Katholische Priester rufen zu "Ungehorsam" auf

28.06.2011 | 21:06 |  Von DIETMAR NEUWIRTH (DiePresse.com)

Helmut Schüller und seine Kleriker-Reformbewegung wollen Laien predigen lassen und die Kommunion auch Geschiedenen und Ausgetretenen spenden. Bischof Kapellari sieht die Einheit der Kirche in Gefahr.

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Wien. Offener Konflikt in der katholischen Kirche Österreichs: Die Bischöfe sehen nicht weniger als Einheit und Identität in Gefahr. Der Grund: Die Pfarrerinitiative mit dem früheren Wiener Generalvikar Helmut Schüller an der Spitze ruft zu „Ungehorsam" gegen Rom auf.

„Die römische Verweigerung einer längst notwendigen Kirchenreform und die Untätigkeit der Bischöfe erlauben uns nicht nur, sondern sie zwingen uns, dem Gewissen zu folgen und selbstständig tätig zu werden." So hebt ein „Aufruf zum Ungehorsam" an, den die Pfarrerinitiative veröffentlicht. Im Gespräch mit der „Presse" erklärte Schüller am Dienstag: „Die Situation in den Pfarren spitzt sich zu. Wenn wir als Pfarrer nicht offen reden, wer soll es dann tun?" Derzeit werde gerade geplant, wovor er seit Jahren warne: dass Pfarren zusammengelegt werden.

Die Priester der Pfarrerinitiative wollen „Zeichen setzen", wie in dem Beschluss formuliert wird - und Dinge tun, die Rom verbietet: So verpflichten sie sich, „gutwilligen" Gläubigen die Eucharistie nicht zu verweigern. Konkret: Die Kommunion wird auch an Geschiedene, die wieder geheiratet haben, an Mitglieder anderer christlicher Kirchen und „fallweise" an Ausgetretene gespendet.

Auch ein anderes Verbot Roms wird ignoriert. Die Priester wollen kompetent ausgebildete Laien (Religionslehrer) predigen lassen. Und die Kleriker üben eine Art passiven Widerstands in Form einer Selbstbeschränkung. Sie wollen vermeiden, an Sonn- und Feiertagen mehr als eine Messfeier zu leiten. Es soll auch darauf verzichtet werden, ortsfremde Priester als Aushilfe einzusetzen. Motto: „Besser ein selbst gestalteter Wortgottesdienst als liturgische Gastspielreisen." Derartige Zusammenkünfte, mit denen die „Sonntagspflicht" in priesterarmer Zeit erfüllt werden soll, sind als „priesterlose Eucharistiefeier" auszuschildern.

Weitere Vereinbarungen, mit denen die Pfarrerinitiative von Forderungen in Richtung Selbstverpflichtung zum Handeln übergehen will: Die Priester wollen sich dafür einsetzen, dass jede Pfarre einen eigenen Vorsteher hat - ob Mann oder Frau, verheiratet oder unverheiratet, haupt- oder nebenamtlich; bei jedem Gottesdienst wird eine Fürbitte um Kirchenreform eingeführt; man will öffentlich für die Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt eintreten.

Kapellari: Kein Sonderweg

Wenige Stunden nach Verbreitung dieser „Presse"-Meldung, die auch von der APA übernommen wurde, meldete sich der Vizevorsitzende der Bischofskonferenz Egon Kapellari ungewöhnlich rasch und deutlich via Katholische Presseagentur zu Wort - mit einer Erklärung, die im Einvernehmen mit Kardinal Christoph Schönborn und mit dessen voller inhaltlicher Zustimmung formuliert wurde.

Kapellari wörtlich: „Die selektive Wahrnehmung der jetzigen Gesamtsituation der Kirche in Österreich und daraus abgeleitete Forderungen werden zwar vielen Menschen als plausibel erscheinen, gefährden aber auf schwerwiegende Weise die Identität und Einheit der katholischen Kirche. Es ist legitim, Sorgen und Anliegen aus den Pfarrgemeinden auch öffentlich zur Sprache zu bringen. Es ist aber etwas ganz anderes, dabei zu Ungehorsam aufzurufen und die gemeinsame Gestalt der Weltkirche zu gefährden und gemeinsame Verpflichtungen einseitig aufzukündigen."

