"Segenspater": Der Exorzist wider Willen

In Oberösterreich sehen manche Flüche und allerlei dunkle Mächte hinter ihren Problemen. Sie vertrauen auf geheimnisvolle Kräfte eines fast 90-jährigen Paters. Die katholische Kirche lässt ihn gewähren.

Exorzist wider Willen
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Exorzist wider Willen
Symbolbild – (c) AP (Thomas Kienzle)

Mit geschlossenen Augen hält er die Hände über das Foto eines Hauses. Streit habe es in der Familie gegeben und Alkoholismus, daher hat sich Christina (Name von der Redaktion geändert) an Pater Bernhard gewendet. Der Benediktiner murmelt ein Gebet, schlägt mit der Faust auf das Bild – einmal, zweimal, dreimal. Er habe die dunklen Energien aus dem Haus gezogen, sagt Christina.

Wer zum fast 90-jährigen Benediktinerpater Bernhard Kunst ins oberösterreichische Stift Lambach pilgert, der hat die Hoffnung auf eine konventionelle Lösung seiner irdischen Probleme aufgegeben. „Segenspater“ wird er in katholischen Internetforen gerne genannt und mit dem italienischen Volksheiligen Padre Pio verglichen. Manche sprechen von „Wundern“, die der Pater mit Gebeten und dank seines, wie er selbst es wörtlich ausdrückt, „mit Exorzismus geweihten Wassers“ vollbringt. Gegen Flüche und dunkle Kräfte aller Art will er ankämpfen – Aufgaben, die man einem Exorzisten zuordnen würde. Aber Pater Bernhard will davon nichts wissen.

Besessenheit oft eingebildet. Offiziell stehen fünf Exorzisten im Dienste der Diözese Linz. Deren Namen werden streng geheim gehalten. Das Anforderungsprofil für den Job: kritischer Geist, psychologisches Gespür – und sehr viel Gottvertrauen. Die katholische Kirche schreckt spätestens seit dem gleichnamigen Film vor dem Begriff Exorzist zurück. „Beauftragte im Befreiungsdienst“ werden die Priester harmlos genannt. Es gibt diese „Beauftragten“ auch in Wien und St. Pölten. In der Erzdiözese steigen die Anfragen, sagt jedenfalls Kardinal Christoph Schönborns Sprecher Michael Prüller. Immerhin 50 Exorzismen vollzieht Larry Hogan nach eigenen Angaben pro Jahr. Er ist offizieller Exorzist der Erzdiözese Wien, die Öffentlichkeit meidet er wie der Teufel das Weihwasser.

Von ähnlichen Zahlen ist man in Oberösterreich weit entfernt: Nur „sehr wenige“ würden sich an das Ordinariat, die einschlägige Anlaufstelle, wenden, sagt Ewald Volgger, Rektor der Katholisch-Theologischen Universität Linz, zu „DiePresse.com/Sonntag“. Oft würden sich Personen melden, die sich eine Besessenheit „aufgrund einer psychischen Krankheit einreden“, so Volgger. Daher überprüfe man zunächst mit Ärzten, Psychologen und Psychiatern, ob eine Wahnvorstellung vorliege oder eine „Bedrängung durch personifizierte Kräfte des Bösen“, wie es der St. Pöltner Bischof Klaus Küng vorsichtig formuliert. Nur dann würden die Priester mit den und für die Betroffenen über einen längeren Zeitraum „Befreiungsgebete“ sprechen.

Kanisterweise Weihwasser.
Statt des offiziellen Wegs bevorzugen manche die Hilfe von Geistlichen wie Pater Bernhard. Erfolgsgeschichten machen die Runde: Von Ställen ist da die Rede, in denen Kühe nie mehr krank werden, von Brunnen, deren Wasserqualität sich verbessert, und von gebrochenen Armen, die verheilen (siehe Bericht unten). Kanisterweise segnet Pater Bernhard Weihwasser, seine Krankengottesdienste lockten Hilfesuchende in Scharen und sind in Webshops auf DVD erhältlich. Vor einem Jahr ist Pater Bernhard als Seelsorger der 500-Seelen-Gemeinde Aichkirchen in den Ruhestand getreten, und noch immer bitten ihn seine Schäfchen per Telefon oder E-Mail um Beistand. Mit Medien spricht er nicht gern. Er kann das Interesse an seiner Person nicht nachvollziehen, sagt sein direkter Vorgesetzter, der Lambacher Abt Maximilian Neulinger. Pater Bernhard habe immer nur auf das Wirken Gottes verwiesen, aber „das Gute lässt sich nicht verbergen“, so der Abt.

Pastorale Zuwendung. Trotz zahlreicher Berichte von angeblichen Heilungen und unerklärlichen Phänomenen durch Pater Bernhard liegt es der Autorität „völlig fern, von Wundern zu sprechen“, so Professor Volgger. „Wenn die Kirche überzeugt wäre, dass hier Wunder geschehen, müsste man Nachforschungen anstellen von Fachleuten. Das ist hier aber nicht geschehen.“ Wenn Menschen sich bösen Kräften ausgeliefert fühlten, würden sie nach Hilfe suchen und sie in der pastoralen Zuwendung oder eben im Weihwasser finden. „Dort wo Gott als Garant des Guten angerufen wird, entfaltet sich die heilende Kraft im Menschen.“ Sprich: Durch den Glauben an göttliche Hilfe erführen Menschen eine Wandlung und Stärkung, sagt der Theologe.

Mit Exorzismus im Sinne von Austreiben böser Dämonen habe das nichts zu tun. Auch wenn Pater Bernhard ein Segensgebet für Weihwasser aus dem fünften Jahrhundert verwendet, das mit den Worten „Ich exorziere dich, Wesen des Wassers“ beginnt.

Die Kirche habe keine Probleme mit derartiger Volksfrömmigkeit, meint Volgger: „Die wichtige Frage ist: Geschieht dabei etwas Gutes?“ Das gelingt Pater Bernhard aber nicht immer: Die Ehe von Christina wurde ein Jahr nach seiner Intervention geschieden.

Exorzismus

Nach katholischem Verständnis das Austreiben von Geistern, Dämonen oder Teufeln aus Personen, Lebewesen, Gegenständen oder Orten. Der „Kleine Exorzismus“ erfolgt bei der Taufe mit den Worten des Paten, der stellvertretend für den Täufling dem Bösen widersagt. Befreiungsgebete kann jeder Gläubige sprechen, der „Große Exorzismus“ ist gemäß Kirchenrecht nur Priestern mit Erlaubnis des Bischofs vorbehalten. Der Vatikan sieht für jede Diözese „Beauftragte zum Befreiungsdienst“ vor – nach Angaben des St. Pöltner Bischofs Klaus Küng ist dies derzeit in drei österreichischen Diözesen, nämlich Wien, St. Pölten und Linz, der Fall. Deren Identität wird geheim gehalten, um sie vor „unnötiger Neugierde und Sensationslust“ zu schützen. In den anderen Diözesen bestimmen die Bischöfe für jeweils auftretende Fälle einen Priester.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2011)

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