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Brasilien löst sich von Rom

07.05.2012 | 18:12 |  Von unserem Korrespondenten CARL D. GOERDELER (RIO) (Die Presse)

Noch ist Brasilien mit ca. 136 Millionen Katholiken das stärkste Standbein von Papst Benedikt XVI. Allerdings hält eine starke Abwanderungswelle an - hin zu evangelikalen Pfingstkirchen und Erweckungssekten.

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Religion ist das „Opium des Volkes“ und „Seufzer der bedrängten Kreatur“, hat schon Karl Marx geschrieben. Was er damals, 1844, nicht so genau beschrieben hat, ist, wie man mit Religion Geschäfte macht. Da hilft in Brasilien das private „Seminar für Theologie“ (Centro de Formação Ministerial, Cefom). Laien können hier in einem 90-Tage-Schnellkurs lernen, wie man erfolgreicher „Glaubensmanager“ wird, quasi Religionsstifter mit eigenem Tempel.

„Die Kirche ist ein Unternehmen. Eines, das schwer zu führen ist, und dessen Aktien die Frömmigkeit sind.“ Das ist ein Kernsatz aus dem Kurs für Pastoren, die heute mit einer eigenen Kirchengründung Erfolg anstreben. Profitmaximierung, Marktanalyse, Marketing sind Vokabeln, die das selbsternannte Theologieinstitut in Rio de Janeiro predigt, nicht etwa Bibelexegese.

 

Gott garantiert goldene Zukunft

Der Glaube spielt indes nur eine Rolle als Marke: Ziel ist, nach drei Monaten einen pseudochristlichen Prediger zu kreieren, der es schafft, alle 90 Tage die Schar seiner Anhänger zu verdoppeln und die Spenden zu verdreifachen.

Man lernt, sich dafür eine Gegend auszusuchen, in der wenige Gotteshäuser stehen und viele Menschen einen „Hirten“ brauchen. Bei Armen punkte man mit Wunderheilungen und Taschenspielertricks. Hinterher sollte man um so strenger damit sein, den „Zehent“ zu verlangen, im Namen Gottes. Der Kurs ist nicht billig, rund 200 Euro im Monat, doch Absolventen garantiere Gott eine goldene Zukunft. Cefom bietet auch Seminare an, in denen man Diplome wie „Doktor des Heiligen Geistes“ bekommt, die mit umgerechnet 500 Euro teurer ausfallen. Dafür sind die rechtlichen Hinweise, wie man mit einer Kirchengründung zu Subventionen oder Steuererleichterungen kommt, auch Gold wert. Hinter dem Rücken des Christus auf dem Corcovado-Berg von Rio, zwischen Müllbergen und Kanälen, wächst die Schar der Gläubigen. Es sind keine Katholiken mehr, ihre Kirchen sind Baracken wie alle Häuser hier. Doch die Armut wird durch Gebete wettgemacht.

Evangelikale Pfingstkirchen und Erweckungssekten breiten sich in Brasilien so schnell aus wie die Elendsviertel. Dabei hat Brasilien, wo fast 70 Prozent der gut 195 Millionen Einwohner Katholiken sind, die größte römisch-katholische Landeskirche. Doch während der Erzbischof von Rio in drei Jahren nur eine neue Kapelle weihte, entstanden in dieser Zeit 673 evangelikale Kirchen. Ihre Prediger fragen nicht nach dem Gebetbuch, nur Hingabe zählt. Den Heiligen Geist beschwören sie nicht durch lateinische Litanei, sondern durch inbrünstige Lieder und Gebete.

Der emotionale Rausch und die religiöse Intimität unterscheiden die Pfingstgemeinden vom starren Ritus der Hochkirchen. Vor allem aber leben die Laienprediger unter den Ärmsten und teilen ihr Brot. Wann kommt schon ein Priester in die Favelas? Die katholische Kirche hat sich trotz der „Befreiungstheologen“ in ihr Ghetto zurückgezogen, zur Taufe und Hochzeit tritt man noch vor den Altar, aber sonst wirkt sie vor allem bei den Armen so weltfremd und unverständlich, dass diese in Massen zu den Freikirchen wechseln. Die Landflucht ist eine Mitursache für die Ablösung von Rom.

