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Rache für den beleidigten Gott

22.06.2012 | 18:33 |  ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse)

Blasphemie soll wieder „gefährlich“ werden, fordert Büchnerpreisträger Martin Mosebach, das würde auch der Kunst guttun. Aber soll nun das Gesetz religiöse Gefühle schützen – oder einen „anwesenden“ Gott?

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"Vom Wert des Verbietens“ nannte sich ein am 18. Juni in der „Berliner Zeitung“ erschienener Essay. Der deutsche Schriftsteller, Büchnerpreisträger und überzeugte Katholik Martin Mosebach empfiehlt darin, Blasphemie wieder stärker strafrechtlich zu verfolgen. Und bekennt so nebenbei, er sei unfähig, sich „zu empören, wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern einen gewaltigen Schrecken einjagen“. Blasphemie solle wieder gefährlich werden, meint er. Das würde „das soziale Klima fördern“, aber auch die Kunst, denn Freiheitsbeschränkungen seien seit jeher „der Entstehung von Kunst höchst förderlich gewesen“.

Wie „gefährlich“ er sich die Blasphemie genau wünscht, präzisiert Mosebach nicht. Nur so wie in Polen, wo die Popsängerin Doda zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, weil sie behauptete, die Jünger hätten „sich mit Wein besoffen und irgendwelche Kräuter geraucht“? Oder so gefährlich wie für den Musiker Shahin Najafi? Der in Deutschland lebende 31-jährige Iraner zog wegen angeblicher Lästerung eines schiitischen Imams im Mai zwei Todes-Fatwas auf sich, nun hält er sich im Rheinland versteckt. 100.000 Dollar Kopfgeld sind auf ihn ausgesetzt, im Juni haben 40 Autoren eines religiösen iranischen Verlages Lizenzgebühren für ihre Bücher jenem Menschen versprochen, dem es gelingt, Najafi zu töten. Dem hat das sicher „einen gewaltigen Schrecken“ eingejagt.

Mosebachs Text erinnert an die Künstler, die bis tief in den Ersten Weltkrieg hinein von ihren Schreibtischen aus das angeblich so geistfördernde Schlachten begrüßten. Oder an Botho Strauß, der im Zuge des Streits um die Mohammed-Karikaturen den Zusammenstoß mit dem vitalen Islam als Abschied von einer „schwachen Zeit“ begrüßte. Bemerkenswert ist aber auch, dass Mosebach nicht von religiösen Kränkungen einzelner Gläubiger oder religiöser Gruppen spricht, sondern von „Blasphemie“: einem Ausdruck, der aus dem westlichen Sprachgebrauch fast völlig verschwunden ist.

 

Blasphemie der Zunge oder des Herzens?

Kein Wunder, geht es dabei doch um die Schmähung nicht von Menschen, sondern von Gott, also nicht subjektive Gefühle, sondern ein objektives Delikt. Mosebach verrät aber nicht, was man darunter verstehen soll. Das ist typisch für die Blasphemie. Dass sich ihre Bedeutung ständig wandelte, auch wenn die Kirche sie lange als schwerste aller Sünden betrachtete und zeitweise mit der Todesstrafe ahndete, hat der französische Historiker Alain Cabantous in seiner „Geschichte der Blasphemie“ gezeigt. Für Thomas von Aquin etwa, der eine Blasphemie der Zunge und eine des Herzens unterschied, bestand diese Sünde ganz allgemein darin, das zu verneinen, was Gottes sei, oder Gott etwas zuzuschreiben, was ihm nicht gebühre. Dazu konnte die Infragestellung Gottes ebenso gehören wie die Kritik an den Sakramenten und Kirchengesetzen oder der Missbrauch des Namen Gottes in der Alltagssprache, der auch Königen verboten war. Deswegen ersetzte Heinrich IV. sein „gottverflucht“ irgendwann durch „Verflucht sei Coton“ (sein Beichtvater).

