Unfromme Schlammschlachten im heiligen Staat

30.05.2012 | 18:07 |  von unserer Korrespondentin KORDULADOERFLER (ROM) (Die Presse)

Es gärt im Vatikan, seit immer mehr „exklusive Informationen“ an die Öffentlichkeit dringen. Nun musste sich der Papst selbst zu Wort melden. Ein Sittenbild aus dem kleinsten Staat der Welt.

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Nun läuft sie wieder auf Hochtouren, jene gut geölte Maschinerie in und um den kleinsten Staat der Welt. Niemand weiß Genaues, es wird getuschelt, spekuliert und intrigiert im Vatikan – und ganz nebenbei werden die Medien tagtäglich mit „exklusiven Informationen“ aus dem Innersten der Macht gefüttert, gern von anonymen Quellen. Gute Zeiten für die „Vaticanisti“, jene sehr spezielle Sorte von Journalisten, die über den Vatikan berichten, und, wie einst das Pressecorps im Kreml, die diffizile Kunst des Kaffeesatzlesens beherrschen müssen.

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Gestern, Mittwoch, musste sich nun auch der Papst zur „VatiLeaks“-Affäre zu Wort melden. Die an die Öffentlichkeit gelangten Dokumente zeichneten „ein Bild vom Heiligen Stuhl, das nicht der Wirklichkeit entspricht“, sagte Benedikt vor Pilgern bei seiner wöchentlichen Generalaudienz. Die jüngsten Ereignisse hätten ihn sehr traurig gemacht.

 

Kammerdiener sitzt in Haft

Tatsache ist bisher: Seit Monaten gelangen aus dem Vatikan vertrauliche Dokumente an die Öffentlichkeit, darunter Briefe an den Papst, Protokolle von Audienzen und brisante Dossiers bis hin zu einem angeblichen Mordkomplott gegen den Papst. Der hat eine interne Untersuchung angeordnet, um die undichte Stelle zu finden, drei Kardinäle ermitteln. Ihre Arbeit trägt einen ersten Erfolg, der Kammerdiener des Papstes, der 46-jährige dreifache Familienvater Paolo Gabriele, sitzt in vatikanischem Arrest, weil in seiner Wohnung vier Kisten mit Dokumenten gefunden wurden. Gegen ihn wird wegen „schweren Diebstahls“ ermittelt.

Tatsache ist auch, dass der Enthüllungsjournalist Gianluigi Nuzzi im Besitz solcher Dokumente ist, er hat sie gerade in Buchform unter dem Titel „Sua Santità“ („Seine Heiligkeit“) veröffentlicht. Und Tatsache ist auch, dass praktisch zeitgleich der erst vor drei Jahren berufene Chef der Vatikanbank, Ettore Gotti Tedeschi, seines Amtes enthoben wurde. So weit die Fakten.

Von hier an betritt man das große Reich der Spekulation, das den Vatikan seit Jahrhunderten umgibt. Der kleinste Staat der Welt funktioniert bis heute nach sehr eigenen Gesetzen. Er ist einer der letzten absolutistischen Monarchien, sein völkerrechtlicher Chef ist zugleich das geistliche Oberhaupt der Katholiken. Gewählt wird der Papst in einer streng von der Außenwelt abgeschotteten Versammlung der Kardinäle, dem Konklave. Ansonsten geht es nicht sehr demokratisch zu am Heiligen Stuhl, und auch seine Informationspolitik ist geprägt von langsamen, vordemokratischen Ritualen. Mächtigster Mann nach dem Papst ist der Kardinalsstaatssekretär, der „Ministerpräsident“ des Vatikans. Seit dem Jahr 2006 bekleidet dieses Amt Tarcisio Bertone, der heute 77-jährige Kardinal gehört zum Orden der Salesianer und galt lange Zeit als enger Vertrauter von Benedikt XVI.

 

Wer intrigiert gegen wen?

Um Bertone kreist derzeit die Affäre „VatiLeaks“. Es ist nicht sehr plausibel, dass ausgerechnet der dem Papst treu ergebene Kammerdiener Gabriele aus freien Stücken gehandelt hat oder gar der Kopf einer Verschwörung ist. Nicht wenige in Rom glauben, dass hinter ihm weitaus mächtigere Kirchenfürsten stehen, mithin eine veritable Palastintrige im Gang ist.

