IGGiÖ: Der Favorit der Muslime

Der gebürtige Türke und ehemalige Boxer Fuat Sanac gilt als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von Anas Schakfeh als Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft.

Fuat Sanac Favorit Muslime
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Fuat Sanac Favorit Muslime
Fuat Sanac – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Und so weiter, und so fort.“ Diese Phrase verwendet Fuat Sanac oft, wenn er einen Satz zu Ende bringen möchte. Genau so, wie es auch von Anas Schakfeh immer wieder zu hören ist. Auch sonst haben die beiden Männer einiges gemeinsam. Beide sind nicht in Österreich geboren – Sanac ist gebürtiger Türke, Schakfeh stammt aus Syrien. Beide wanderten nach Österreich aus. Und beide bekleiden hier hohe Funktionen in der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Schakfeh ist Präsident. Und Sanac, derzeit noch Vorsitzender des Schurarats, gilt als aussichtsreichster Kandidat für seine Nachfolge.

Dass er in einigen Wochen vermutlich oberster Vertreter der österreichischen Muslime sein wird, will Sanac gar nicht mehr kleinreden. Auch wenn er betont, dass es die Delegierten des Schurarats sind, die die Wahl erst einmal treffen müssen. „Darum ist es nicht angenehm, darüber zu sprechen.“ Doch längst ist klar, dass der 57-Jährige das Vertrauen der großen türkischen Vereine hat, die in der Glaubensgemeinschaft die Mehrheit stellen. Er selbst habe sich auch gar nicht als Kandidat aufstellen lassen, sondern sei nominiert worden. Und diesem Vertrauen könne er sich nicht entziehen: „Ich fühle mich verantwortlich, den Menschen zu dienen.“

Seit rund 30 Jahren ist er in der Vertretung der Muslime engagiert. „Aus Liebe zu den Menschen“, wie er sagt. Dass nun gerade er der oberste Repräsentant werden soll, das freue ihn natürlich. Wenngleich er anmerkt: „Angst ist auch dabei. Denn wenn jeder sich auf einen verlässt, hat man einen großen Druck auf sich lasten.“

Ganz neu ist ihm diese Situation nicht. Denn schon in seiner Jugend lasteten hohe Erwartungen auf ihm. Damals, als Boxer in der türkischen Nationalmannschaft, der auch türkischer Staatsmeister wurde. Seine Bilanz: 200 Siege, 11 Niederlagen. Doch irgendwann kam der Moment, in dem er die Boxhandschuhe ablegte und sich für das Studium entschied. Ende der 70er-Jahre ging er zunächst nach Köln, 1982 schließlich nach Österreich. Wegen Problemen mit den deutschen Behörden, wie er sagt, die plötzlich seine Frau und seine Kinder ausweisen wollten. In Wien studierte er Turkologie und Arabistik, zusätzlich Philosophie, und arbeitete zunächst als Religionslehrer. Schließlich wurde er Fachinspektor für den Islamischen Religionsunterricht und rückte auch in der Islamischen Glaubensgemeinschaft immer weiter nach vorne.


Endstation Präsidentschaft.
Nun steht Sanac auf dem Sprung zum höchsten Amt, das auch einigen Gestaltungsspielraum mit sich bringt. „Einige Dinge werden sich ändern“, sagt Sanac. Auf Details, was er anders machen will als Anas Schakfeh, der die Glaubensgemeinschaft seit Ende der 90er führt, will er sich aber nicht festlegen. Rein vom Auftreten her bemüht sich Sanac jedenfalls, etwas weicher als sein Vorgänger zu agieren. Ruhig argumentieren, nur nicht provozieren und scharfe Formulierungen vermeiden.

Wobei er all das auch Schakfeh zuschreibt. „Er ist ungerecht behandelt worden“, sagt Sanac. Als Schakfeh etwa in einem Interview sagte, dass er sich langfristig eine Moschee mit Minarett in jeder Landeshauptstadt wünsche, sei das in den Medien gleich als Forderung präsentiert und im anlaufenden Wiener Wahlkampf zerrissen worden. Und auch Sanac wird, das weiß er, von öffentlicher Seite immer wieder rauer Wind entgegenwehen.

Weil er etwa in Deutschland Jugendfunktionär von Milli Görüs war, jener Vereinigung, die auf den türkisch-nationalistischen Politiker Necmettin Erbakan zurückgeht. Und die in Deutschland ins Visier der Verfassungsschützer geriet. „Ja, man hat sie beobachtet“, sagt Sanac. „Aber mittlerweile hat man das aufgegeben, weil man nichts gefunden hat.“ Er stehe dazu, dass er der Organisation und ihrem österreichischen Ableger, der Islamischen Föderation, nahesteht. „Milli Görüs ist eine Organisation wie alle anderen“, meint er. „Und wer hat die Demokratie in die Türkei gebracht? Das Militär? Nein, es war Milli Görüs.“ Doch Nationen, darauf legt er Wert, sind sowieso sekundär. Denn als möglicher künftiger Präsident vertrete er keine Nationalitäten, sondern die rund 500.000 Muslime in Österreich.

Schmerzt es da nicht, dass sich gerade einmal an die 120.000 von ihnen zur Islamischen Glaubensgemeinschaft deklarieren, indem sie sich registriert haben? Und gerade einmal 27.000 zur Wahl zugelassen sind? „Nein“, sagt er, wieder ganz ruhig und gelassen. „In der islamischen Tradition gibt es so etwas nicht. Da kommt man als Muslim auf die Welt und muss sich nirgendwo dafür eintragen.“ Insofern sei es schon großartig, dass man schon so viele Registrierungen hat. Und wenn sich jemand nicht zur Vertretung bekenne, dann sei das auch kein Problem. „Gut, wir sind eine kleine Gemeinschaft“, meint er. „Und wenn sich jemand darüber freut, ist das auch in Ordnung. Dann sind wir halt klein.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2011)

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