Was auch immer man darunter verstand, verfolgt wurde die Blasphemie jedenfalls, von König und Kirche. Erst die Aufklärung brachte den Bruch im strafrechtlichen Umgang mit der „Blasphemie“ – und die geistigen Voraussetzungen für die heutige Praxis. Montesquieu ereiferte sich über die anmaßende Vorstellung, Gerichte könnten als Instrument göttlicher Gerechtigkeit dienen – wer kenne schon die Gedanken Gottes? „Man soll nur darauf hinwirken, dass die Gottheit geehrt werde, aber niemals sie rächen wollen. Wahrlich, wie sollten die Strafen ein Ende nehmen, wenn man nach diesem Gedanken verfahren wollte!“ Andere verwiesen auf die Kulturbezogenheit des Blasphemiebegriffs, etwa Voltaire: „Was in Rom oder Loreto als Blasphemie gilt, wird in London, Amsterdam, Berlin oder Kopenhagen als Frömmigkeit betrachtet.“ Der französische Philosoph Pierre Bayle hatte die Blasphemie ein Jahrhundert früher noch radikaler relativiert: „Wir klagen jemanden an, der unerträgliche Gotteslästerungen ausstößt? Doch was bleibt davon übrig, wenn man diese Worte wohlüberlegt und leidenschaftslos prüft? Jener Mensch denkt eben anders als wir, die wir respektvoll über Gott reden.“

Am Ende blieb vom strafrechtlichen Delikt nur die Störung der öffentlichen Ordnung, die Gefahr für die Gesellschaft übrig. Das österreichische Strafgesetzbuch etwa kennt den Begriff der Gotteslästerung schon lange nicht mehr, es ahndet nur die Erregung von „berechtigtem“ öffentlichen „Ärgernis“.

Im Islam kommt das Vergehen der Gotteslästerung weder im Koran noch in den Hadithen vor, erst spätere Rechtsgelehrte haben dieses Delikt geschaffen und in die Sharia integriert. Die Strafen waren je nach Rechtsschule unterschiedlich, von der Todesstrafe bis zum Ausschluss aus der Gemeinschaft. Der Islam unterscheide zwischen der Beleidigung Gottes, des Propheten und der göttlichen Offenbarung, erklärt Burkhard Josef Berkmann, Autor des Buchs „Von der Blasphemie zur ,hate speech‘?“: „Dabei wird die Beleidigung Mohammeds sogar für schlimmer gehalten als die Schmähung Gottes. Der Grund ist, dass der Prophet nicht mehr vergeben kann.“ Im Islam ist das Blasphemieverbot übrigens nicht ganz einseitig: „In einem gewissen Umfang ist es auch Muslimen verboten, andere Religionen zu schmähen“, sagt Berkmann.

 

„Widerwilliger Respekt“ für Künstler

Während aber die christlichen Kirchen lange Zeit hatten, um sich von der Vorstellung zu verabschieden, dass Gläubige ihren beleidigten Gott rächen müssten, ist diese Ansicht unter Muslimen noch verbreitet. Das führt paradoxerweise dazu, dass der Gesetzesparagraph gerade jenen am meisten zugute kommt, die ihm einen ganz anderen Sinn geben. Denn ein Strafrecht, das die Vermeidung öffentlichen Ärgernisses zum obersten Kriterium erhebt, begünstigt den, der sich am lautesten für verärgert erklärt.

Zwischen dem Konzept des Schutzes religiöser Gefühle und der Rache für eine Schmähung Gottes liegen Welten. Die müssen nun innerhalb weniger Jahre überbrückt werden – und zwar nicht nur auf nationaler Ebene. „Es reicht nicht, dass einzelne Staaten Regeln für die Massenkommunikation aufstellen, es würde weltweit einheitlicher Standards bedürfen“, meint Berkmann.

Mosebach würde es offenbar gefallen, wenn es am Ende wieder um mehr als Gefühle und Menschenwürde gehen würde: um „echte“ Blasphemie, das Vergehen gegen einen „anwesenden“ Gott. Künstlern, die bereit seien, einen hohen Preis dafür zu bezahlen, „werden ernsthafte Gläubige einen vielleicht widerwilligen Respekt nicht versagen“.

Auf einen Blick

Im Lauf der Neuzeit hat sich der Blasphemiebegriff in Europa immer mehr auf die bewusste antireligiöse, antiklerikale Haltung verlagert. Die Reaktionsweise auf Blasphemievorwürfe reduzierte sich dementsprechend von der Androhung der Todesstrafe auf die Klage über unangemessenes bürgerliches Verhalten und Respektlosigkeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2012)

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20 Kommentare

Wie wäre es umgekehrt mit dem Delikt der Kunstverachtung?

Kunstverächter gehören verfolgt sage ich! Wobei es keine Rolle spielt wie man die kunst definiert! Leute die gegen Kunst auf die Straße gehen soll man mit einer Geldstrafe bestrafen, denn Kunst ist heilig!
Am schlimmsten ist es wenn jemand sagt: "Das ist nicht Kunst"
Denn damit verleugnet man Kunst und das ist unverzeihlich!
/satire off.

