Um absolute Hilflosigkeit auszudrücken, braucht es manchmal nicht mehr als drei Worte: „Gott schütze Mali“. So sprach Kulturministerin Fadima Diallo, nachdem islamische Extremisten in der legendären Goldstadt Timbuktu vor einer Woche begonnen hatten, systematisch Mausoleen von lokal verehrten Heiligen zu zerstören.
Dumm nur, dass sich die Gegenseite ebenfalls auf Gott beruft: Unter lauten „Allahu akbar“-Rufen nahmen sich die Islamisten die theoretisch von der Unesco geschützten Grabstätten aus dem 14. bis 16. Jahrhundert vor, mit Meißel und Spitzhacke. Denn „Heilige“, so etwas gibt es für die Kämpfer von Ansar Dine, die „Verteidiger des Glaubens“, nicht. Seit April herrschen sie über den Norden Malis. Ihre Steigbügelhalter, die rebellierenden Tuareg, haben sie im wahrsten Sinn des Wortes in die Wüste geschickt, ebenso wie den lokal verbreiteten liberalen, von Sufi-Bruderschaften geprägten Islam.
Der islamistische Furor, der alles auslöschen will, was ihm als „unislamisch“ gilt, ist derselbe, der 2001 die Taliban in Afghanistan dazu trieb, die Buddha-Statuen in Bamiyan per Sprengung in einen Schutthaufen zu verwandeln. Wie damals war auch nun der Aufschrei der Staatengemeinschaft groß. So groß wie ihre Ohnmacht.
Ohnmächtig mussten auch die Bewohner Timbuktus zusehen, wie die seit Jahrhunderten verehrten Grabstätten erst geschändet und dann zerstört wurden. Orte, die nicht nur religiöse, sondern auch touristische und damit wirtschaftliche Bedeutung hatten in einer Region, wo es wenig gibt außer Sand. Gegen die Kalaschnikows und die auf Jeeps aufgepflanzten Maschinengewehre der Kämpfer hatten die Menschen aber keine Argumente.
Auslöschung. Das Ziel von Ansar Dine ist mit einem Wort umrissen: Auslöschung. Von allem, was nicht ins eigene Weltbild passt, besonders wenn es um eine konkurrierende, liberalere Form des eigenen Glaubens geht. Die ist in Timbuktu auch auf rund 35.000 Handschriften festgehalten, denen ebenfalls die Vernichtung droht. Wer mag auf das Versprechen der Kämpfer etwas geben, die religiösen Texte nicht anzutasten, wenn sie sogar drohten, Moscheen niederzureißen?
Die Buddhas von Bamiyan 2001; die Plünderung von Iraks Nationalmuseum 2003; die Diebstähle im ägyptischen Museum zu Jahresbeginn 2011; die akute Gefährdung antiker Stätten im libyschen Bürgerkrieg; ein Video, das zeigt, wie sich die syrische Armee bei den Ruinen von Palmyra verschanzt hat: Krieg, Bürgerkrieg, Revolution, das bedeutet meist nichts Gutes für Kulturgüter. Die primäre Gefahr lauert in der direkten Zerstörung durch Kriegshandlungen, zu erleben gerade in Syrien: In die Mauern der Zitadelle von Apameia brachen Bulldozer Berichten zufolge ein Loch, nur um ein besseres Schussfeld zu haben.
Diese Gefahr haben Archäologen im Vorfeld des Irak-Kriegs 2003 kommen sehen und die alliierten Militärs mit Informationen über schützenswerte Stätten gefüttert. Mit Erfolg: Solange die Bomben fielen, blieb alles intakt. Doch nachdem die ausländischen Truppen das Land besetzt hatten, wurde es quasi zur Plünderung freigegeben. Unter den Augen der US-Soldaten und der entsetzten Weltöffentlichkeit wurden alleine 15.000 Exponate aus dem Nationalmuseum in Bagdad fortgeschafft. Katalogisierte Exponate. Denn vieles in den Depots war noch nicht registriert, und was es offiziell nicht gibt, das kann auch nicht fehlen.
Zuerst gingen Profis ans Werk. Leute, die genau wussten, was sie wollten – und wo es zu finden war. Dann kam der Mob und verwandelte eines der bedeutendsten Museen der Welt in einen Selbstbedienungsladen. Nur einen Monat später waren erste Beutestücke bereits im Handel. „Wenn Dinge einmal gestohlen wurden, finden sie immer einen Weg auf den internationalen Kunstmarkt, obwohl viele Länder die Unesco-Charta unterschrieben haben“, sagt Andreas Schmidt-Colinet, bis 2010 Archäologieprofessor an der Uni Wien: „Wir kennen die Wege: Das geht oft zunächst über den Libanon, dann in die Schweiz. Über Firmen in Wien oder London tauchen die Gegenstände dann in Verkaufskatalogen auf. Wenn bei der Herkunft steht ,aus langjährigem Familienbesitz‘ oder ,property of a gentleman‘ muss man immer hellhörig sein.“ Ausweispapiere für Antiken könne man immer herzaubern.
Raubgrabungen. Die Plünderung des Nationalmuseums war nur der auffälligste Schlag gegen das kulturelle Erbe des Irak. Viel schlimmer sind die Raubgrabungen. Es gab sie vor der Invasion, als immer mehr Menschen durch die Sanktionen verarmten und in ihrer Not zu graben begannen. Und es gibt sie nach wie vor (siehe Interview).