Nur, wer intrigiert gegen wen? Ist Bertone das Ziel? Werden bereits die Weichen gestellt für das nächste Konklave? Der Kardinal aus dem Piemont ist ein mächtiger und gefürchteter Mann, und er hat viele ebenfalls mächtige Feinde, die schon lange auf seine Ablösung drängen. Schon bei seiner Berufung rumorte es in der Fraktion um seinen Vorgänger, Kardinal Angelo Sodano, die seither einen erbitterten Machtkampf führt.

Bertone wurde zweifelsohne ausgewählt, weil er theologisch das Vertrauen des Papstes genoss. Bewährt hat er sich aber auch als Sekretär der Glaubenskongregation – ihr Chef war der damalige Kardinal Joseph Ratzinger. Das ist jene Institution, die auch für die Aufklärung von sexuellem Missbrauch zuständig ist. Bertone steht unter dem Verdacht, in einem besonders gravierenden Fall in den USA alles dafür getan zu haben, dass er vertuscht wurde. Über diplomatische Erfahrung wie Sodano oder gar politisches Geschick aber verfügt Bertone nicht. Seine Feinde halten ihn schlicht für einen „Dummkopf“. Als Bertone vor zwei Jahren das Rentenalter erreicht hatte, legten einige Kardinäle dem Papst nahe, ihn in Pension zu schicken. Benedikt lehnte ab.

Dabei hatte sich Bertones Ernennung längst als folgenschwerer Fehler für den Papst erwiesen, zumal es auch ihm selbst oft an politischem Gespür mangelt. Unter Bertones Führung hat sich jedenfalls an den barocken Gepflogenheiten der Kurie nichts geändert, im Gegenteil, die unfrommen Schlammschlachten haben in den letzten Jahren zugenommen.

 

„Ein mittelalterlicher Hofstaat“

Bis heute sei der Vatikan „ein mittelalterlicher Hofstaat“ geblieben, kritisiert der Theologe Hans Küng jetzt in einem Interview mit der italienischen Zeitung „La Repubblica“. Für ihn steht außer Frage, dass es in der Affäre um weit mehr geht als um ein paar Indiskretionen. Er hält sie symptomatisch für die tiefe Krise des Systems – und die Führungsschwäche des Papstes. Dessen Sprecher, Pater Federico Lombardi, weist solcherart Kritik zurück: „Er ist sich der heiklen Situation bewusst.“

Derweil sitzt Paolo Gabriele bis auf Weiteres in seiner „Sicherheitskammer“, er soll vor einem vatikanischen Gericht aussagen. Die Ermittlungen gehen weiter, fünf Kardinäle sollen befragt worden sein – nicht etwa verhört. Genaues weiß man nicht. Auch die vatikanische Justiz arbeitet nach ihren eigenen Gesetzen, streng im Verborgenen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2012)

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28 Kommentare
 
12

Spiele alter Männer

solange es die Schafe finanzieren ...

14 0

@ „„Vaticanisti“, jene sehr spezielle Sorte von Journalisten, die über den Vatikan berichten, und, wie einst das Pressecorps im Kreml“






der Vergleich ist treffend…






Antworten Gast: smilodon
31.05.2012 21:05
0 0

Diesmal richtig

Da wie dort nur Kaffeesudlesen und Astrologie. Die Ergebnisse werden dann als Wahrheit verkauft.

14 0

@ „Gestern, Mittwoch, musste sich nun auch der Papst zur „VatiLeaks“-Affäre zu Wort melden“






und das nur 3 Tage nach der Festnahme eines Verdächtigen – als die Missbrauchsfälle bekannt wurden mussten die Opfer Monate auf ein Wort des Pontifex warten…






Antworten Gast: smilodon
31.05.2012 21:02
0 5

Falsch

Er hat sich andauernd geäußert. Es ist aber entweder von den Medien nicht zur Kenntnis genommen worden, damit man weiter behaupten kann, er äußert sich nicht (intelligentere Journalisten), oder man hat sogar kurz über eine Äußerung berichtet, um dann 2 Tage später zu behaupten, er äußert sich nicht (weniger intilligente Journalisten).

