Die Kirchenreform wird nicht von Hinterbrühl ausgehen. Trotzdem war die dortige Pfarrkirche Freitagabend bis auf den letzten Platz besetzt, als sich Kardinal Christoph Schönborn durchaus kritischen Fragen des Journalisten Heinz Nußbaumer stellen musste. Der Anlass: Die Lange Nacht der Kirchen, bei der 615 Gotteshäuser österreichweit zu Veranstaltungen einluden. Und willig ließ sich der Kardinal auf Themen wie Pfarrerinitiative, homosexuelle Pfarrgemeinderäte und sogar den Dalai Lama ein.
Der Kardinal kommt eine halbe Stunde zu spät, er hatte zuvor einem Gottesdienst im Stephansdom im Rahmen der internationalen Caritas-Konferenz beiwohnen müssen. Das musikalische Programm besänftigt währenddessen die Wartenden, Pfarrer Jakob Mitterhöfer verweist in seiner Begrüßung auf die Tatsache, dass die Lange Nacht der Kirchen auf Initiative Schönborns entstanden sei. Als dieser schließlich kommt, kann er sich aber nicht verkneifen: "Es ist eine lebendige Ortskirche. Überall kommen wir nicht zurecht, aber wir bemühen uns sehr."
Ob er seine Vorgänger beneide, will Nußbaumer als erstes wissen. "Nein, ich habe dazu keinerlei Grund", verweist der Kardinal auf etliche geplagte Wiener Erzbischöfe - egal ob durch Reformation, Haft oder Nazis. Und: "Hat es Kardinal König immer so leicht gehabt?" Als von "verunglückten Bischofsernennungen in den 80ern" die Rede ist, mit denen das "Drama" der katholischen Kirche begonnen haben könnte, meint er nur: "Ich gehöre auch zu diesen Bischöfen." Dass Bischöfe "Delegierte des Papstes" seien, bestreitet Schönborn jedenfalls. Trotzdem spricht er von einem "antirömischen Affekt". "In Rom sitzen ja Menschen, Christen, Katholiken." Und: "Eine Idee wäre für mich schrecklich, eine österreichische Nationalkirche."
Obwohl der Wiener Erzbischof auch "andere Probleme" - etwa die Entwicklungshilfe - sieht, ist er bereit, abermals auf die Pfarrerinitiative einzugehen. Von möglichen Sanktionen spricht er diesmal nicht. Stattdessen sei Geduld "immer angesagt", es brauche "ein gewisses Maß an Klärungen". Schönborns Vorschlag: "Es ist eine Sache der Ehrlichkeit zu sagen, jetzt lassen wir das Wort 'Ungehorsam' einmal weg und stellen die Frage, wie geht es den Pfarrern?" Vor allem das "Wegbröseln" der Kirchgänger sei für die Priester "eine enorme Belastung".
Auch zu einem weiteren "heißen Eisen", den Wirbel um einen homosexuellen Pfarrgemeinderat in Stützenhofen, wird Schönborn abermals befragt. "Ich glaube, die kleinste Gemeinde der Erzdiözese Wien, sie heißt Stützenhofen, wird mich noch lange begleiten", meint der Erzbischof, der seine Entscheidung in dieser Causa als "Nicht-intervenieren" bezeichnet. Dass Gott Mann und Frau aus eindeutigem Grund erschaffen habe, ist der Erzbischof - wie von vielen anderen göttlichen Plänen - immer noch überzeugt, aber: "Niemand von uns erfüllt diesen Masterplan."
(APA)
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