Er stelle sich dem Aufruf zum Ungehorsam in der katholischen Kirche als Bischof „klar und entschieden" entgegen. Den pastoralen Nöten der Kirche müsse ohne Verdrängung begegnet werden, was auch geschehe. Die Situation sei den Bischöfen wie dem Papst bekannt, Gespräche darüber habe es gegeben und werde es weiterhin geben. Kapellari weiter: „Ein nüchterner Blick auf das Ganze von Kirche und Gesellschaft lässt aber keinen Notstand erkennen, der einen Sonderweg der Kirche in Österreich außerhalb der Weltkirche auch nur rational rechtfertigen würde. Die Verbindung mit der Weltkirche und mit dem Papst gehört zu unserer unaufgebbaren Identität."

Frauenbewegung wünscht sich Diakoninnen

Gleichfalls am Dienstag hat zuvor die Katholische Frauenbewegung einen Wunsch angemeldet. Sie publizierte ein Schreiben, mit dem Vorsitzende Margit Hauft Papst Benedikt XVI. zum Diamantenen Priesterjubiläum (60 Jahre nach der Weihe) gratuliert. Und sie nimmt dies zum Anlass, für eine Ausweitung des Weiheamtes in der römisch-katholischen Kirche einzutreten. Hauft: „Gott beruft Männer und Frauen in den besonderen Dienst an der Gemeinschaft." Frauen wirkten in Pfarr-, Betriebs-, und Krankenhausseelsorge mit.

Die Forderung der Frauenchefin: Die Kirchenleitung sollte die Weihe von Diakoninnen (erste Stufe des Weihesakraments) ermöglichen. Diakone dürfen taufen, trauen, predigen, Begräbnisse leiten.

Laien derzeit kopflos

Während die Priesterinitiative nun noch entschiedener auftritt, ist die Laienbewegung um Konsolidierung bemüht. Intern konnte man sich noch auf keinen Nachfolger für Ex-Volksanwalt Herbert Kohlmaier einigen. Der Sprecher der Gruppierung hat das Amt - ohne seine Vorstandskollegen vorab zu informieren - unter Äußerung massiver Kritik an Papst und Kurie zurückgelegt. Für die Suche nach einem Nachfolger, mit dem ein Generationensprung geschafft werden soll, wollen sich die Laien bis zu einem Jahr Zeit geben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29. Juni 2011)

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185 Kommentare
 
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Gast: Denkanstoss
14.04.2012 18:21
0

Kriche in der Krise

Sehr geehrte Damen und Herren,
wenn Millionen Christen das Buch von David Rice "Kirche ohne Priester" mit einem Vorwort von Ute Ranke - Heinemann (Deutsche Ausgabe: Goldmann-Verlag 1991 )gelesen hätten, wären wir heute schon weiter. Die Kirchenführung hat sich im Laufe der zweitausend Jahre von der Lehre Jesu so weit entfernt, dass sie heute Jesus als Revoluzzer aus der Kirche aussschließen würden. Die Amtskirche sollte sich vom Ballast der Jahrhunderte befreien und die strengen Regeln des Neuen Testaments befolgen,was Liebe und Toleranz beinhaltet(z.B .verheiratete Piester,Freiwilligkeit des Zölibats,Priesterfrauen und- kinder, Unbefangenheit zur Sexualität(Geburtenbeschränkung,Homosexualität...),Theologie der Befreiung,Zulassung von Frauen zum Priesteramt,Geschiedene, Lebenspartnerschaften etc. Die Jugend in ihrer Mehrheit dürstet nach Wahrheit im Sinne des Neuen Testaments,was die Amtskirche nur unvollständig geben kann.Was nützen Massenveranstltungen, wenn während des Jahres die Kirchen leer sind.
Es grüßt Sie g.m.

Gast: katholisch
22.08.2011 23:18
0

denken

Jeder Getaufte ist verpflichtet (selbst) zu Denken!

Gast: franzkurt
17.08.2011 20:30
0

Aufruf zum Ungehorsam

Wozu noch ein Aufruf zum Ungehorsam. Es gibt Priester, die haben bei der Priesterweihe die ehelose Keuschheit versprochen und leben mit ihrer Geliebten im Pfarrhof zusammen und es wird geduldet sowohl von den Gläubigen, die froh sind überhaupt noch einen Priester zu haben und auch von den Bischöfen. Zu meiner Kindheit gab es am Sonntag noch 3 Messen und diese waren ausser der Frühmesse ziemlich voll, heute sind die 2 Sonntagsmessen kaum zur Hälfte mit Gläubigen gefüllt. Nach den Vorschlägen von
Schüller sollen jetzt Laien, vielleicht sogar geschiedene, wiederverheiratete Religionslehrer das Wort Gottes auslegen. Ich
frage mich wie diese das Wort "Euer Ja sei ein Ja und Euer Nein ein Nein" interpretieren werden und durch welche Vorbilder die Gläubigen zur Nachfolge Christi aufgerufen werden. Vielleicht hätte Jesus doch Frauen zu seinen Aposteln berufen sollen, dann wäre die
gewünschte Frauenordination in unserer heutigen Zeit leichter verständlich.