14 0

@ „…wer intrigiert gegen wen? Ist Bertone das Ziel? Werden bereits die Weichen gestellt für das nächste Konklave? Der Kardinal aus dem Piemont ist ein mächtiger und gefürchteter Mann, und er hat viele ebenfalls mächtige Feinde, die schon lange auf seine Ablösung drängen. Schon bei seiner Berufung rumorte es in der Fraktion um seinen Vorgänger, Kardinal Angelo Sodano, die seither einen erbitterten Machtkampf führt…“






wir haben keine Glaubenskrise – wir haben eine Kirchenführungskrise…






Antworten Gast: smilodon
31.05.2012 21:03
0 4

"wir haben eine Kirchenführungskrise"

Toll! Kyniker wünscht sich einen autoritär regierenden Papst!

Gast: Sala Clementina
31.05.2012 07:32
0 0

von unserer Korrespondentin KORDULA DOERFLER

Papstsprecher Lombardi gegenüber einer Gruppe österreichischer Journalisten: „Unter Ihren Journalisten gibt es wunderbare Leute, ich habe jedoch auch sehr dumme gefunden.....

Gast: wer zensuriert hier eigentlich?
31.05.2012 07:31
9 0

Was ist los in der Presse?

Ich habe gestern drei kritische Kommentare im Bezug auf die Vorgänge im Vatikan gesendet, die nicht gegen die Forenregeln verstoßen haben. Leider ist kein einziger frei geschalten worden.

Was ist los in der Presse?

Gast: Denkanstoß
30.05.2012 19:50
20 0

der erst vor drei Jahren berufene Chef der Vatikanbank, Ettore Gotti Tedeschi

war vom Opus Dei…

Antworten Gast: gscheiterlsucher
30.05.2012 22:23
1 7

Re: der erst vor drei Jahren berufene Chef der Vatikanbank, Ettore Gotti Tedeschi

und was, sie schlauli, wollen sie damit sagen ...

Antworten Antworten Gast: Requerimiento
31.05.2012 08:53
14 0

Re: Re: der erst vor drei Jahren berufene Chef der Vatikanbank, Ettore Gotti Tedeschi

Die Kampftruppe Opus Dei, ein erzkonservativer Geheimbund, einer mächtigsten und reichsten Global Player in der katholischen Kirche, in 56 Staaten und ca. 86.000 Mitgliedern in 90 Ländern, 30.000 davon in Spanien, ist eine der umstrittensten katholischen Organisationen. Wojtyla sah in ihr eine Bewegung zur Rettung der Katholen, gottgewollt natürlich. Andere wiederum meinen sie schade der Kirche wegen ihrer skandalösen Methoden: Geheimniskrämerei, rigide, dubiose Werbemethoden, Nähe zum Faschismus (die Freundschaft Escrivás mit Franco), undurchschaubares Geschäftsgebaren von Mitgliedern des Gotteswerkes, welches im spanischen Ursprungsland auch "Santa Mafia" genannt wird. An der Macht dieses Weltunternehmens kann kein Papst mehr vorbeiregieren, so what? Passt eh alles Superschlaui.

Antworten Antworten Antworten Gast: Koh-i-noor
31.05.2012 15:34
1 4

Re: Re: Re: der erst vor drei Jahren berufene Chef der Vatikanbank, Ettore Gotti Tedeschi

Na ja, so geheim kann der Bund nicht sein.

Antworten Antworten Antworten Gast: Su Nuraxi
31.05.2012 13:01
0 4

Re: Re: Re: der erst vor drei Jahren berufene Chef der Vatikanbank, Ettore Gotti Tedeschi

Sie haben aber schon registriert, dass der Typ von seinem Job an der Vatikanbank abgesetzt worden ist?

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Su Nuraxi
31.05.2012 21:07
0 2

Ha!

