Wohl kein anderes geistliches Oberhaupt hat eine so große Zahl internationaler Anhänger wie ein gewisser Jetsun Jamphel Ngawang Lobsang Yeshe Tenzin Gyatso. Besser bekannt als: der 14. Dalai-Lama.
Der Friedensnobelpreisträger, Autor Dutzender Lebensratgeber und scheinbar unermüdliche Kämpfer für die Freiheit seines Landes, Tibet, genießt bei vielen seiner Verehrer schon beinahe ikonenhaften Status. Und obwohl er seine Heimat bereits 1959 verlassen hat, ist sein Einfluss dort ungebrochen. Peking beißt sich an dem charismatischen religiösen Führer noch immer die Zähne aus.
Mit einer Entscheidung hat der Dalai-Lama vor rund einem Jahr die Tibeter jedoch in größte Aufregung versetzt: Wie jedes Jahr, hielt er am 10.März, dem Jahrestag des Beginns des Aufstandes gegen die chinesische Besatzung anno 1959, eine Ansprache. Erst an deren Ende kam die überraschende Ankündigung: „Die Tibeter brauchen einen Anführer, der frei vom tibetischen Volk gewählt ist und an den ich meine Macht übertragen kann. Nun haben wir eindeutig den Zeitpunkt erreicht, um das in die Tat umzusetzen.“ Er werde das Exil-Parlament, das in Kürze zu einer Sitzung zusammentrete, darum bitten, die Verfassung zu ändern und seine Rolle als Staatsoberhaupt abgeben. An seiner religiösen Führungsrolle hat sich dadurch aber nichts geändert.
Der Hitler-Vergleich. Die jahrzehntelangen Versuche der chinesischen Behörden, den Dalai-Lama in Verruf zu bringen, werden indes immer bizarrer. Vor wenigen Wochen übertraf die von der Regierung betriebene Webseite „Tibet Online“ alles bisher Dagewesene: Sie verglich den Dalai-Lama mit Hitler und seine Kritik an der massenhaften Ansiedlung von Han-Chinesen in Tibet mit der Judenpolitik der Nazis. „Die Reden des Dalai Lama können die Leute nur an die fanatischen Nazis während des Zweiten Weltkrieges erinnern“, besagte der Kommentar. Die Forderung des Dalai-Lama nach einer kulturellen Autonomie für Tibet innerhalb Chinas, in der die angestrebte Lokalregierung auch Einfluss auf den Zuzug von Nicht-Tibetern haben soll, verglich man mit „Hitlers Säuberungen der Juden in dieser Zeit“. Auch die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua hatte den Bericht veröffentlicht, ihn aber später von ihrer Website gelöscht.
Der seltsame Aussetzer hat einen Grund: China ist wegen der Entwicklungen in Tibet sehr nervös. Vor gut einem Jahr begann eine Welle von Selbstverbrennungen in der Region, mehr als 30 Tibeter, meist junge Mönche, zündeten sich öffentlich an. Ihr Vorbild war vermutlich die Selbstverbrennung eines jungen Tunesiers Ende 2010, der damit die Revolutionswelle im arabischen Raum in Gang gesetzt hatte.
Nordkorea ist offener. Daher reagiert Peking mit großer Härte. Die Behörden haben erklärt, bei den Tibetern, die sich anzündeten, handle es sich um Terroristen, die Region wurde weitgehend abgeriegelt. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ erklärte, die internationale Presse habe größeren Zugang zu Nordkorea als zu Tibet.
Die Repressionen machen sich auch an der Zahl der Tibeter bemerkbar, die nach Indien fliehen. Waren es jahrzehntelang rund 3000 Menschen pro Jahr, die die lebensgefährliche Reise durch den Himalaja wagten, kamen in den vergangenen zwölf Monaten nur rund 1000 an. Diese berichten von einer immensen Präsenz an Sicherheitskräften und massenhaften Verbrennungen verbotener Bücher.
Das Ziel der meisten Flüchtlinge ist Dharamsala im Norden Indiens. Der verschlafene, auf etwa 2000 Höhenmetern gelegene Ort im Vorgebirge des Himalaja beherbergt seit der Flucht des Dalai-Lama 1959 viele der 100.000 Exiltibeter in Indien. Seit 1960 ist Dharamsala auch Sitz der tibetischen Exilregierung. Vor allem aber befindet sich dort die Residenz des Dalai-Lama.