Die Kirche blieb im Dorf

Die Menschen wanderten in die Städte, vor allem deren arme Vorstädte, doch die Kirche blieb im Dorf und folgte nur zögernd. Seit Langem herrschen in den Favelas die neuen Sekten in Hütten und Bethallen, ihre Prediger kommen direkt aus dem Volk, sprechen dessen Sprache. Wozu auch ein Profi-Priester, wenn doch in der Bibel steht, dass jedermann direkt mit dem Heiligen Geist kommunizieren kann? Wenn das Wachstum dieser neuen Kirchen weiter so anhält, dürfte jedenfalls schon in zehn Jahren die Mehrheit der Brasilianer nicht mehr katholisch sein.

Auf einen Blick

In Brasilien sind rund 136 der 195 Millionen Einwohner Katholiken, hier leben mehr Katholiken als in jedem anderen Land, dahinter folgen Mexiko (ca. 95 Mio.) und die Philippinen (75 Mio.). Zweitstärkste religiöse Gruppe in Brasilien ist die der Protestanten, die sich aber in viele Fraktionen aufspaltet, wobei speziell Pfingst- und Freikirchen seit Jahren durch Übertritte von
(Ex-)Katholiken stark wachsen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2012)

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48 Kommentare
 
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Gast: Bandobras
17.05.2012 15:09
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Religiöse Kulte ...

... waren schon immer Bestandteil der brasilianischen Kultur. Von daher dürfte man gegen neu aufkommende (evangelikalen) Sekten im Grunde nichts einzuwenden haben. Wenn es da nicht ein Problem gäbe: Anders als die katholische Kirche, die zum Beispiel afrikanische Kulte "adaptiert" und sogar teilweise "integriert" hat, vertreten die Evangelikalen eine wesentlich intolerantere Haltung gegenüber kulturgeschichtlich gewachsenen Riten. Sollten diese Bewegungen weiterhin Wachstum verzeichnen, so steht Brasilien eine Verarmung seiner kulturellen Vielfalt bevor.

Gast: Schalki
09.05.2012 09:54
0 0

Aber diesmal ganz ernst:

Wenn ihr, liebe Leser, all das wüsstet, was ich über die RKK weiß, dann würde es euch auch mit Sicherheit alle Haare aufstellen.
Seit Kenntnisnahme all dieser schrecklichen Fakten, sehe ich mich selbst NUR MEHR ÜBERKONFESSIONELL.
Ganz ohne Religion kommt man (oder/und ich zumindest) aber auch nicht aus. Gewisse seelisch-geistige Reinigungen braucht in unserem grauen, gnadenlosen Alltag à la longue jeder!
Köszi! And arrivederci!

Antworten Gast: Schalki
09.05.2012 10:19
0 0

PS:


Ps 57,7 Sie haben meinen Schritten ein Netz gelegt / und meine Seele gebeugt. Sie haben mir eine Grube gegraben; / doch fielen sie selbst hinein.

shit happens - selber schuld!

Gast: Empowerment
08.05.2012 16:14
0 5

Starke katholische Re-Evangelisation in Brasilien

Es scheint, die vor Lebensfreude überschäumenden, pragmatiscvhen und daher undogmatischen Brasilianer haben sich durch ihre tlw. negativen Sektenerfahrungen zwischenzeitlich selbstbewußt aus der zu strengen Bevormundung Roms emanzipiert und ihren eigenen Ausdrucksstil für ihren Glauben gefunden. Die von der Expressivität ihrer Gläubigen überwältigten katholischen Priester können da nurmehr als Moderatoren mittun. Als Europäer kann man über die Lebendigkeit der katholischen Kirche Brasiliens nur stauen:

http://www.youtube.com/watch?v=QybyyBTzWcI Challenges & Hope

http://www.youtube.com/watch?v=Yh3atEv9mI0 Brasilien = Frühling der katholischen Kirche

http://www.youtube.com/watch?v=uVXeL2l1eS0 Bischof Erwin Kräutler genannt „Dom Erwin“ als Anwalt der Armen=Indios gegen Regenwaldzerstörung durch Riesenstaudamm

http://www.youtube.com/watch?v=n4geXFI8bpg Katholische Charismatische Bewegung in Brasilien: „Hosana Brasil“ mit Padre Leo (die Brasilianer haben Musik im Blut)

http://pt.wikipedia.org/wiki/Can%C3%A7%C3%A3o_Nova

http://www.youtube.com/watch?v=jQoM4xCl2Ng

http://www.youtube.com/watch?v=OcUFlSizLqk konträr zur expressiven Lebensfreude langweilt die übliche Litanei des Vatikans…

Seit einigen Jahren ist in Brasilien in Wahrheit das Gegenteil dessen im Gange, was der obige Artikel versucht darzustellen. Es spielt sich dort gerade eine kräftige Re-Katholisierung ab, jedoch in einer für Europäer ungewohnten Weise: eine selbstbewußter brasilian.Katholizismus!