Mindestens 4 Leute haben bis jetzt noch nicht mitgekriegt, dass Gotti Tedeschi weg ist. Und weil sie meinen, er ist noch der Chef, haben sie halt rot gestrichelt.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Achso?
31.05.2012 21:05
6 0

Re: Re: Re: Re: der erst vor drei Jahren berufene Chef der Vatikanbank, Ettore Gotti Tedeschi


Sie haben aber schon registriert, dass genau dieser Typ seinen Job von Benedikt XVI. bekommen hat?

http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/577978



Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Su Nuraxi
31.05.2012 23:24
0 0

Sie haben sich noch nie geirrt?

Dann haben sie wahrscheinlich auch noch nie einen Fehler, den sie niemals nicht, wie denn auch, gemacht haben, korrigiert.

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Achso?
01.06.2012 07:39
0 0

Re: Sie haben sich noch nie geirrt?


Wenn´s nur ein Fehler wäre… Leider treten die Fehler ziemlich häufig auf, weil seine Heiligkeit ein gutes Händchen für krude erzkonservative Typen (von den Bischofsernennungen bis eben zu den Bankern) hat…


Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Hääääh?
01.06.2012 12:52
0 0

Re: Re: Sie haben sich noch nie geirrt?

Was ist der Unterschied zwischen einem "erzkonservativen" Banker und einem - naja - "erzprogressiven"?

Gast: Verständnis Frage
30.05.2012 18:49
19 1

War Sodano nicht der Kardinal, der vom „Geschwätz des Augenblicks“ sprach, als die Missbräuche publik wurden?


Antworten Gast: smilodon
30.05.2012 21:09
4 0

Re: War Sodano nicht der Kardinal, der vom „Geschwätz des Augenblicks“ sprach, als die Missbräuche publik wurden?

Ja, das war er. Er hat mit dieser Aussage ohne Zweifel dem Vatikan geschadet. Viele Vatikan-Experten vermuten zu Recht, dass er sich auf diese Weise dafür rächen wollte, dass er abgesetzt worden ist.

Re: War Sodano nicht der Kardinal, der vom „Geschwätz des Augenblicks“ sprach, als die Missbräuche publik wurden?


Vatikan: "Kirche beeindruckt Geschwätz nicht"

http://diepresse.com/home/panorama/religion/556322/Vatikan_Kirche-beeindruckt-Geschwaetz-nicht



Gast: Päpstin
30.05.2012 18:35
0 0

um welchen Skandal gehts denn eigentlich?

Was könnte der Kammerdiener denn ausplaudern, oder was hat er ausgeplaudert? Was denn für vertrauliche Dokumente? D

Antworten Gast: smilodon
31.05.2012 00:15
0 0

Ich versuch's noch einmal,

nachdem Stunden vergangen sind, ohne dass mein Kommentar hier aufgetaucht ist: Die gestohlenen Briefe und Dokumente sind von einem gewissen Nuzzi in Italien als Buch veröffentlicht worden. Skandalöses findet man darin nicht, eher Banales und Altbekanntes. Das "Brisanteste" dabei dürfte noch sein, dass es die Vatikan-Administration recht chaotisch zuzugehen scheint, was einen nicht wundern muss, wenn man bedenkt, dass die Akteure meist gelernte Theologen und nicht gelernte Manager sind. Einen ausführlichen Bericht dazu finden Sie in http://www.welt.de/kultur/article106389008/Warum-der-Vatikan-bei-Angela-Merkel-protestierte.html
Der eigentliche Skandal ist der Vertrauensbruch. Ich vermute, auch Sie würden dafür sorgen, dass jemand der Ihnen Briefe stiehlt, die dann veröffentlicht werden, von der Justiz eine auf den Deckel kriegt. Auch dann, wenn in diesen Briefen nur lauter Harmlosigkeiten drinnen stehen.

Gast: Hellgate
30.05.2012 17:10
2 2

Ich empfehle

Böhse Onkelz - Kirche

Gast: Jeepers Holding
30.05.2012 13:55
4 3

Der Papst vertraue weiterhin seinen Mitarbeitern, sagte Benedikt XVI.

Bei soviel übertriebener Vertrauensseligkeit sollte man diesem Mann besser keine leitende Funktion mehr übertragen.

 
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