Brasilien löst sich von Rom

Noch ist Brasilien mit ca. 136 Millionen Katholiken das stärkste Standbein von Papst Benedikt XVI. Allerdings hält eine starke Abwanderungswelle an - hin zu evangelikalen Pfingstkirchen und Erweckungssekten.

Brasilien loest sich
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Brasilien loest sich
(c) EPA (JOE PARKER / BREITLING HANDOUT)

Religion ist das „Opium des Volkes“ und „Seufzer der bedrängten Kreatur“, hat schon Karl Marx geschrieben. Was er damals, 1844, nicht so genau beschrieben hat, ist, wie man mit Religion Geschäfte macht. Da hilft in Brasilien das private „Seminar für Theologie“ (Centro de Formação Ministerial, Cefom). Laien können hier in einem 90-Tage-Schnellkurs lernen, wie man erfolgreicher „Glaubensmanager“ wird, quasi Religionsstifter mit eigenem Tempel.

„Die Kirche ist ein Unternehmen. Eines, das schwer zu führen ist, und dessen Aktien die Frömmigkeit sind.“ Das ist ein Kernsatz aus dem Kurs für Pastoren, die heute mit einer eigenen Kirchengründung Erfolg anstreben. Profitmaximierung, Marktanalyse, Marketing sind Vokabeln, die das selbsternannte Theologieinstitut in Rio de Janeiro predigt, nicht etwa Bibelexegese.

 

Gott garantiert goldene Zukunft

Der Glaube spielt indes nur eine Rolle als Marke: Ziel ist, nach drei Monaten einen pseudochristlichen Prediger zu kreieren, der es schafft, alle 90 Tage die Schar seiner Anhänger zu verdoppeln und die Spenden zu verdreifachen.

Man lernt, sich dafür eine Gegend auszusuchen, in der wenige Gotteshäuser stehen und viele Menschen einen „Hirten“ brauchen. Bei Armen punkte man mit Wunderheilungen und Taschenspielertricks. Hinterher sollte man um so strenger damit sein, den „Zehent“ zu verlangen, im Namen Gottes. Der Kurs ist nicht billig, rund 200 Euro im Monat, doch Absolventen garantiere Gott eine goldene Zukunft. Cefom bietet auch Seminare an, in denen man Diplome wie „Doktor des Heiligen Geistes“ bekommt, die mit umgerechnet 500 Euro teurer ausfallen. Dafür sind die rechtlichen Hinweise, wie man mit einer Kirchengründung zu Subventionen oder Steuererleichterungen kommt, auch Gold wert. Hinter dem Rücken des Christus auf dem Corcovado-Berg von Rio, zwischen Müllbergen und Kanälen, wächst die Schar der Gläubigen. Es sind keine Katholiken mehr, ihre Kirchen sind Baracken wie alle Häuser hier. Doch die Armut wird durch Gebete wettgemacht.

Evangelikale Pfingstkirchen und Erweckungssekten breiten sich in Brasilien so schnell aus wie die Elendsviertel. Dabei hat Brasilien, wo fast 70 Prozent der gut 195 Millionen Einwohner Katholiken sind, die größte römisch-katholische Landeskirche. Doch während der Erzbischof von Rio in drei Jahren nur eine neue Kapelle weihte, entstanden in dieser Zeit 673 evangelikale Kirchen. Ihre Prediger fragen nicht nach dem Gebetbuch, nur Hingabe zählt. Den Heiligen Geist beschwören sie nicht durch lateinische Litanei, sondern durch inbrünstige Lieder und Gebete.

Der emotionale Rausch und die religiöse Intimität unterscheiden die Pfingstgemeinden vom starren Ritus der Hochkirchen. Vor allem aber leben die Laienprediger unter den Ärmsten und teilen ihr Brot. Wann kommt schon ein Priester in die Favelas? Die katholische Kirche hat sich trotz der „Befreiungstheologen“ in ihr Ghetto zurückgezogen, zur Taufe und Hochzeit tritt man noch vor den Altar, aber sonst wirkt sie vor allem bei den Armen so weltfremd und unverständlich, dass diese in Massen zu den Freikirchen wechseln. Die Landflucht ist eine Mitursache für die Ablösung von Rom.

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Die Kirche blieb im Dorf

Die Menschen wanderten in die Städte, vor allem deren arme Vorstädte, doch die Kirche blieb im Dorf und folgte nur zögernd. Seit Langem herrschen in den Favelas die neuen Sekten in Hütten und Bethallen, ihre Prediger kommen direkt aus dem Volk, sprechen dessen Sprache. Wozu auch ein Profi-Priester, wenn doch in der Bibel steht, dass jedermann direkt mit dem Heiligen Geist kommunizieren kann? Wenn das Wachstum dieser neuen Kirchen weiter so anhält, dürfte jedenfalls schon in zehn Jahren die Mehrheit der Brasilianer nicht mehr katholisch sein.

Auf einen Blick

In Brasilien sind rund 136 der 195 Millionen Einwohner Katholiken, hier leben mehr Katholiken als in jedem anderen Land, dahinter folgen Mexiko (ca. 95 Mio.) und die Philippinen (75 Mio.). Zweitstärkste religiöse Gruppe in Brasilien ist die der Protestanten, die sich aber in viele Fraktionen aufspaltet, wobei speziell Pfingst- und Freikirchen seit Jahren durch Übertritte von
(Ex-)Katholiken stark wachsen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2012)

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