Als 2011 Nato-Bomben auf Libyen fielen, befürchtete die Archäologen-Community ein irakisches Schicksal. Zunächst sah es alles andere als gut aus: Selbst nach dem Fall von Tripolis wurde in dem antiken Ruinengelände von Sabrata noch gekämpft. In manchen antiken Gemäuern hatten sich Gaddafi-Leute verschanzt, zum Glück hielten sich die Schäden nach ihrer Kapitulation in Grenzen.
In der Schwesterstadt Leptis Magna kam der lokale Antikenchef auf die originelle Idee, Schäfern zu erlauben, ihre Tiere zwischen den Ruinen grasen zu lassen. Die Rechnung ging auf, Bewaffnete machten in neun Monaten Bürgerkrieg einen Bogen um das Gelände. Ähnliches Glück hatte Cyrene, das „Athen Afrikas“: Sofort nach der Befreiung im Februar 2011 organisierten die 40.000 Bewohner des benachbarten Städtchens Shabat die Bewachung der wertvollen Kulturstätte, die ebenfalls zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Die Menschen hoffen, dass ihr Cyrene im neuen Libyen zur Touristenattraktion wird und Arbeitsplätze schafft.
In den Museen gab es kaum Plünderungen, das Nationalmuseum blieb unangetastet. Einzig in der bis zuletzt umkämpften Oasenstadt Bani Walid kamen einige Exponate abhanden. Einen schweren Verlust gab es trotzdem – aus einem Banksafe in Bengasi. Diebe nutzten die Anarchie der ersten Tage des Aufstandes und machten sich mit dem „Schatz von Bengasi“ davon, einer Sammlung von 7300 Gold-, Silber- und Bronzemünzen sowie 306 antiken Schmuckstücken. Inzwischen sollen Teile des Schatzes in Ägypten aufgetaucht sein, anderes im Goldbazar von Bengasi. Die Täter, die Komplizen unter den Bankangestellten gehabt haben müssen, wurden nie gefasst.
Berichte über hilfreiche Insider gab es auch, als zu Beginn der ägyptischen Revolution in das Ägyptische Museum, Pflichtprogramm jedes Kairo-Besuchers, eingebrochen wurde. Es liegt direkt am Tahrir-Platz, dem Epizentrum des Aufstandes. 54 Exponate wurden gestohlen, darunter drei große, vergoldete Tutanchamun-Statuen. 80 Prozent der kleineren Figuren konnten wieder aufgespürt werden. Dem beherzten Eingreifen von Bürgern, die eine Menschenkette bildeten, ist zu verdanken, dass nicht viel mehr geraubt wurde. Zum kulturellen Super-GAU hat ohnehin nicht viel gefehlt: Wenn das Feuer, das die benachbarte Zentrale der Regimepartei in einen verrußten Betonklotz verwandelte, auf das Museum übergegriffen hätte. Das Holz vieler Schaukästen hätte einen guten Brandbeschleuniger abgegeben.
Geplünderte Magazine. Kurz vor seinem Rücktritt bezifferte der so umtriebige wie umstrittene Chefarchäologe und Kurzzeitminister Zahi Hawass die Zahl der landesweit vermissten Objekte auf 1000, darunter „keine bedeutenden Stücke“. Die Diebstähle, in den ersten Monaten nach dem Sturz Mubaraks eine regelrechte Plage, wurden seltener. Die großen, bewachten Magazine blieben unangetastet. In kleineren Lagern, bei Grabungshäusern oder Grabkammern kam dagegen vieles abhanden – unter anderem aus den Gräbern von Hetepka in Sakkara und Empi in Giza. In Giza verschafften sich Einbrecher mit gezückten Pistolen Zugang.
Eineinhalb Jahre nach Beginn der Revolution hat auch die Forschung wieder Tritt gefasst, auch wenn die Archäologen mit Sorge die wachsende Gesetzlosigkeit am Nil beobachten. Im ganzen Land gibt es einem Boom von illegalen Neubauten, der auch vor sensiblen Grabungsplätzen nicht haltmacht. Der Antikenverwaltung aber fehlen Mittel und Kraft, den Abriss solcher Schwarzbauten durchzusetzen.
Ägypten scheint vorerst aus dem Gröbsten raus zu sein. Von Syrien kann man das nicht sagen: „In Palmyra stehen die Panzer auf dem Burgberg und schießen auf alles, was sich in den Ruinen bewegt“, sagt Archäologe Schmidt-Colinet, der Palmyra bestens kennt: „Im Museum hat der Direktor die Vitrinen ausräumen lassen und die wertvollsten Stücke in ein Sicherheitsdepot gebracht.“ Was aber in Syrien tatsächlich vor sich gehe, darüber seien nur sehr schwer authentische Nachrichten zu erhalten: „Der syrische Antikendienst ist bestens organisiert. Solange aber marodierende und nicht mehr kontrollierbare Banden – von welcher Seite auch immer – ihr Unwesen treiben, so lange ist Alarmstufe Rot.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2012)
Buntes Treiben ''andersrum''
Rad-PicknickFaltrad-Rennen wie in Le Mans
Liu Bolin Der ''unsichtbare Künstler''
WienDie Votivkirche, eine ewige Baustelle