Wortklaubereien führen zu nichts

Gott ist der Inbegriff alles dessen, was respektiert werden muß und dessen Unermeßlichkeit und Unergründlichkeit nicht Gegenstand irgendwelcher infantilen Plänkeleien sein kann. Gott kann vom Menschen gar nicht im landläufigen Sinn beleidigt werden, und dennoch muß man Beleidigungen Gottes (wenn man sich auf die menschliche Ebene begibt und das Ganze gleichsam metaphorisch betrachtet) als aberwitzigen Übergriff unterlassen. Im kollektiven Unbewußten ist das Tabu (wenn auch unter anderem Namen) verankert, und der modisch gewordene Begriff des Brechens von Tabus (etwa in der Kunst usw.) ist Symptom des katastrophalen Zustands der Gesellschaft. Gott ist auf unsere "Verteidigung" zwar nicht angewiesen, es scheint aber so etwas wie ein Gesetz von Ursache und Wirkung zu geben, nach welchem das In-den-Schmutz-Ziehen von Dingen, die vielen Leuten heilig sind, entsprechende Folgen hat. Die Moslems sind deshalb so kraftvoll, weil sie ihren Gott (oder den einen Gott?) als summum bonum mit Feuer und Schwert verteidigen, während die ehemaligen Christen zu Atheisten oder schwachbrüstigen Säuslern verkommen sind. Dem noch das Wort zu reden ist zwar ein Zeichen von "Aufgeklärtheit", nur werden die Prioritäten meines Erachtens völlig falsch gesetzt. Auch erkennt man "sie" ja an ihren Früchten.

1 0

Re: Wortklaubereien führen zu nichts

1. Sie wissen nicht was Wortklaubereien sind.
Wortklaubereien sollte besser Wortglaubereien heißen. In diesem sinne könnte man die Diskussion der Christenheit um die Trinität betrachten. Hier wurde viel Hirnschmalz verschwendet, um einen verkappten Polytheismus zu erklären.
2. Nach ihrem Post ist jede Religion und jede Ideologie gut, die ihre Anhänger zu entsprechendem Eifer anstachelt. Und bitte was das in praxi heißt, kann in jedem Geschichtsbuch nachgelesen werden.
Und wenn ich mir das Wallfahrwesen ansehe, so muss schon gesagt werden, dass damit die christliche Menschheit viel Zeit und viel Geld verschwendet hat. Zeit und Geld, das zu jeder Zeit besser verwendet hätte werden können!

Religionsfreiheit bedeutet nicht nur die freie Wahl zwischen den Religionen, sondern vor allem die Freiheit von jedweder Religion.


Wir müssen lernen, falsche Ideen sterben zu lassen, bevor Menschen für falsche Ideen sterben müssen!!
Thora, Bibel, Koran, Baghawagita, Herr der Ringe usw. sind Märchenbücher für Erwachsene, das manche daraus ableiten einen Gott oder Allah schützen zu müssen ist mehr als absurd und gefährlicher als jede mir bekannte Droge!!

Gast: TvA
24.06.2012 15:04
1 1

Blasphemie soll kein Straftatbestand sein ...

damit wir uns ein Bild über alle Zeitgenossen machen können, die meinen, Gott beleidigen zu wollen, sei ein Zeichen von Fortschritt und Größe. Tatsächlich beweisen sie damit nur ihre eigene Erbärmlichkeit und Geltungs- wie Geldgier: Neben "sex sells" sind die zumeist folgenlosen Ausfälle gegen den Ewigen nur Mittel, Aufmerksamkeit zu erregen. Folgenlos i.d.R. deshalb, dass sie zumeist gegen den "Christengott" erfolgen, so setzt man sich einerseits nicht dem Vorwurf von Antisemitismus aus und hat andererseits auch keine Schläge oder schlimmeres von Anhängern des Islam zu befürchten.

Gast: fischersfritz
24.06.2012 00:41
3 1

Was nicht existiert kann man nicht beleidigen.


Antworten Gast: Störrisch...
25.06.2012 10:40
1 1

Re: Was nicht existiert kann man nicht beleidigen.

Bitte um Beweis?

Gast: Zottelbart
23.06.2012 19:33
4 0

Man kann Gott nicht beleidigen,

sondern nur Menschen die an ihn glauben,oder vortäuschen an ihn zu glauben.

