Als die Hauswurz noch gegen Blitzschlag half...

Wie nahmen Menschen im Mittelalter Natur- katastrophen wahr? Forscher suchen nach Antworten darauf in schriftlichen Überlieferungen: Natur- erscheinungen wurden dem strafenden Gott oder dem Teufel zugeschrieben. I

Hauswurz noch gegen Blitzschlag
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Hauswurz noch gegen Blitzschlag
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Der luft begunde truoben, / ertbibe sich dô huoben / ez wart ein ungewiter grôz, / ein grôzer dunre lûte erdôz / der mange dunrestrâle / liez an dem selben mâle.


Um die Mitte des 13. Jahrhunderts muss eine gewaltige Katastrophe die Menschen in Angst und Schrecken versetzt haben, ein Extremereignis, wie es Rudolf von Ems (geboren um 1200 in Hohenems/Vorarlberg) schildert: „Die Luft begann sich zu trüben. / Erdbeben sich erhoben, / es war ein Ungewitter groß, / ein gewaltiger Donnerlaut erschallte, / der viele Blitze / an einem Ort herniederfahren ließ.“

Andere Dichter des Mittelalters, etwa Hartmann von Aue (um 1200), Konrad von Megenberg (um 1350) oder Oswald von Wolkenstein (1. Hälfte 15. Jh.) halten in ähnlicher Intensität Unwetterphänomene fest.

Unerwartete Wetterschwankungen seien wahrlich nicht nur ein Thema unserer Zeit, sagt der Grazer Germanist Matthias Melcher, der für seine Diplomarbeit mehr als 200 Textstellen aus mittelhochdeutschen Quellen untersucht hat. In ihnen werden Naturerscheinungen vorwiegend mit den Handlungen eines strafenden Gottes oder, im Gegensatz, mit vom Teufel ausgeheckten Missetaten in Verbindung gebracht.

So deutete in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts „der Stricker“, ein vermutlich aus Franken stammender, im heutigen Österreich lebender Dichter, Blitze als vom heiligen Geist gesendet. Der vom Himmel zur Erde führende Lichtbogen sollte Sünder zur Besinnung und zurück auf den Pfad der Tugend bringen.


Literatur und Klimaforschung.
Die Texte können die auch von Klimatologen dokumentierten deutlichen Klimaschwankungen bestätigen. Vom siebenten Jahrhundert bis gegen das Jahr 1000 gab es eine Kaltphase, das sogenannte „Frühmittelalterliche Pessimum“. Dann folgte mit dem „Mittelalterlichen Optimum“ eine Warmzeit, die wiederum von der anschließenden „Kleinen Eiszeit“, etwa 1550 bis 1850, abgelöst wurde. Aber diese Schwankungen waren nicht die Motive für die mittelalterlichen Beschreibungen. Es ging in erster Linie um den unversehrten Bestand der Siedlungen, um die bedrohte Ernte, um mögliche nachfolgende Entbehrungen.

Aus Melchers Arbeit wird die stete Anpassung der Menschen an Hitze, Sturm und Regen deutlich. Waren Unwetter im Anzug, dann gaben die geistlichen Herren, vom Bischof abwärts, die Devise aus, die Kirchenglocken zu läuten sowie Bittgottesdienste und Prozessionen abzuhalten. Man wollte Gott gnädig stimmen.

Gab es auch Reaktionen, wenn das Geläute nicht die erhoffte Verschonung von Blitzschlag und Hagel brachte? „Da ist wenig dokumentiert“, sagt Melcher, „angeblich gab es aber manchmal finanzielle Konsequenzen für den Messner oder Glöckner, die dann weniger Spenden erhielten.“ Andererseits ist auch ein überkommener vorchristlicher Brauch dokumentiert: Vor dem Blitzschlag sollte Hauswurz auf dem Dach schützen. Das sei aus der nordischen Mythologie ableitbar, in der der Zweig der Eberesche, des Weltenbaums, Schutz bietet.

