Muerto al ,Solitario Jorge‘!“, skandierten Fischer 1995 in der Charles-Darwin-Forschungsstation auf der Galapagosinsel Santa Cruz: „Tod dem einsamen George!“ Sie meinten es ernst, hatten die Station besetzt und Menschen wie Tiere als Geiseln genommen. Die wertvollste war eine Schildkröte, „Lonesome George“, damals um die 85 Jahre alt und eine der Ikonen des Archipels, der selbst auch eine ist, eine der Natur bzw. ihres Versuchslabors. Seine ersten Inseln stiegen vor drei Millionen Jahren aus dem Meer, die letzten vor 300.000 Jahren, bald fand auch Leben den Weg von der tausend Kilometer entfernten Küste Südamerikas. Es hatte seine Ruhe bis 1535, dann verschlugen üble Winde Tomás de Berlanga, den Bischof von Panama, auf die Inseln, sie gefielen ihm nicht – „wertloser Müll, hat nicht die Kraft, auch nur ein wenig Gras wachsen zu lassen, nur Disteln“ –, zwei Mitglieder der Mannschaft verdursteten, bevor die übrigen zufällig doch auf Wasser stießen. Denn die ersten Besucher wussten noch nicht, was spätere lernten: Wer auf den Galapagosinseln Wasser sucht, folgt am besten den Spuren der riesigen Schildkröten.
Darwins Ritt im Wulstsattel
Von ihnen hat der Archipel auch seinen Namen, das spanische „Galapagos“ bedeutet „Wulstsattel“ und meint konkret, dass bei einigen Unterarten der Riesenschildkröten der Panzer im Nacken wie ein Sattel aufgewölbt ist. Das regte manchen Besucher zu Späßen an: „Ich setzte mich oft auf ihren Rücken, und nach ein paar Klapsen auf den hinteren Teil der Panzer erhoben sie sich und liefen los; aber ich fand es sehr schwierig, meine Balance zu halten.“ Das notierte Charles Darwin 1835, damals waren die Bestände schon arg dezimiert. Auch das kam dem Naturforscher, der sich zu seiner Evolutionstheorie nicht zuletzt von den Galapagos-Schildkröten anregen ließ, auch bald zu Ohren und Augen: „Das Grundnahrungsmittel kommt von den Schildkröten. Ihre Zahlen sind natürlich schon stark reduziert, aber die Leute kalkulieren damit, dass sie zwei Tage zur Jagd brauchen und dann für die restliche Woche genug zu essen haben. Man erzählt, dass früher einzelne Schiffe bis zu 700 Tiere mitgenommen haben.“
Das war der lebende Vorrat vieler Seeleute. Erst griffen die Seeräuber zu, die sich über Goldtransporte der Spanier hermachten, dann bedienten sich die Walfänger: Herman Melville („Moby Dick“) war auf einem ihrer Boote auf den Galapagos, und die Mannschaft der „Exeter“ – sie stand Modell für die „Pequod“, sie wurde wirklich von einem Wal versenkt – ernährte sich lange davon in ihren Rettungsbooten. (Erst als die Schildkröten ausgingen, zogen die Überlebenden Lose, wer von ihnen selbst als nächster geschlachtet werden musste.)
Trotz der Aderlässe hielten sich die Riesenschildkröten, zumindest die meisten der 14 Unterarten. Erst der nächste, ganz unabsichtliche Schlag des Menschen brachte sie langfristig in tödliche Bedrängnis. 1813, die USA lagen im Krieg mit Großbritannien, zerstörte David Porter, Kapitän der U.S.S.Essex, fast die gesamte britische Walfangflotte auf den Galapagos. Porter war ein guter Beobachter, er bemerkte die Unterschiede zwischen den Riesenschildkröten auf den einzelnen Inseln, seine Berichte brachten Darwin (mit) auf den Weg. Aber Porter war kein Biologe: Ohne Bedenken setzte er Ziegen frei, sie fraßen alles kurz und klein, auf der Insel Santiago drängten sich schließlich 80.000, sie wurden in einem regelrechten Feldzug dezimiert, mit Jagdhubschraubern, gar mit zahmen „Judasziegen“, die die versteckten wilden zum Sex und vor die Gewehre lockten. 2009 war wieder Ruhe auf Santiago.
