London/Wien/Geets/Red. So hat sich Cait Reilly ihren Einstieg ins Berufsleben nicht vorgestellt: Die 22-jährige Geologin schlichtet fünf Stunden pro Tag Waren in die Regale eines britischen Billigsupermarkts – und bekommt dafür nichts bezahlt. Vor Kurzem schloss sie ihr Studium in Birmingham ab und absolvierte seither ein unbezahltes Praktikum an einem Museum. Dieses musste sie nun abbrechen, weil ihr das britische Arbeitsministerium vorschrieb, den Job im Supermarkt anzunehmen.
Ansonsten würde sie staatliche Beihilfen zum Einstieg ins Berufsleben verlieren. Cait Reilly will sich jedenfalls von der Regierung nicht in ihre Berufsplanung pfuschen lassen und zieht vor den Obersten Gerichtshof. Ihr Verfahren sowie ein zweiter Prozess starten heute, Dienstag, in London.
Die britische Regierung plant, das gesamte Wohlfahrtssystem im Inselstaat aufzubrechen und neu zu ordnen. Der konservative Premier David Cameron lieferte dazu am Montag eine Grundsatzrede vor dem Parlament in Westminster. So versucht das Arbeitsministerium derzeit, 70.000 Arbeitslose in einem verpflichtenden Beschäftigungsprojekt unterzubringen und gibt dafür umgerechnet sechs Millionen Euro aus. Beschäftigungslose sollen bis zu vier Wochen lang in unbezahlten Positionen arbeiten. Um ihnen den Einstieg ins Berufsleben zu erleichtern, so das Argument der Regierung.
„Wirtschaftlich sinnlos“
Wer sich weigert, dem wird für drei Monate die Arbeitslose entzogen. Diese ist in Großbritannien ohnehin niedrig: Über 25-Jährige bekommen maximal 71 Pfund (etwa 87 Euro), 18- bis 24-Jährige 56 Pfund (69 Euro) in der Woche. Das Projekt läuft seit 2011, in den ersten zehn Monaten wurden fast 50.000 Arbeitslose verpflichtet, aber nur knapp 16.800 haben zu arbeiten begonnen. Etwa die Hälfte der Arbeitslosen konnte sich drücken, indem sie sich vorübergehend von der Arbeitslosenunterstützung abmeldete. Diese Schlupflöcher will Arbeitsminister Chris Gayling nun durch Sanktionen stopfen.
„Solange die Regierung Ladenketten mit unbezahlten Arbeitskräften versorgt, müssen sie niemand Neuen anstellen“, sagte Cait Reilly zum britischen „Telegraph“. Dadurch werde Arbeitslosigkeit erst verursacht. „Wirtschaftlich hat es überhaupt keinen Sinn, Steuergelder auszugeben, um Firmen unbezahlte Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen“, sagt Dee Apse von der Kampagne „Boycott Workfare“, die sich für die Abschaffung unbezahlter Arbeit einsetzt. Momentan sind in Großbritannien 2,6 Millionen Menschen als arbeitslos gemeldet, das sind 8,2 Prozent. „Wahrscheinlich suchen aber doppelt so viele einen Job“, sagt Apse.
Für negative Schlagzeilen sorgte das umstrittene Beschäftigungsprojekt zum Thronjubiläum von Queen Elizabeth. Bei den viertägigen Feierlichkeiten zu Ehren der englischen Königin kamen insgesamt 80 „Lehrlinge“ für die private Sicherheitsfirma „Close Protection UK“ zum Einsatz, 30 davon unbezahlt. Die Arbeitslosen wurden in Bussen aus den Städten Bath, Bristol und Plymouth nach London gekarrt, wo sie bei der Bootsparade arbeiten sollten. Allerdings: Die „Lehrlinge“ wurden an der London Bridge abgesetzt, wo sie unter der Brücke schlafen „durften“, bis am nächsten Morgen ihre Schicht begann. Auch Umkleidekabinen gab es keine, die Arbeiter mussten sich in aller Öffentlichkeit umziehen, um dann bis zu 16 Stunden lang im strömenden Regen zu arbeiten.
Dieselbe Firma wurde übrigens für die Olympischen Spiele im Juli und August engagiert. „Close Protection UK“-Chefin Molly Prince entschuldigte sich für den „Vorfall“, bestand aber darauf, dass die Arbeiter bei ihren Beschreibungen übertrieben hätten.
Gute Chancen vor Gericht
Für Cait Reilly steht allerdings fest: Sie will Diskontern nicht als Gratisarbeitskraft zur Verfügung stehen. Ihr werden mit ihrer Klage vor dem Obersten Gerichtshof gute Chancen eingeräumt.
In Großbritannien sind derzeit 2,6 Millionen Menschen als arbeitslos gemeldet, das sind 8,2 Prozent – in Österreich liegt die Arbeitslosenrate bei 3,9 Prozent. Das Arbeitslosengeld beträgt im Inselstaat für über 25-Jährige maximal 71 Pfund (etwa 87 Euro) pro Woche. 18- bis 24-Jährige erhalten 56 Pfund (69 Euro).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2012)
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