Muzicant, die laute, jüdische Stimme

14 Jahre lang war Ariel Muzicant als Präsident an der Spitze der Israelitischen Kultusgemeinde: In diesem Job zeigte er auch ein neues, gesundes Selbstbewusstsein von Österreichs Juden. Geht er nun wirklich?

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(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

Er kann nicht aufhören. Dieser Satz war in den vergangenen 14 Jahren sehr oft über Ariel Muzicant zu hören. Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde prägte in diesen Jahren nicht nur Politik und Entwicklung der jüdischen Gemeinde Österreichs, sondern stand mit seinen Forderungen, Warnungen und Aussagen häufig im Mittelpunkt der innenpolitischen Debatten. Es waren vor allem die emotionalen Reaktionen, seine mitunter lautstarken Auftritte, seine drastischen Formulierungen und das neue Selbstbewusstsein des Vertreters der österreichischen Juden, deren Zahl durch den Holocaust auf heute unter 10.000 geschrumpft ist. Eigentlich will Muzicant in wenigen Tagen oder Wochen aufhören und zurücktreten. Sein Stellvertreter Ossi Deutsch soll zur nächsten Wahl im November antreten. Mit Psychiater Martin Engelberg tritt allerdings erstmals seit Längerem ein Gegenkandidat mit guten Chancen an.

Dass sich Muzicant seinen Rücktritt noch einmal überlegen könnte, hätte weniger mit der innerjüdischen Situation denn mit einem alten Gegner zu tun: Heinz-Christian Strache forderte vor wenigen Wochen Muzicant vor johlenden FPÖ-Anhängern zum Rücktritt auf. Die Auseinandersetzung mit FPÖ-Politikern hat zwar zuletzt immer häufiger der Generalsekretär der Gemeinde, Raimund Fastenbauer, übernommen, aber einen hingeworfenen Fehdehandschuh nimmt Muzicant meist auf. Das war schon immer so.

Zank mit der FPÖ

Denn der Streit mit den Freiheitlichen prägte die Ära Muzicant: Schon kurz nach seinem Antritt 1998 lieferte sich Muzicant ein heftiges Gefecht mit dem damaligen FPÖ-Politiker Peter Sichrovsky, der selbst aus einer prominenten jüdischen Familie stammt. Vor der schwarz-blauen Wende warnte Muzicant lautstark, mit Jörg Haider hatte er eine heftige Auseinandersetzung wegen dessen Ariel-Waschmittel-Geschmacklosigkeit. Deswegen wurde Muzicant 2001 im Wiener Wahlkampf sogar zu einer Symbolfigur, Grüne und SPÖ beklatschten ihn am Wahlabend. Aus seiner Nähe zur Linken hatte der erfolgreiche Immobilienunternehmer nie einen Hehl gemacht. Dennoch hielt er – von der Öffentlichkeit weitgehend unbeobachtet – auch guten Kontakt zu ÖVP und Regierungsmitgliedern der FPÖ oder besser: des BZÖ. Mit Susanne Riess-Passer etwa hatte er eine gute Gesprächsbasis.

Wichtiger war Muzicant und seine Ära aber ohnehin in anderer Hinsicht. Seine mitunter lautstarken Tiraden und heftigen Formulierungen bewiesen nicht zuletzt eines: Der Mann strahlte plötzlich ein völlig neues Selbstbewusstsein aus. Er war der erste Chef der österreichischen Juden, der nach dem Holocaust auf die Welt gekommen war. Er haute auf den Tisch, stellte klar, dass die Gemeinde und tausende jüdische NS-Opfer keine oder zu geringe Entschädigungszahlungen für ihr von NS-Schergen oder normalen Nachbarn geraubtes Vermögen bekommen hatten.

Entschädigungszahlungen für Opfer

Bei Vorgängern von Muzicant wie Paul Grosz hatte man stets das Gefühl gehabt, sie würden sich bewusst zurückhalten, um unter keinen Umständen das schwierige Verhältnis zwischen Opfern und Tätern, zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Österreichern zu gefährden. Muzicant kümmerte das kaum, er erstritt während der Wende-Regierung-Schüssel im Fahrwasser internationaler Sammelklagen und lauter US-Opfer-Anwälte Entschädigungszahlungen für die österreichischen Opfer. Muzicant nannte das Argument, sein lautes, polterndes Auftreten könnte Antisemitismus erzeugen, das, was es war und ist: antisemitisch.