Gast: wOrtner
17.08.2011 20:30
0

Respekt

Mein Respekt gehört Msgr.Mag.Schüller für seine Initiative. Die Drohungen der Kirchenfürsten zeigt nur deren Unbeholfenheit

Gast: gikerl
05.07.2011 19:52
1

gehorsam

die hohen herren der kirche misbrauchen kinder, haben in der vergangenheit leben ausgelöscht, haben im namen christi gestolen, dann wagt es noch einer der ihren einem eine rüge zu verpassen, weil er geschiedenen den segen geben will!!! das ganze ist ein hohn

Antworten Gast: gast gafi
18.08.2011 12:47
0

schönborn

schönborn nimm deine kappe und ab
nach rohm zu deinem reuberhäupling

Gast: Hermann-Josef
03.07.2011 14:43
0

Kehrtwende

Bei der Kehrtwende, die das Schifflein Petri z.Zt. vollzieht, muss man sich schon extrem weit über die entgegengesetzte Bordwand lehnen, um den Kahn am Kentern zu hindern.
Und wenn es schiefgeht? Keine Chance! Die Männer an den Schalthebeln und die mit den lauten Stimmen sind an der Macht. Piusbruder müsste man sein. Dann würde einem sogar der Papst hinterherrennen.

Vernebelter Blick

Da ruft eine Gruppe zum Ungehorsam gegen Papst, Bischböfe, Gott, Erzengel usw. auf, aber keiner sagt klipp und klar, oeum es geht. Man hört und liest bestenfalls Theorie-Gewäsch, ein Wischwiwaschi ohne erkennbaren Inhalt.

Die Grundfrage lautet doch: Wozu soll ich bei einer religiösen Gemeinschaft mit machen, wenn ich doch auch ohne diese ein guter Mensch sein kann?

Ach ja, die zehn Gebote...die Sonntagsmesse... dann noch ein paar Regeln: Ich bin sooo gut und esse freitags kein Fleisch...

Den der so redet, kenn ich. Und dann kenn' ich noch jemanden, der sich "spiritueller Anarchist" nennt.

In dieser Situation wirkt es wie ein schlechter Witz, wenn Pfarrer, Gläubige usw. als eine Art Berufsprotestler zum Ungehorsam aufrufen. Ist eh keiner mehr bei (in) der Kirche. WER soll denn da noch "ungehorsam" sein?

Gast: Rick
30.06.2011 11:02
1

Zusammenhang?

Weil Pfarren zusammengelegt werden, teilen die Priester der "Pfarrinitiative" jetzt die Kommunion an Wiederverheiratete Geschiedene aus und lassen Laien predigen. Aha. Und wo bitte ist da der Zusammenhang, Herr Schüller?

Gast: mysterium
30.06.2011 08:52
1

Was soll man von einem alkoholzerfressenen Gehirn erwarten.

Damit meine ich NICHT den Bischof Kapellari.

Gast: Gehirnforscher
30.06.2011 06:21
1

100 % Unterstützung für die Bischöfe

Hätten die 300 Charakter, hätten sie die Futtertröge schon verlassen und sich irgendwohin zurückgezogen, sich Asche auf'n Blutzer gestreut und Busse getan, von wegen der gebrochenen Versprechen. Schnell weg mit diesen Läusen aus dem Pelz der Kirche! Das ist eine schmerzhafte aber notwendige Reinigung, weg mit dieser Fäulnis!

sie sind offenbar "Malchist",

ein Anhänger des Malchus. Denn mit "Christentum" hat das, was Sie schreiben, nicht mehr viel zu tun.

Wo er recht hat, hat er recht!

Kapellari war auch in Graz, damals als Studentenseelsorger,immer interessiert und in seinen Aussagen interessant!Einer der Besten, die die Kirche noch hat!

Bravo

Sehr gut! Der herr Schüller erscheint mir einer der ganz wenigen, die es wert wären, ihnen gut zuzuhören und eventuell auch aktiv zu werden.

Gast: Hansi Hüpfer
29.06.2011 20:06
2

Die 300 Friedeln fehlen niemanden

Ohne die 300 Gelübdebrecher wird die Kirche nur stärker und purer. Dass die Weltkirche wächst, geliebt von allen Christen, beweist nur, wie richtig die Kirche liegt. Und sollte die Kirche in Ö. ganz verschwinden, wäre es nur schade um die christl. Österreicher und Ausländer in Ö. und nur sehr bedingt um die Kirche!