Gast: N_K
08.05.2012 14:10
0 0

ERWACHET !

"Brasilien löst sich von Rom"

Auf dem Titelblatt der religösen (Werbe-) Zeitschrift einer Glaubensgemeinschaft habe ich schon oft im Vorbeigehen das Wort "ERWACHET!" gelesen.

Insbesondere bei den Kurienköpfen wäre vielleicht eine gleichlautende Erweiterung des täglichen Breviers als Pflichtübung angezeigt.
"Kastanienballett", "Leichensynode", "Banco Ambrosiano" und ähnliche "Schmankerln" sind Gift für "Weiße Westen" ...

Gast: Heiliger Geist statt Kirchen-Machiavelli
08.05.2012 13:13
1 1

Längst gibt es eine starke Gegen-Reformation in Brasilien

In Brasilien gibt es inzwischen eine überaus erfolgreiche katholische (!) Charismatische (Gegen-)Bewegung:

http://de.wikipedia.org/wiki/Marcelo_Rossi

http://www.youtube.com/watch?v=Hstj9F3s8ls katholischer Priester als charismatischer Superstar vor einem Auditorium von 2,4 Millionen begeistert singenden und tanzenden Gläubigen (die göttliche Macht der Musik)

http://www.youtube.com/watch?NR=1&v=90WoJ4hhafo Inszenierung emotionaler Glaubensfeste, Vermittlung von Geborgenheit innerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen

http://www.youtube.com/watch?v=NCytR98Egq8&feature=related

Padre Fábio de Melo, SCJ:

http://pt.wikipedia.org/wiki/F%C3%A1bio_de_Melo

http://www.youtube.com/watch?v=vpeYRIX8fMs

http://www.youtube.com/watch?v=dF3gYKMcGCw

http://www.youtube.com/watch?v=S5FFzXhAJVs

http://www.youtube.com/watch?v=xuzZVD5YbSw Leonardo Boff, die die Massen nicht anziehende intellektuelle Variante (Befreiungstheologie)

Wie bei uns polarisiert auch dort die katholische Kirche:

Der ideenlos-starren eurozentrischen und damit kaum inkulturierten Traditionskirche laufen die Gläubigen davon, während sich die charismatische Volkskirche über den regen Zulauf der Mühseligen und Beladenen aller Gesellschaftsschichten freuen darf.

Wenn der Papst wüßte, was in Brasilien seine engagiertesten Priester treiben, ihn würde der Schlag treffen...


Gast: W schneider
08.05.2012 10:32
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Wenn Religion Opium fürs Volk ist,

..dann ist Marxismus das Heroin der Intellektuellen.

Antworten Gast: Opiumsüchtler
08.05.2012 12:29
2 0

Re: Wenn Religion Opium fürs Volk ist,

Im Artikel wird Marx (was sonst selten ist)richtig zitiert mit "Religion ist das Opium des Volkes".
Marx will damit nicht die Religion diffamieren, was ihm immer unterstellt wird, sondern darauf aufmerksam machen, dass mit Hilfe der Religion das Volk ruhig gestellt wird. Das hat bei Marx eine ähnliche Bedeutung wie "Brot und Spiele" (Panem et Circenses) im alten Rom.

Antworten Antworten Gast: Su Nuraxi
08.05.2012 20:03
2 0

Re: Re: Schon ein Schritt in die richtige Richtung,

aber noch immer korrekturbedürftig. Marx meinte nicht, dass das Volk mit Hilfe der Religion (von den Herrschenden) ruhiggestellt wurde. Er meinte, dass sich das Volk das Opium selbst verabreichte, um die Zustände, unter denen es lebte, ertragen zu können, als Schmerzmittel sozusagen. (Nicht vergessen: Aspirin war damals noch ungekannt, und Opium wurde als wichtiges schmerzstillendes Medikament verwendet - als zerstörerisches Suchtgift wurde es erst viel später erkannt.) Erst Lenin verfälschte Marx und machte die Religion zum "Opium FÜR das Volk", in dem Sinne, dass er unterstellte, das "Opium" würde dem Volk bewusst von den Herrschenden verabreicht, um es ruhig zu stellen.