In den Verhandlungen um eine Entschädigungslösung zeigte sich zumindest, dass Muzicant, der an der Spitze seiner Columbus-Immobilien schon mehrere Millionendeals verhandelt und erfolgreich beendet hatte, enorm unter Druck stand: Seine Entscheidung, das Washingtoner Abkommen nicht zu unterschreiben, sondern nur zu paraphieren, verärgerte nicht nur Schüssel, sondern verwunderte auch die US-Verhandler wie Staatssekretär Stuart Eizenstat. Dennoch war dies der größte außenpolitische Erfolg Schüssels und die wichtigste Etappe Muzicants, seine Gemeinde wieder auf finanziell solide Beine zu stellen: Er hatte seit Beginn seiner Amtszeit den Schuldenberg abgetragen und versuchte, das strukturelle Defizit in den Griff zu kriegen. Die öffentliche Hand übernahm zum Teil die laufenden Infrastrukturkosten, etwa für die Sicherheit.

Die Entschädigungszahlungen für die geraubten Vermögenswerte investierte die Gemeinde auch in neue, nicht unumstrittene Projekte: etwa den Bau eines großen sozialen Zentrums mit Altersheim und Bildungseinrichtungen nahe der Südosttangente am Handelskai. Nicht unumstritten auch sein Führungsstil: Autoritär nannten ihn seine Kritiker, effizient seine Anhänger. Seit Jahren gibt er immer wieder zu bedenken, dass er und andere in seiner Einkommensklasse zu wenig Steuern zahlen würden: Als Berater von Werner Faymann dürfte er für die volle Besteuerung von Spekulationsgewinnen von Immobilien verantwortlich sein. Zumindest bestätigt das Faymann.

Faible für Geschichte

Privat ist Muzicant stolz, dass sein Sohn das Immobilenimperium übernahm; ganz aussteigen wollte er allerdings auch nicht. Und der in Haifa gebürtige Wiener, der einst das Lycée Français besuchte, hat ein Faible für Geschichte: Egal ob es sich um Faymann oder Ex-Vizekanzler Josef Pröll handelt, auf offiziellen Israel-Reisen spielt Muzicant wie selbstverständlich den Reiseführer, der kaum zu stoppen ist. Muzicant redet gerne, das mochten und mögen die Medien, zu denen er ebenfalls ein ambivalentes Verhältnis hat. Trotz seiner direkten, heftigen Ansagen war er immer wieder verwundert, wie plakativ seine Aussagen in den Zeitungen vorkamen.

Viele in der Gemeinde glauben, dass Muzicant die Macht ohnehin nicht abgeben würde und dass er neben seinem designierten Nachfolger als Präsident Ossi Deutsch ohnehin weiter die Fäden ziehe. Er meinte im Gespräch mit der „Presse“ einmal, er würde in der Pension gerne „etwas Historisches“ machen, etwa ein Archiv ordnen oder leiten. Sein langjähriger Traum eines Museums der jüdischen Geschichte und der Shoah wurde bisher nicht realisiert. Aber das muss nichts heißen. Muzicant gibt nämlich nie auf.

Ariel Muzicant

1952 in Haifa, Israel geboren.

Seit 1956 lebt Ariel Muzicant in Wien.

1976 schloss er seine akademische Ausbildung mit einer Promotion in Medizin ab und trat in das Immobilienmaklerbüro seines Vaters ein.

1998 wurde er zum Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien gewählt und 2004 sowie 2008 bestätigt. Er trat die Nachfolge von Paul Grosz an. Darüber hinaus ist Muzicant Vorstandsmitglied des Dokumentationsarchives des österreichischen Widerstandes.

Seit 2009 betreibt Muzicant die Webseite „Kellernazis in der FPÖ“.

2012 will er sich aus der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien zurückziehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2012)

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