Re: Die 300 Friedeln fehlen niemanden

Wissen's Herr Hüpfer! Ich kannte mal einen sehr, sehr guten Kirchengeschichtler - der sagte immer: "Versuchen Sie ja NIE, eine reine Kirche zu schaffen, denn die Kirche braucht die Flaschenköpfe!" Gott hat ihn sicherlich selig!

Antworten Antworten Gast: Hansi Hüpfer
30.06.2011 06:13
4

Re: Re: Die 300 Friedeln fehlen niemanden

Wissen's Herr Lady Manhattan, alle Organisationen brauchen die Flaschenköpfe, Mitläufer und andere Dodeln. Und auch das Forum hat einen von der Sorte, nämlich sie!

@Hansi Hüpfer: wieder ein "Malchist".

Das, was Sie machen, ist "Malchismus". Jemand, der innerlich "das Schwert gezogen" hat, um damit Papst, Einheit der Kirche oder was-weiß-ich zu "verteidigen". Das ist nicht "christlich". Es verwundert, wie viele "Kampfgläubige" in letzter Zeit in solchen Foren posten und ich halte gerade das für eine Fehlentwicklung in der katholischen Kirche, für die nicht zuletzt einige Bischöfe, die so etwas durchgehen lassen, die Verantwortung tragen.

Gast: einfacher Christenmensch
29.06.2011 17:41
17

Wenn Gesetze dem göttlichen Recht in klarer Weise nicht übereinstimmen, dann ist der Widerstand Pflicht, und der Gehorsam Verbrechen

(Papst Leo XIII.)

Gast: Nixvoodoo
29.06.2011 17:21
4

Um diesen Unterdrückungsapparat ists auch nicht schade!


Reformkatholiken ?

Was Motiviert diese 300 ? Haben sie die gleichnamige Film gesehen ? Aber, einem Comic
nachempfundenes Fiktion, kann doch nicht sein.
Auf jeden Fall bin ich tief enttäuscht.
Klare Worte der Bischof Kapellari. Danke!
Weil ich gerade Gestern gelesen habe, ein Zitat;
"Die Ironie, die häufig nicht verstanden wird, ist
die, dass liberalisierte Kirchen ihre Mitglieder absolut
nicht halten können.Es ist dagegen eine soziologische Tatsache, dass Menschen auf Doktrinen ansprechen."
Johannes Paul II
Es geht nicht ohne Kirche, ohne Vatikan, und
ohne Papst, und wir sind NICHT die Kirche!
Wir sollten nur gute Katholiken sein.
Herr Schüller sollen sie sich schämen !

Antworten Gast: Hansi Hüpfer
29.06.2011 20:08
2

Re: Reformkatholiken ?

Dem kann man nur hundertprozentig beipflichten. Schön. dass es so einen Bischof gibt!

Antworten Antworten Gast: gasto
29.06.2011 20:33
1

Re: Re: Reformkatholiken? Eine Wortkombination, die sich selbst aufhebt -

.
>dass liberalisierte Kirchen ihre Mitglieder absolut
nicht halten können<

Vielleicht gehts überhaupt nicht mehr ums "Mitgliederhalten". Um "Zuckerl" weil die "Peitsche" des Dogmas, des Gehorsams keine Macht mehr hat.

WEIL: Erkannt wird; es demaskiert sich diese Hierarchie selbst. Traurig, dass gebildete Menschen (nicht zynisch gemeint!) ihre Kräfte für diese überholte Form der Gemeinschaftsbildung "opfern".

WER braucht Institutionen, die jenseitiges Heil versprechen? - WER braucht diesen Hierarchieapparat, der Strukturiert ist wie ein Heer?

WAS hat das mit "Christentum" zu tun?
Schlicht: NICHTS - es ist das Gegenteil!

(Die höheren Ränge in der rkK wissen das längst alles. Das is ja der Witz der ganzen Sache)

Gast: Colino
29.06.2011 15:59
0

Rechte der Gläubigen

Über die Rechte der Gläubigen :
www.kath.net "Ganz einfach, Herr Bischof"

die nächste Austrittswelle

ist wohl schon im Anrollen...

Selektiv

Auch der Bischof leidet unter selektiver Wahrnehmung! Die Amtskirche hat es nicht begriffen und sie will es vor allem nicht begreifen...Eine Fortschreibung des gegenwärtigen Zustandes, der Stagnation, führt bestenfalls zu einer geordneten Insolvenz

 
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