Gast: Walsern
08.05.2012 09:50
0 0

Pyramidengeschäfte oder ökonomische Befreiungstheologie

scheinen, wie alles auf der Welt mehr Zulauf zu haben, anderseits, wer kann es ihnen verdenken, wenn sie lieber, um aus den Favelas herauszukommen bzw. zu überleben, den Geldgeschäftsversprechungen nachlaufen. Zudem war und ist es gerade in Teilen der afrobrasilianischen Bevölkerung immer ein Synkretismus mit der eigenen Naturreligion gewesen.

Würden sie Geld oder Versprechungen von anderer Seite erhalten, laufen sie dorthin. War bei uns ja nicht anders in Notzeiten, als die Kommunisten auf der Jesuitenwiese etwas ausgegeben haben, gab es dort auch einen Auflauf.

Im Übrigen heisst es schon in der Bibel, dass Spaltungen sein müssen, aufdass die Wahrheit zutage tritt.


das schicksal praktisch jeder großen religion ist es,

eine religion für die armen zu sein. solange die wirtschaftliche oder persönliche existenz eines menschen gefährdet ist, ist er 'gläubig'.

doch sobald diese unmittelbare gefahr nicht besteht, wendet sich der mensch gott konsum zu und schließt sich dieser weltweit größten glaubensgemeinde an. sein glaubensgrundsatz lautet nunmehr: du sollst keinen anderen gott anbeten und dein glück im hedonismus finden!

Antworten Gast: Kibietz
08.05.2012 09:41
1 0

Ja wirklich? Sie glaubens?

Sie glauben, dass Papst, Kardinäle und Bischöfe allesamt in bitterster wirtschaftlicher Not sind?
Und die Monarchen dieser Welt auch?

Kapperl aufsetzen ist wirklich nicht schlecht, guter Freund!

Re: Ja wirklich? Sie glaubens?

in meinem beitrag habe ich bezug genommen auf die gläubigen, nicht auf die funktionäre.
diese betreffend stellt sich doch eh die frage: "seit wann ist denn der papst katholisch?"

Antworten Antworten Antworten Gast: billynoel
08.05.2012 10:46
0 0

bist ja ein ganz lustiger, kannst dich bewerben

beim ORF, die suchen SitDown Comedians

Die Meisten Katholiken leben woanders aber

der Papst kommt immer aus Europa! Ist es richtig so?

Antworten Gast: erwolin
08.05.2012 09:37
0 0

Was hat die Herkunft des Papstes damit zu tun,

wo die meisten leben? Im Gegenzug könnte man die Behauptung aufstellen, war doch bisher eine sehr erfolgreiche Geschichte, wenn Päpste aus Europa kommen, wenn dafür andernorts die Zahl der Katholiken zunimmt und sogar mehr werden als in Europa selbst!

Gast: C Gü
08.05.2012 08:22
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Gute Entwicklung!!

Endlich schrumpft sich die Kirche wieder gesund! Danke lieber Papst. Die Kirche möchte keine möglichst hohe Quantität sondern die Qualität muss stimmen. Also alles ok und nur weiter so!!

Gast: einfacher Christenmensch
08.05.2012 07:39
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Joseph Ratzinger ruiniert die katholische Kirche!


Antworten Gast: Sierrato
08.05.2012 09:57
0 1

Joseph Ratzinger einer der wenigen, die noch den

Glauben Jesu lehren und die Kirche nicht zu einer Seitenblicke und Seitensprünge-Eventgesellschaft mit sozialen Feigenblättern umfunktioniert.

Antworten Antworten Gast: Klarheit Wahrheit
08.05.2012 15:04
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Re: Joseph Ratzinger einer der wenigen, die noch den

http://vho.org/D/Geheim1/11g.htm

Das ist doch wunderbar, oder?

Also, die Mehrheit der Menschheit stört das kein bißchen.

Ist doch gut so, oder?

Seitdem es Krenn und Groer bei uns nicht mehr gibt, ist der Niedergang leider eh leicht abgebremst.

noch 2-4 Ratzingers, und der Vatikan steht zum Verkauf.

Gast: einfacher Christenmensch
08.05.2012 07:39
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Johannes Paul II. dachte über einen Rücktritt nach. Benedikt XVI. sollte es tun!


Re: Johannes Paul II. dachte über einen Rücktritt nach. Benedikt XVI. sollte es tun!

noch ist kein Papst zurückgetreten, so mancher wurde zurückgetreten mit hilfe von Gift.

Antworten Gast: qwertzy
08.05.2012 10:00
0 0

Benedikt würde es auch tun, wenn er dazu nicht

mehr in der Lage wäre!

 
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