Unfromme Schlammschlachten im heiligen Staat

Es gärt im Vatikan, seit immer mehr „exklusive Informationen“ an die Öffentlichkeit dringen. Nun musste sich der Papst selbst zu Wort melden. Ein Sittenbild aus dem kleinsten Staat der Welt.

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(c) EPA (Maurizio Brambatti)

Nun läuft sie wieder auf Hochtouren, jene gut geölte Maschinerie in und um den kleinsten Staat der Welt. Niemand weiß Genaues, es wird getuschelt, spekuliert und intrigiert im Vatikan – und ganz nebenbei werden die Medien tagtäglich mit „exklusiven Informationen“ aus dem Innersten der Macht gefüttert, gern von anonymen Quellen. Gute Zeiten für die „Vaticanisti“, jene sehr spezielle Sorte von Journalisten, die über den Vatikan berichten, und, wie einst das Pressecorps im Kreml, die diffizile Kunst des Kaffeesatzlesens beherrschen müssen.

Gestern, Mittwoch, musste sich nun auch der Papst zur „VatiLeaks“-Affäre zu Wort melden. Die an die Öffentlichkeit gelangten Dokumente zeichneten „ein Bild vom Heiligen Stuhl, das nicht der Wirklichkeit entspricht“, sagte Benedikt vor Pilgern bei seiner wöchentlichen Generalaudienz. Die jüngsten Ereignisse hätten ihn sehr traurig gemacht.

 

Kammerdiener sitzt in Haft

Tatsache ist bisher: Seit Monaten gelangen aus dem Vatikan vertrauliche Dokumente an die Öffentlichkeit, darunter Briefe an den Papst, Protokolle von Audienzen und brisante Dossiers bis hin zu einem angeblichen Mordkomplott gegen den Papst. Der hat eine interne Untersuchung angeordnet, um die undichte Stelle zu finden, drei Kardinäle ermitteln. Ihre Arbeit trägt einen ersten Erfolg, der Kammerdiener des Papstes, der 46-jährige dreifache Familienvater Paolo Gabriele, sitzt in vatikanischem Arrest, weil in seiner Wohnung vier Kisten mit Dokumenten gefunden wurden. Gegen ihn wird wegen „schweren Diebstahls“ ermittelt.

Tatsache ist auch, dass der Enthüllungsjournalist Gianluigi Nuzzi im Besitz solcher Dokumente ist, er hat sie gerade in Buchform unter dem Titel „Sua Santità“ („Seine Heiligkeit“) veröffentlicht. Und Tatsache ist auch, dass praktisch zeitgleich der erst vor drei Jahren berufene Chef der Vatikanbank, Ettore Gotti Tedeschi, seines Amtes enthoben wurde. So weit die Fakten.

Von hier an betritt man das große Reich der Spekulation, das den Vatikan seit Jahrhunderten umgibt. Der kleinste Staat der Welt funktioniert bis heute nach sehr eigenen Gesetzen. Er ist einer der letzten absolutistischen Monarchien, sein völkerrechtlicher Chef ist zugleich das geistliche Oberhaupt der Katholiken. Gewählt wird der Papst in einer streng von der Außenwelt abgeschotteten Versammlung der Kardinäle, dem Konklave. Ansonsten geht es nicht sehr demokratisch zu am Heiligen Stuhl, und auch seine Informationspolitik ist geprägt von langsamen, vordemokratischen Ritualen. Mächtigster Mann nach dem Papst ist der Kardinalsstaatssekretär, der „Ministerpräsident“ des Vatikans. Seit dem Jahr 2006 bekleidet dieses Amt Tarcisio Bertone, der heute 77-jährige Kardinal gehört zum Orden der Salesianer und galt lange Zeit als enger Vertrauter von Benedikt XVI.

 

Wer intrigiert gegen wen?

Um Bertone kreist derzeit die Affäre „VatiLeaks“. Es ist nicht sehr plausibel, dass ausgerechnet der dem Papst treu ergebene Kammerdiener Gabriele aus freien Stücken gehandelt hat oder gar der Kopf einer Verschwörung ist. Nicht wenige in Rom glauben, dass hinter ihm weitaus mächtigere Kirchenfürsten stehen, mithin eine veritable Palastintrige im Gang ist.

Nur, wer intrigiert gegen wen? Ist Bertone das Ziel? Werden bereits die Weichen gestellt für das nächste Konklave? Der Kardinal aus dem Piemont ist ein mächtiger und gefürchteter Mann, und er hat viele ebenfalls mächtige Feinde, die schon lange auf seine Ablösung drängen. Schon bei seiner Berufung rumorte es in der Fraktion um seinen Vorgänger, Kardinal Angelo Sodano, die seither einen erbitterten Machtkampf führt.

Bertone wurde zweifelsohne ausgewählt, weil er theologisch das Vertrauen des Papstes genoss. Bewährt hat er sich aber auch als Sekretär der Glaubenskongregation – ihr Chef war der damalige Kardinal Joseph Ratzinger. Das ist jene Institution, die auch für die Aufklärung von sexuellem Missbrauch zuständig ist. Bertone steht unter dem Verdacht, in einem besonders gravierenden Fall in den USA alles dafür getan zu haben, dass er vertuscht wurde. Über diplomatische Erfahrung wie Sodano oder gar politisches Geschick aber verfügt Bertone nicht. Seine Feinde halten ihn schlicht für einen „Dummkopf“. Als Bertone vor zwei Jahren das Rentenalter erreicht hatte, legten einige Kardinäle dem Papst nahe, ihn in Pension zu schicken. Benedikt lehnte ab.

Dabei hatte sich Bertones Ernennung längst als folgenschwerer Fehler für den Papst erwiesen, zumal es auch ihm selbst oft an politischem Gespür mangelt. Unter Bertones Führung hat sich jedenfalls an den barocken Gepflogenheiten der Kurie nichts geändert, im Gegenteil, die unfrommen Schlammschlachten haben in den letzten Jahren zugenommen.

 

„Ein mittelalterlicher Hofstaat“

Bis heute sei der Vatikan „ein mittelalterlicher Hofstaat“ geblieben, kritisiert der Theologe Hans Küng jetzt in einem Interview mit der italienischen Zeitung „La Repubblica“. Für ihn steht außer Frage, dass es in der Affäre um weit mehr geht als um ein paar Indiskretionen. Er hält sie symptomatisch für die tiefe Krise des Systems – und die Führungsschwäche des Papstes. Dessen Sprecher, Pater Federico Lombardi, weist solcherart Kritik zurück: „Er ist sich der heiklen Situation bewusst.“

Derweil sitzt Paolo Gabriele bis auf Weiteres in seiner „Sicherheitskammer“, er soll vor einem vatikanischen Gericht aussagen. Die Ermittlungen gehen weiter, fünf Kardinäle sollen befragt worden sein – nicht etwa verhört. Genaues weiß man nicht. Auch die vatikanische Justiz arbeitet nach ihren eigenen Gesetzen, streng im Verborgenen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2012)

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