Eine detaillierte Bestandsaufnahme liefert Georg Jäger in seinem umfassenden Tirol-Buch, in dem er über Wanderheuschrecken, Hagelschläge, Kältewellen und Lawinenkatastrophen im „Land im Gebirge“ schreibt (siehe Artikel rechts).

Jäger sieht dabei in vielen Situationen die Kirche gefordert. Im ausgehenden Mittelalter sowie im 16. und 17. Jahrhundert konnte unter anderem die Heuschreckenplage die Menschen in den Ruin treiben. Heuschreckenschwärme wurden mit Rauch in Wasserflächen getrieben, man hieb auch mit Dreschflegeln auf Ansammlungen dieser unliebsamen Insekten ein, aber das alles brachte nur wenig Abhilfe. So setzte man unter geistlicher Führung Prozessionen von Jung und Alt an, da – so die Meinung – die Wanderheuschrecken durch die Menschen allein nicht ausgerottet werden konnten, man benötigte „die Gnad Gottes“.


Maikäfer und Heuschrecken. Im Mai 1678 wurde Tirol auch von einer großen Maikäferplage heimgesucht. „Ueber Anregung der Gemeinde Hötting“, so die Innsbrucker Chronik, „erbittet sich der Bürgermeister von Innsbruck vom Abt von Füssen den wundertätigen Stab des hl. Magnus, der in feierlicher Prozession von der Höttinger Kirche durch die Aufelder getragen wird.“ In einem Fall wird das Ende der Heuschreckenplage auch direkt dem göttlichen Beistand zugeschrieben. „Zur Abwendung solchen Ybels hat man gleich ein Procession umb die Felder gehalten, auch die vier Evangelia gelesen, worauf alles wiederumb vergangen.“ Das war 1693 in der Unterinntaler Gemeinde St. Johann. Das Ende der Insektenplagen kam freilich erst mit dem Einsatz chemischer Stoffe knapp vor der Wende zum 20. Jahrhundert.

Aus manchen mittelhochdeutschen Dichtungen wird auch eine regionale Wanderbewegung ersichtlich: Mit der frühmittelalterlichen Wärmephase wurden hochalpine Lagen über 2000 Meter für die Viehzucht – und im Sommer für Wohnstätten – genutzt.

Von 1000 bis 1200 stieg im Gebirge die Anbaugrenze um hundert bis zweihundert Meter. In der Literatur wird dies durch Gewitterdarstellungen in Verbindung mit dem nun erschlossenen Hochgebirge und der Wildnis dokumentiert. Als Folge errichtete man auch Hospizstationen auf Passübergängen, um den Menschen im Falle eines Wetterumschwungs Schutz zu bieten.

Dazu der Germanist Matthias Melcher: „Mittelalterliche Texte verweisen darauf, dass der Hospizverwalter vorrangig die Aufgabe hatte, Reisende in Notlage, zum Beispiel bei einem Gewitter, aufzunehmen.“ Das Mittelalterliche Optimum löste bei den Menschen zudem ein verstärktes Wohlbefinden aus, die Folge war eine kulturelle Blütezeit. Es war die Epoche der Gotik sowie die große Schaffenszeit der mittelhochdeutschen Dichter.

In den literarischen Quellen des Mittelalters dienten Unwetter als stilistisches Mittel, mit dem Kampfszenen untermalt oder transzendente Inhalte thematisiert wurden. Ein Gewitter war ein Naturschauspiel, das die Dichter dieser Zeit herausforderte. Und mit Gewittern, denen die Menschen damals machtlos ausgeliefert waren, hatten die Poeten und Schriftsteller ihre eigenen Erfahrungen gemacht.

Lexikon

Vom siebenten Jahrhundert bis zirka zum Jahr 1000 gab es eine Kaltphase: das „frühmittelalterliche Pessimum“.

Das „mittelalterliche Optimum“ war die folgende Warmphase mit relativ mildem Klima auf der Nordhalbkugel (etwa von 1100 bis 1300).

„Die Kleine Eiszeit“ von etwa 1550 bis 1850 setzte den Menschen besonders zu. Am Höhepunkt (1690 bis 1710) kam es zu Hungersnöten, Krankheiten etc.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2011)

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