Zeugungsunfähig? Zeugungsunwillig?
Eine ähnliche ziegen- bzw. menschgemachte Einöde war die Insel Pinta. Trotzdem entdeckte ein ungarischer Schneckenforscher 1971 ein Exemplar einer Unterart, die man seit 1912 für ausgestorben gehalten hatte: Chelonoidis nigra abingdoni. Dieses Tier war einen Meter lang, 88 Kilo schwer und etwa 60 Jahre alt, man gab ihm den Namen „Lonesome George“. „George“ kam von George Gobel, einem längst vergessenen US-Showmaster, und „lonesome“ verstand sich von selbst, er war der Einzige bzw. Letzte seiner Art und trug die Trauer im Gesicht. Man versuchte alles Erdenkliche, ihn aufzuheitern, führte ihm wieder und wieder Weibchen anderer Unterarten zu. Aber „George“ konnte entweder nicht – Schildkröten ohne Übung verlieren physiologisch die Zeugungsfähigkeit –, oder er wollte nicht. Dabei blieb nichts unversucht: 10.000 Dollar waren für ein Weibchen der gleichen Unterart ausgesetzt, die Insel wurde wieder und wieder durchsucht, ergebnislos. Selbst aufopferndster wissenschaftlicher Einsatz fruchtete nicht: Die Schweizer Studentin Sveva Grigioni – „Lonesome George's Girlfriend“ – erwarb sich 1993 das Vertrauen des Eremiten, sie durfte ihn streicheln und tat dies schließlich mit einem besonderen Saft, rieb sich die Hände mit Genitalsekreten weiblicher Schildkröten ein.
Begattung doch geglückt, Nachwuchs nicht
Das hatte partiellen Erfolg, George unternahm Begattungsversuche, stellte sich aber zu ungeschickt an. 2008 hatte er dazugelernt, ein begattetes Weibchen legte 13 Eier, aber sie entwickelten sich nicht. 2009 musste die Darwin-Station noch einmal Misserfolg melden, diesmal mit fünf Eiern. Dann kam Hoffnung von anderer Seite: Man hatte auf der Insel Isabella mit Genanalysen einen ganz engen Verwandten gefunden, zwar nicht von der gleichen Unterart, aber von der nächst nahen. Man hätte also vielleicht rückzüchten können. Aber: Der Verwandte war eben ein Verwandter, auch ein Männchen. Ein zweites – diesmal gar von der gleichen Unterart – soll im Zoo in Prag leben.
So half alles nichts. Und während die einen ihm den Tod wünschten – die Fischer drohten damit, George den Schädel abzuschlagen, weil die Fangquoten für Seegurken eingeschränkt worden waren –, konnten ihm alle anderen nur ein langes Leben wünschen. Galapagos-Riesenschildkröten haben es für gewöhnlich, 2006 starb eine – „Harriet“ – mit 176 Jahren in einem Zoo in Australien. Sie war 1830 auf einer Galapagos-Insel geboren und vielleicht gar von Darwin himself mitgenommen worden. Das war eher ein Werbetrick des Zoos, fest steht hingegen, dass „Harriet“ als das älteste Tier der Erde galt, Konkurrenz kam auch 2006, als eine andere Riesenschildkröte, eine von den Seychellen, im Zoo von Kalkutta mit angeblich 250 Jahren starb.
„George“ war also fast noch ein Jüngling. Aber am 24. Juni fand ihn Fausto Llerena, der ihn 40 Jahre gepflegt hatte, tot in seinem Gehege. Eine Autopsie soll die Ursache klären.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2012)
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