Moskau. Verwüstung, soweit das Auge reicht: Unterspülte Brücken und Häuser drohen einzustürzen, Autos stehen noch immer tief im Wasser oder liegen umgekippt neben Parkbänken oder Bäumen. Und nach wie vor wird nach Vermissten gesucht und gehofft, dass am Ende nicht auch sie noch zu den ohnehin schon 171 Todesopfern hinzugezählt werden müssen.
Am zweiten Tag nach der schlimmsten Flutkatastrophe in Russland seit Jahrzehnten herrschte am Montag nicht nur Staatstrauer. Je mehr die Leute sich vom Schock erholen, dass knapp 35.000 Einwohner der südrussischen Region Krasnodar in Mitleidenschaft gezogen worden sind, umso mehr entlädt sich die Wut. Um Eskalationen zu verhindern, wurden die Menschen im Katastrophengebiet sogar gebeten, Waffen temporär bei den Behörden abzugeben. Dabei sind genau die Behörden das Ziel der Wut. Am Montag nämlich verwandelte sich die Vermutung darüber, dass das Ausmaß der Überschwemmung nicht nur auf eine Naturkatastrophe, sondern auch auf fehlerhaftes Verhalten der Behörden zurückzuführen ist, in Gewissheit. Nicht die gesamte Bevölkerung im Gebiet Krasnodar sei vorschriftsmäßig alarmiert worden, gestand Zivilschutzminister Wladimir Putschkow ein: „Seitens der Leiter vor Ort sowie der Dienststellen wurden Fehler gemacht“, sagte er. Gebietsgouverneur Alexandr Tkatchev hat bereits einen Bürgermeister entlassen.
Steigender Druck der Medien
Das relativ schnelle Mitschuldeingeständnis und die personellen Konsequenzen sind indirekter Beweis dafür, dass eine Katastrophe dieses Ausmaßes mittlerweile auch politische Nervosität in Moskau auslöst. Gewiss, allem Anschein nach wird man sich auf Bauernopfer aus der Region selbst beschränken und die landesweite Systematik der behördlichen Schwachstellen nicht durch etwaige Entlassungen auf Bundesebene antasten. Die Staatsanwaltschaft hat jedenfalls Ermittlungen wegen Fahrlässigkeit aufgenommen und prüft unter anderem, ob das wiederholte Ablassen von Wasser aus einem Stausee in der Region zur Katastrophe beigetragen haben könnte. Und auch der Druck der Medien hat ein lange nicht gesehenes Ausmaß erreicht. So warf selbst die ansonsten handzahme Zeitung „Iswestija“ den Behörden Schlampigkeit vor.
Diese Zweifel waren in den vergangenen Jahren gehäuft aufgekommen. Konkret etwa bei den verheerenden Waldbränden im Sommer 2010, die im Übrigen laut Soziologen ein erstes Absacken von Putins Ratings in Meinungsumfragen verursacht haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2012)





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