfreiheit gibt, dass eine Frau, die ihren Beruf in der Familie sieht, nicht schlechter behandelt wird als ein Frau, die Familie und Beruf außer Haus leben will. Da fehlt es noch an effektiver Unterstützung.

Sind Sie für eine Art Müttergehalt?

Schönborn: Zumindest für eine deutliche Besserstellung im Pensionsbereich, da ist sicher noch manches nachzubessern, was als Ermutigung wirken könnte. Das hat, um ein unschönes Wort zu verwenden, eine Umwegrentabilität für die Gesellschaft. Das ist immer noch ein Tabu, da müsste es einen offeneren Diskurs geben in beide Richtungen – Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Wahlfreiheit für die Familie.

Der Ruck, von dem Sie gesprochen haben, muss der nicht aus der Zivilgesellschaft kommen?

Schönborn: Es braucht Menschen, die zu dem Diskurs ermutigen, Signale setzen.

Müsste nicht die katholische Kirche einer dieser Impulsgeber sein und beispielsweise sagen: Ja, wir werden in Zukunft länger arbeiten müssen?

Schönborn: Sie haben völlig recht, die Kirche müsste das deutlicher sagen. Da stelle ich die Frage zurück: Wer ist die Kirche? Es sind nicht nur die Bischöfe. Wenn sich die 66 Prozent Katholiken in Österreich deutlicher zu Wort melden, dann geht ein Ruck durch das Land.

Da ist plötzlich das Kirchenvolk gefragt, das sonst bei vielen Entscheidungen nicht gefragt ist.

Schönborn: In einem Land, das immer noch sehr stark obrigkeitsstaatlich geprägt ist, ist der Reflex generell: Die da oben müssen was machen, ob das die Kirche oder die Politik ist. Ich wünsche mir von den Bürgern, speziell auch von den Katholiken, dass sie sich mehr zu Wort melden zu gesellschaftlichen Fragen, zu Zukunftsfragen. Dieser Ruck sollte durch unser Land gehen im Sinne einer bewussten Teilnahme der Zivilgesellschaft am Leben des Landes. Die katholische Soziallehre sagt, dass sich das Maß der Lebendigkeit einer Gesellschaft am Maß ihrer Partizipation bemisst.

Die Partizipation am christlichen Leben geht zurück, Kirchen werden leerer. Wie groß ist diesbezüglich Ihre Sorge?

Schönborn: Was sich in Europa abspielt, ist ein Phänomen über das Soziologen anderer Erdteile mit Verwunderung nachdenken: Warum schrumpft die partizipative From der Religiosität, während sie in den USA nicht schrumpft und das in einer mindestens so säkularisierten Gesellschaft wie der europäischen?

Wie erklären Sie das?

Schönborn: In anderen Teilen der Welt passen Säkularität und Religiosität zueinander. Ich prognostiziere, dass die Vereinbarkeit von einem sehr säkularen Lebensstil mit einer religiösen Grundhaltung in Europa wieder wachsen wird. Das heißt für die Religionsgemeinschaften in Europa, speziell für die katholische Kirche, zu leben mit der säkularen Gesellschaft und mit dem Pluralismus. Zu lernen, eine Gemeinschaft unter anderen zu sein. Auch in den Dörfern ist die Kirche ein Verein unter anderen, ist die Pfarrgemeinde eine Realität unter anderen. Die Kirche als Ganze in Österreich mit ihrer kaiserlichen Geschichte des Katholizismus muss einen positiven Umgang mit Pluralität lernen. Das ist ein Zugewinn an Freiheit, sich ohne staatlich gestützte Machtposition in einer Gesellschaft zu artikulieren, in der es eine Pluralität von Lebensentwürfen gibt. Wir müssen uns positiv darauf einstellen, ein Player unter anderen zu sein – nicht mit Ängstlichkeit, sondern mit Selbstbewusstsein, dass unser Angebot gut ist.

Vor einem Jahr hat mit dem Publik-Werden zunächst eines Falls in der Salzburger Erzabtei Sankt Peter die Missbrauchsaufarbeitung begonnen. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Schönborn: Wir haben von uns aus – man kann sagen spät, aber doch – die Initiative ergriffen und an die Adresse von Opfern gesagt: Bitte meldet euch. Ich habe im Stephansdom am Mittwoch der Karwoche vor einem Jahr gesagt: Gott spricht zu uns durch die Opfer. Die Kommission von Waltraud Klasnic – die sie ohne jegliche kirchliche Einflussnahme zusammengestellt hat - arbeitet hervorragend. Es ist hoch an der Zeit, dass andere Bereiche der Gesellschaft eine ähnliche Arbeit unternehmen.

Der Vorarlberger Bischof Elmar Fischer wird im Oktober mit Erreichen des 75. Lebensjahres sein Ansuchen um Versetzung in den Ruhestand deponieren. Welche Qualifikation soll der Nachfolger mitbringen?

Schönborn: Er soll ein untadeliger Mann sein.

Soll es ein Vorarlberger sein?

Schönborn: Das ist kein Dogma. Vorarlberger-Sein ist zwar eine große Qualifikation, aber es ist nicht die letzte Qualifikation für das Bischofsamt. Man darf auch ein bisschen auf den Heiligen Geist vertrauen.

Entstehungsgeschichte

Das Interview wurde im Rahmen eines Treffens der Chefredakteure der führenden Bundesländerzeitungen mit Kardinal Christoph Schönborn in dessen Privatbibliothek im Erzbischöflichen Palais geführt.

Für „Die Presse“ nahm Kirchenexperte Dietmar Neuwirth daran teil.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11. 3. 2011)

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