Wenn andere nicht an ihn glauben,dann zeigen so manche ihren göttlichlichen Hass.

Und was ist mit denen, die nicht an einen Gott glauben?

Für die gibt es ja dann sowas wie Blasphemie gar nicht...

Gast: Padre100
23.06.2012 15:55
4 0

Blasemie würde auch der Kunst guttun.

Ja genau.

Wie gut das der Kunst tut sieht man in Saudiarabien,Pakistan,Afghanistan!


Re: Blasemie würde auch der Kunst guttun.

Dort gibt es ja auch keine Blasphemie. Sobald man in diesen Ländern irgendetwas gegen Allah sagt, wird man getötet oder verfolgt. Das ist ja das Schlimme.

Gast: tae
23.06.2012 14:29
5 1

Was für ein Trottel.


4 0

Blasphemie - ein Delikt zum Beherrschen!

Wie schon angedeutet kann in dieses Delikt nach Belieben jede unerwünschte Meinungsäusserung hineingepackt werden. Jeder dahergelaufene Möchtegernprophet, der es geschafft hat, Macht auszuüben, dem Justiz und Polizei zu Seite stehen und der über ein willfähriges "Parlament" verfügt, kann damit unliebsame Kritik und Kritiker ausschalten. Und im aufgeklärten Europa räumen wir pflichtschuldigst jeder "religiösen" Überzeugung den Status ein, dass es unerlaubt ist, diese kritisch mit den Mitteln der Satire zu hinterfragen!
Nur den Atheismus darf man schmähen!

Antworten Gast: nur neugierig
23.06.2012 14:06
0 1

ad:"Nur den Atheismus darf man schmähen!"

Oje, werden dadurch deine religiösen Gefühle verletzt?

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Re: ad:"Nur den Atheismus darf man schmähen!"

Sie haben den Sinn meines Posts nicht verstanden. Es ist so, dass offenba religiöse Gefühle mehr wert sind, als nicht religiöse Gefühle. Religiöse Gefühle genießen deutlich mehr Schutz als nicht religiöse Gefühle. Auf Nichtreligiöse bzw. nichtreligiöse Gefühle braucht keine Rücksicht genommen zu werden. Dahinter steckt die Auffassung, dass es etwas Minderwertiges oder gar Abartiges ist keine religiösen Gefühle zu haben. Nur Gefühle religiöser Menschen verdienen es offenbar berücksichtigt und respektiert zu werden. Dass auch Atheisten Gefühle welcher Art auch haben können, geht ins Hirn der gefühligen Gläubigen nicht ein. Es ist für diese Menschen nicht vorstellbar, dass es Menschen gibt, die es graut und schaudert, wenn sie den Aberglauben und den Irrwitz religiösen Getues gezwungenermaßen ansehen wenn nicht gar über sich ergehen lassen müssen!

Re: Re: ad:"Nur den Atheismus darf man schmähen!"

gut gepostet

Gast: k.u.k Feldmarschall
23.06.2012 00:06
1 0

Alles was die RKK sagt ist göttlich!

Tralalalala!

Gast: ROTFRONT
22.06.2012 23:14
2 1

Gott, also das rosa fliegende Spagettimonster, will aber sowas nicht!

Obwohl die vielen grauslichen Pestos und Sugos eine wahrhaftige Beleidigung des Herrn darstellen!

Wahrlich, sage ich Euch!
Mahlzeit unser!

Ja, was stellt sich denn der Matin M. vor ????

Sollte Gott denn ein "alter Opa" sein, den man beleidigen könnte ? Und wenn sich Opa rächen wollte, na, dann würde er es schon selber besorgen.

Martin Mosebach --- bohre nicht an der Oberfläche, sondern geh´ in die Tiefe ---- Gott ist nicht was Sie denken- Gott ist Geist, also bemühen Sie auch bitte Ihren Geist um überhaupt zu erfassen was das Thema "GOTT" ist.

Antworten Gast: biersauer
29.06.2012 15:29
0 0

Re: Ja, was stellt sich denn der Matin M. vor ????

Den Hut des Landvogtes Gessler konnte man wenigstens sehen, sich darunter etwas vorstellen, aber unter den Haschischträumen gewisser Propheten kann man sich garnix vorstellen, speziell, wenn der ERzengel Gabriel der Geschichtenerzähler war!
Geschichten aus dem Morgenland, sind Vorläufer von Hollywood.