Zeitkapseln für die Volkskultur. Oberstes Ziel ist dort der Erhalt der tibetischen Kultur. Es gibt ein zigtausende Schriften umfassendes Archiv. Mehrere Berufsschulen sollen verhindern, dass alte Handwerkskünste verloren gehen. Eine Schule widmet sich Musik und Theater. Mehrere exiltibetische Organisationen haben hier ihren Sitz, darunter der Tibetische Jugendkongress, den China als „Terrororganisation“ bezeichnet. Die große Zahl an jungen Exiltibetern, die in solchen Organisationen aktiv sind, zeigt, wie stark auch die dritte Generation von Exiltibetern noch immer politisiert ist.
Dharamsala ist aber auch ein Mekka für Esoteriker aus aller Welt. Das ganze Jahr über sind tausende Besucher im Ort, sie versuchen, einen Platz an den Massenaudienzen des Dala-Lama zu erwischen, nehmen an buddhistischen Schulungen teil, nehmen Yoga-Kurse oder helfen bei einer der vielen Organisationen als Freiwillige.
Von den Schattenseiten, die sich in einer Flüchtlingsgemeinschaft zwangsläufig ergeben, bekommen diese Tibet-Fans nur wenig mit. Häufig brodelt es zwischen den Alteingesessenen und den Neulingen. Viele Alte stören sich an den „groben Umgangsformen“ der Neuankömmlinge, viele von ihnen sprächen fließend Mandarin, aber kaum Tibetisch, heißt es. Allgegenwärtig ist die Angst vor Spionen, die im Auftrag der Chinesen kommen, um die exiltibetische Gemeinde zu unterwandern und Interna auszukundschaften.
Von wegen Paradies. Hinter diesen Reibereien verbirgt sich noch eine Tatsache, die sich viele ausländische Dalai-Lama-Fans selten bewusst machen: Ein Großteil der Flüchtlinge, die Tibet frühzeitig verließen, gehörte der alten Oberschicht an. Vor allem sie hatten Repressionen durch die Besatzer zu befürchten, denn Tibet war vor der Besetzung durch die Volksbefreiungsarmee 1950 keinesfalls das friedliche buddhistische Shangri-La in den Bergen, das sich Esoterik-Fans so vorstellen. Es war ein theokratischer Feudalstaat, in dem rechtlose Bauern (viele von ihnen als Leibeigene) einem allmächtigen klerikalen Adel unterworfen waren. Buddhistische Sekten führten über Jahrhunderte Kriege um die Vorherrschaft in der Region. Hinter vorgehaltener Hand räumt ein Exiltibeter in Dharamsala ein: Hier leben vor allem Vertreter und Nachkommen der damaligen Elite. Den Bauern gehe es unter den Chinesen deutlich besser als zu Zeiten der Feudalherrschaft.
Was aber nichts an den Repressionen ändert, mit der auch die Vertreter Pekings über Tibet herrschen. Und die Dalai-Lama-Fans im Westen dürften solche Details kaum von der Verehrung ihres pazifistischen Idols abhalten.
6.Juli 1935
Der Dalai-Lama wird als Sohn einer Bauernfamilie im Dorf Taktser in Osttibet geboren. Im Alter von zwei Jahren erkennen Mönche in ihm die Reinkarnation des
13. Dalai-Lama.
22.Februar 1940
Inthronisation als 14. Dalai-Lama, sein Mönchsname lautet Tenzin Gyatso.
1948
freundet sich der junge Dalai-Lama mit dem Kärntner Bergsteiger Heinrich Harrer an, der sein Lehrer wird.Harrer begleitet den jungen Dalai- Lama noch bis 1951.
17.März 1959
Flucht während des Aufstands gegen die Vorherrschaft Chinas ins indische Exil Dharamsala, das bis heute sein Sitz ist.
Ab 1959
Oberhaupt der tibetischen Exilregierung.
10.Dezember 1989
Der Dalai-Lama erhält in Oslo den Friedensnobelpreis.
April 2011
Rückzug aus der Politik. Der im indischen Exil geborene Jurist Lobsang Sangay wird zum Premier der tibetischen Exilregierung gewählt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2012)
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